Energetische Innovation aus Holz

23. Mai 2022 Mehr

Einen neuen städtebaulichen Maßstab setzten a+r Architekten mit der „Westspitze“. Mit dem Gewerbe- und Bürobau aus Holz realisierten sie das erste Holz-Hybrid-Gebäude in dieser Größenordnung in Deutschland. Das siebengeschossige Bauwerk wird als Musterbeispiel für Klimafreundlichkeit angesehen und hat sich in Tübingen bereits als „kompaktes Kraftwerk der Nachhaltigkeit“ einen Namen gemacht – verantwortlich dafür, ist nicht zuletzt die fast unsichtbare Solarfassade. Die energieerzeugende Außenhaut arbeitet effizient, wobei sie optisch nicht zu technisch wirkt.

 

Solarfassade - a+r Architekten - Westspitze

 

Die PV-Elemente mit farbiger Beschichtung integrieren sich geradezu spielend in die pulverbeschichtete, vorgehängte Außenhaut aus Aluminiumblech. Je nach Lichteinfall ändert die Fassade ihre Farbe, was den Bau lebendig – und bisweilen gar emotional – wirken lässt. Die Holz-Hybrid-Bauweise stellte die Architekten zweifelsohne vor eine Herausforderung – zur Meisterung des Zusammenspiels der Materialien war bei der Planung als auch beim Bau ein genaues Vorgehen gefragt. Es galt nämlich, die Fassadengeometrie den Anforderungen des Holz-Tragwerks anzupassen.

 

Solarfassade - a+r Architekten - Westspitze 

 

Die Raumdecken und die Außenwand bestehen aus rund 1.100 Kubikmetern Fichtenholz. Gemäß den Architekten handelt es sich dabei um über 1.000 Tonnen gebundenes CO2, wobei im Vergleich zum Bauen mit Stahlbeton ebenfalls weniger CO2-Verbrauch stattfand. Die Holz-Hybrid-Bauweise ist damit eine effektive ökologische Alternative zu konventionellen Baustoffen – das Innovationsprojekt zeigt auf, dass sich die noch junge Technik auch bei Hochhäusern sicher einsetzen lässt. Bereits ab dem ersten Geschoss wurde das Tragwerk des Gewerbegebäudes in dieser Ausführung errichtet, während die Planer Beton und Stahl so sparsam wie möglich anwendeten. Als Beispiel sind hier die Zimmerdecken zu erwähnen: diese setzen sich aus einem Holz-Brettschicht-Verbund mit sieben Metern Spannweite und Aufbeton von nur zehn Zentimetern zusammen.

 

 

Klimagerechte Bauweise fand auch in der Innenraumgestaltung Einzug. Für jede Ebene sahen die Planer vertikale Gärten aus Orchideen, Farnen und anderen Regenwaldpflanzen vor. Die Atmosphäre gleicht auf den 4.500 m2 Gewerbefläche damit einem Gewächshaus, sorgt für Komfort und Wohlbefinden.
Visuell ansprechend und durchaus atmosphärisch ist des Weiteren die Holz-Verbund-Bauweise an den Unterseiten der Zimmerdecken sowie den Stützen der Fassade. Durch raumhohe Verglasungen werden die Räume durch Tageslicht erhellt. In Kombination mit der natürlichen Beleuchtung und dem weißen Mobiliar schafft die freundliche, offene Gestaltung der Zimmer ein einladendes Gefühl von Weite.

 

 

Bei der Raumaufteilung stoßen intime Zonen auf offene Bereiche. So befinden sich im Gebäude nicht nur Büros – das Erdgeschoss wurde speziell für die Abhaltung von Kongressen, Events und anderen Großveranstaltungen konzipiert, während im siebten Stock ein Gemeinschaftsraum mit Terrasse allen Mietern zur Verfügung steht.

Das Tübinger Innovationsprojekt zeigt auf, wie sich eine klimagerechte Holz-Hybrid-Bauform auch in Form von Gewerbeeinrichtungen realisieren lässt. Das Ziel der Architekten – und auch der Bauherrin Westspitze Gewerbebau GmbH – war es, ein Gebäude mit langlebiger und wartungsarmer Fassadenverkleidung auf hölzernem Grundgerüst zu entwickeln; energetisch wurde die Einhaltung des KfW-55-Standards angestrebt. Das Vorhaben der Planer ging mit ihrem Büroturm am Fuße eines jungen Wohnquartiers voll auf. Auch bei Mietern stieß das einzigartige Design auf Anklang – nur wenige Wochen nach seiner Fertigstellung im August 2020 war das Haus vollständig bezogen.

 

Text: Dolores Stuttner
Fotos: Brigida Gonzalez

 

Kategorie: Projekte