Eine einfache Kiste

25. Juni 2025 Mehr

Mit dem Projekt „Gemeindebau NEU – Aspern H4“ setzt die Stadt Wien gemeinsam mit WUP architektur ein klares Statement für einen geförderten Wohnbau, der über das klassische Bild der sozialen Wohnversorgung hinausreicht. Es geht nicht mehr nur um leistbares Wohnen, sondern um Lebensräume, die auf Zukunftstauglichkeit, Nachhaltigkeit, Flexibilität und den Alltag der Bewohner:innen ausgerichtet sind. Was auf den ersten Blick wie ein nüchternes Bauvolumen erscheint, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als durchdachte architektonische Antwort auf die drängenden Fragen des urbanen Wohnens im 21. Jahrhundert.

 

 

Das Gebäude in der Mela-Köhler-Straße 7 in der Seestadt Aspern ist äußerlich eine einfache, klare Kubatur – eine bewusste Entscheidung, wie Bernhard Weinberger und Andreas Gabriel von WUP architektur betonen. In einer Zeit drastisch steigender Bau­preise war Reduktion nicht nur ein ökonomisches Gebot, sondern wurde zum kreativen Ausgangspunkt. Ursprünglich als äußerst flexibel nutzbarer Wohnbau mit beweglichen Möbeln und etlichen Schiebewänden konzipiert, musste das Projekt während der Umsetzung pandemiebedingt neu gedacht werden. Die Notwendigkeit zur Reduktion wurde zur architektonischen Tugend: „Im Nachhinein muss man sagen, dass durch das Gezwungensein auf das Wesentliche das Haus sogar viel besser geworden ist“, heißt es seitens des Entwurfsteams. Das Ergebnis ist ein Haus, das sich mit einfachsten Mitteln an ein Maximum an Lebensrealitäten anpasst – und dabei eine Wohnqualität bietet, die im geförderten Sektor nicht selbstverständlich ist.

 

 

Raum für das Leben

Kernidee des architektonischen Konzepts ist die Vorstellung von Wohnraum als „offenes Gefäß für Lebensverläufe“. Die klassische 3-Zimmer-Wohnung, die meist nur eine kurze Phase im Leben ideal abdeckt, wird hinterfragt. Stattdessen wird mit flexiblen Grundrissen gearbeitet, die sich verändernden Bedürfnissen im Laufe der Jahrzehnte anpassen können.

Die Wohnungen sind so konzipiert, dass sie eine mittige Sanitärzelle enthalten, die umlaufbar ist. Die erwähnten Schiebewände aus dem Ursprungskonzept wurden nicht komplett gestrichen und erlauben es zumindest in etwa einem Drittel der Wohnungen, Räume zu zonieren, ohne sie dauerhaft zu definieren. Lange, doppelt erschlossene Zimmer lassen sich einfach durch Stellwände oder Möbel abteilen. So wurden bewusst Raumreserven geschaffen, Bereiche ohne vorgegeben Funktion, die sich kreativ nutzen lassen und so zur langfristigen Anpassungsfähigkeit beitragen.

So kann eine typische Typ-B-Wohnung mit nur zwei offiziellen Zimmern wie eine 3- oder sogar 4-Zimmer-Wohnung funktionieren. Sie eignet sich für verschiedene Lebensphasen: sei es für WGs, Patchworkfamilien, Pflegepersonen, Homeoffice, Gäste oder Hobbys. Die Räume sind nicht in einem klassischen Sinn vollwertige Zimmer, sondern werden als flexible Nutzungsbereiche verstanden – eine Denkweise, die dem modernen urbanen Leben deutlich näher kommt als die rigide Zimmerzählung klassischer Wohnbauprojekte.

 

 

Tragwerk als Möglichkeitsraum

Die strukturelle Konzeption des Hauses ist ebenso reduziert wie durchdacht. Das Tragwerk basiert auf nur zwei tragenden Mittelmauern, die von schlanken Pfeilern in der Außenwand ergänzt werden. Das ermöglicht nicht nur große Fensteröffnungen und auskragende Balkone, sondern auch eine maximale Freiheit in der Grundrissgestaltung. Auf tragende Schotten wurde bewusst verzichtet. Die Trennwände zwischen den Wohnungen bestehen aus Trockenbau, wodurch spätere Umgestaltungen – etwa zur Umwandlung in Clusterwohnungen oder die Zusammenlegung mehrerer Einheiten – mit geringem Aufwand möglich sind. Diese strukturelle Vereinfachung reduziert nicht nur die Baukosten erheblich, sondern stellt auch sicher, dass das Gebäude über Jahrzehnte hinweg an neue Wohn- und Gesellschaftsformen angepasst werden kann. Das Haus ist so konzipiert, dass es langfristig wie ein strukturelles Großraumbüro funktioniert – offen, veränderbar, robust.

 

 

Materialehrlichkeit und Wohnqualitat

Auch die Materialwahl folgt einer klaren Logik: Alles Unnötige wird weggelassen. Sichtbeton wurde durch Ortbeton ersetzt, die Geländer bestehen aus verzinktem Stahl. Anstelle von Aluminium oder Holz kamen einfache weiße Kunststofffenster zum Einsatz. Doch diese Materialreduktion bedeutet keineswegs eine Einschränkung der Wohnqualität – im Gegenteil. Die Fenster sind raumhoch ausgeführt und ermöglichen von jedem Zimmer aus den direkten Zugang auf die Balkone. Diese umlaufen das Gebäude auf einem 1 Meter breiten Band und kragen an bestimmten Stellen bis zu 2,5 Meter weit aus. Die großzügige Belichtung schafft helle, offene Wohnräume. Raumhohe, vertikal montierte Heizkörper ersetzen platzraubende Konvektoren und ermöglichen so die volle Ausnutzung der Fensterflächen. Diese Kombination aus einfacher Ausführung und hoher Gebrauchstauglichkeit zeigt, wie selbst unter wirtschaftlich extremen Rahmenbedingungen hohe Wohnqualität erreicht werden kann – durch architektonische Präzision statt durch teure Materialien.

 

 

Gestaltung mit Haltung

Die Fassadengestaltung greift bewusst auf kräftige Farbfelder zurück, die die strenge Geometrie des Baukörpers gliedern. Dieses einfache Mittel ersetzt teure Fassadenmaterialien und verweist gleichzeitig auf die klassische Ästhetik historischer Wiener Gemeindebauten. Die Farbgestaltung wird auch im Inneren fortgeführt: Gänge, Foyers und gemeinschaftliche Zonen sind farblich akzentuiert, um dem anonymen Charakter vieler Neubauten entgegenzuwirken. Farbe wird hier als Form der Wertschätzung verstanden – gegenüber dem Gebäude, aber vor allem gegenüber den Bewohner:innen. Weiße Flure mit grauem Boden vermitteln schnell das Gefühl von Billigkeit und Gedankenlosigkeit. Farbige Gestaltung hingegen signalisiert, dass sich jemand Gedanken gemacht hat – über Atmosphäre, Orientierung, Zugehörigkeit. Das Wohnen beginnt nicht erst mit dem Öffnen der Wohnungstür, sondern bereits im gemeinschaftlichen Raum davor. Das geht Hand in Hand mit dem Anliegen der Architekt:innen, eine emotionale Bindung der Bewohner:innen zum Haus zu ermöglichen. Das gelingt nicht nur über Raumqualitäten, sondern auch durch die Möglichkeit der Aneignung. Die offenen Balkone etwa verzichten bewusst auf übertriebenen Sichtschutz. Das Haus lädt die Bewohner:innen ein, es sich zu eigen zu machen – auch gestalterisch. Eine Architektur, die solche Aneignung zulässt und aushält, ist robust im besten Sinn.

 

 

Darüber hinaus fördert das Projekt auch das soziale Miteinander. Ein Gemeinschaftsraum mit Küche kann für Feste, Nachbarschaftstreffen oder als kindlicher Spielraum genutzt werden. Gewerbeeinheiten im Erdgeschoss und Wohnformen wie „Wohnen & Arbeiten“ tragen dazu bei, das Quartier lebendig und funktional zu gestalten.

Trotz des engen Budgets wurde auch der Aspekt der sommerlichen Überhitzung mitgedacht. Das umlaufende Balkonband sorgt für Eigenverschattung, hinzu kommt ein außenliegender Sonnenschutz. Viele der großzügigen Balkonflächen wurden inzwischen von den Bewohner:innen begrünt – mit Zier- und Nutzpflanzen, die das Mikroklima verbessern und ebenfalls zur individuellen Aneignung der Außenräume beitragen. Der Balkon wird so nicht nur zum privaten Rückzugsort, sondern auch zur ökologischen Ressource.

 

 

Der Gemeindebau als urbanes Labor

Mit dem Projekt Aspern H4 zeigt Wien eindrucksvoll, wie auch unter engsten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zukunftsweisende Wohnbauten entstehen können. Der Gemeindebau NEU ist kein nostalgischer Rückblick auf das Rote Wien, sondern ein Ausblick auf eine neue Generation des sozialen Wohnbaus: flexibel, robust, nutzungsneutral, kosten­effizient und dabei dennoch poetisch.

 

 

 

Gemeindebau Aspern H4
Wien

Bauherr: WIGEBA
Planung: WUP architektur
Projektleitung: Raphaela Leu
Statik: ghp gmeiner haferl&partner zt gmbh
Freiraumplanung: rajek-barosch

Wohneinheiten: 76 (+3 Gewerbeeinheiten)
Baubeginn: 07/2021
Fertigstellung: 03/2023
Auszeichnungen: Klimaaktiv Gold, Nom. Mies-Van-Der-Rohe Award, Nom. Staatspreis Architektur & Nachhaltigkeit

www.wup-architektur.com

 

 

Text: Andreas Laser
Fotos: Luiza Puiu

Kategorie: Projekte