Eins draufgesetzt
Zwischen Alt und Neu hauchte Burckhardt Architektur in Genf einem Schulbau aus den späten 1960er-Jahren neues Leben ein. Das Schweizer Planerteam revitalisierte das Collège Rousseau behutsam und passte es mit neuen Elementen sowie einer Aufstockung aus Holz möglichst unauffällig an steigende Schülerzahlen an. Hinter der markant gerasterten Fassade gelang damit die Balance zwischen Denkmalschutz und energetischer Optimierung. Nach der Modernisierung ist der historische Betonbau nun fit für die Zukunft.
Der von Alain Ritter entworfene Bildungsbau wurde 1969 in Genf errichtet. Rund 55 Jahre später stand das brutalistische Gebäude unter Denkmalschutz. Allerdings machte der schlechte Zustand der bestehenden Schule eine umfassende Sanierung unumgänglich. Daraufhin wurde 2017 ein Wettbewerb ausgeschrieben, um die Sekundarschule nicht nur zu modernisieren, sondern außerdem zu erweitern und künftig Platz für mehr Schüler zu schaffen. Mit einem Entwurf, der die alte Bausubstanz aus Beton erhält, den Bestand behutsam fortschreibt und erneuert sowie eine Aufstockung aus Holz hinzufügt, konnte sich dabei das Büro Burckhardt durchsetzen. Die Schweizer Architekten ergänzten den Baukörper – angefangen von den Betonfertigteilen der prägnanten Lochfassade – subtil und integrierten im Inneren eine leichte Holzkonstruktion, die fortan für ein warmes, ansprechendes Ambiente sorgen soll.
Form follows function
Die Schule befindet sich – nördlich und südlich umgeben von Wohnhochhäusern sowie freistehenden Mehrfamilienhäusern im Osten und Westen – von der Straße zurückgesetzt, auf einem abfallenden Grundstück nahe der Genfer Innenstadt. Mit seiner rechteckigen Form legt sich der Baukörper um einen zentralen Innenhof. Über die Gliederung der Fassaden lassen sich die internen Funktionen an der Außenseite ablesen: Während die beiden, leicht zurückversetzten Sockelgeschosse großflächig verglast der Verwaltung gewidmet sind, zeigen sich die darüberliegenden Stockwerke mit den Unterrichtsbereichen geschlossener und streng gerastert.
Energieeffizient konzipiert
Um den höheren Schülerzahlen gerecht zu werden, galt es, den Bau zu vergrößern. Anstatt zusätzliche Fläche im Genfer Zentrum zu versiegeln, entschied man sich dabei aus optischen und nachhaltigen Gründen für eine Aufstockung. Zudem stellte sich die Entwurfsentscheidung als äußerst effizient heraus: Zum einen wurde durch die gestapelte Anordnung der Bedarf an neuer (technischer) Infrastruktur in der Schule reduziert. Zum anderen ließen sich auf diesem Weg die Kosten senken und das kompakte Layout minimiert den Wärmeverlust des Hauses. Eine leichte Holzstruktur erfüllte die statischen Anforderungen und ermöglichte die Erweiterung des Bestands ohne weitere Verstärkungen. Generell gelang es mit diesen Maßnahmen, den denkmalgeschützten Bau zu respektieren und den Energieverbrauch des Collège Rousseau trotzdem zu optimieren. „Für die Aufstockung wurden sehr hohe Energieeffizienzziele (THPE) erreicht, während für die historischen Teile die Ziele einer Minergie-Renovierung umgesetzt wurden“, schildern die Architekten.
Digitale Planung
Die einzelnen Phasen des Erneuerungs- und Erweiterungsprojekts unterstützte man – sowohl im Bestand als auch in der Aufstockung – durch ein BIM-Modell digital. Dafür vermaß man das historische Haus zunächst mittels 3D-Scan bzw. einer Punktewolke komplett und ergänzte es anschließend durch weitere Informationen aus Originalplänen, CAD-Dateien und fotobasierten 180 °-Aufnahmen. Dank der Kombination dieser verschiedenen Tools ließ sich das Gebäude besonders akkurat digitalisieren und so in weiterer Folge die Planung und Ausführung vereinfachen.
Die Schule wurde bei laufendem Betrieb renoviert. Nach dem Prinzip der „LEAN Construction“ fokussiere man sich deshalb in der komplexen Zusammenarbeit der unterschiedlichen Projektbeteiligten (von Architekten bis hin zu Technikern) auf möglichst effiziente Abläufe. So fanden beispielsweise die lärmintensiven Baustellenarbeiten während der Schulferien statt, um Störungen des Unterrichts zu vermeiden.
Zwischen Alt und Neu
Beim Grundriss des neuen, dritten Obergeschosses orientierte sich das Planerteam von Burckhardt Architektur am Bestand. Allerdings entschied man sich für eine großzügigere Raumhöhe und beließ die Holzoberflächen sichtbar. Zwei Oberlichter bringen künftig viel Tageslicht in die Erschließungszonen mit den beiden Haupttreppen und auch sonst öffnen sich sämtliche Bereiche der Schule über große Fenster entweder zur Umgebung oder zum zentralen Innenhof hin. Die Cafeteria im Eingangsniveau lädt als offener Pausenraum bzw. Treffpunkt ein und dient gleichzeitig als informeller Lernort. Eine Bibliothek und administrative Flächen gibt es ebenso. Die Aula unter dem zentralen Innenhof komplettiert als besonderes Highlight den Sockel des Schulbaus. In den bestehenden Etagen ertüchtigten die Architekten vorhandene Elemente und Materialien weitgehend und integrierten diese in das neue Gestaltungskonzept. So prägen neben Sichtbeton und Terrazzo auch Akustik-Deckenuntersichten im Stil der späten 1960er-Jahre weiterhin das Bild. Insgesamt stehen künftig fast 22.000 m2 Nutzfläche für den Schulbetrieb und als Unterrichtsflächen zur Verfügung.
Collège Rousseau
Genf, Schweiz
Bauherr: État de Genève, Kantonales Amt für Bauwesen
Planung: Burckhardt Architektur
Tragwerksplanung: Thomas Jundt Ingénieurs Civils
Bauphysik: ENPLEO
Fassade: Xmade
Betonfertigteile (Fassade): MFP Préfabrication
Elektrotechnik: Betelec
Haustechnik: Chammartin & Spicher
Akustik: Batj
Historiker Heimatschutz: Christian Bischoff
BIM/CDE: Kairnial (Thinkproject), Autodesk Construction Cloud
Gesamtfläche: 21.850 m2
Planungsbeginn: 2018
Fertigstellung: 2024
Text: Edina Obermoser
Fotos: Olivier Di Giambattista
Kategorie: Projekte










