Gemeinschaft als Bauprinzip
Mit dem Collegium Academicum (CA) in Heidelberg ist ein außergewöhnliches Projekt entstanden, das aus der Initiative einer Gruppe junger Aktivist:innen hervorging. Sie entwickelten die Idee eines dauerhaft bezahlbaren, gemeinschaftlich organisierten Studierendenwohnheims, das zugleich ein Ort für Bildung, Kultur und selbstbestimmtes Zusammenleben sein sollte. Aus dieser Vorstellung wuchs eine Vision, die weit über die Schaffung von Wohnraum hinausging und ein neues Verständnis von sozialer Nachhaltigkeit, Suffizienz und kollektiver Verantwortung formulierte. Für die architektonische und bauliche Umsetzung dieses anspruchsvollen Konzepts holte die Projektgruppe die DGJ Architektur GmbH ins Team – ein Büro, das seit vielen Jahren intensiv an nachhaltigen Bauweisen und partizipativen Planungsprozessen arbeitet und diese Expertise entscheidend in das Projekt einbrachte.
Von Beginn an prägte das Zusammenspiel zwischen der aktivistischen Projektgruppe und DGJ Architektur den gesamten Entwicklungsprozess. Während die jungen Initiator:innen ihre Vorstellungen einer selbstverwalteten, flexiblen und sozial verankerten Wohnform einbrachten, entwickelte DGJ Architektur die planerische Struktur, die konstruktive Logik und die räumlichen Möglichkeiten, die diese Ideen dauerhaft tragfähig machen. Aus diesem engen, dialogischen Miteinander entstand ein Gebäude, das die Haltung der Projektgruppe räumlich fassbar macht und gleichzeitig die architektonische Handschrift eines Büros trägt, das suffizientes und nachhaltiges Bauen auf hohem gestalterischen Niveau beherrscht.
Lernen im Alltag der Gemeinschaft
Das Collegium Academicum versteht sich nicht nur als Wohnprojekt, sondern als Bildungsinstitution. Die Selbstverwaltung ist integraler Bestandteil des pädagogischen Konzepts: Bewohnerinnen und Bewohner übernehmen Verantwortung für Mietverwaltung, Instandhaltung oder Finanzierung und erlernen auf diese Weise im Sinne des Projektlernens neue Fähigkeiten. Entscheidungen werden basisdemokratisch im Plenum getroffen, wodurch kollektive Prozesse nicht nur gelebt, sondern strukturell verankert sind. Ergänzt wird das Bildungsverständnis durch ein vielseitiges kulturelles und akademisches Programm aus Workshops, Seminaren und Lesungen. Das einjährige Orientierungsjahr falt*r bietet jungen Menschen zudem die Möglichkeit, sich zwischen Schule und Ausbildung in einem interdisziplinären Rahmen persönlich und fachlich weiterzuentwickeln.
Gemeinsam entwickelter Raum
Bereits in der Planungsphase setzte DGJ Architektur auf ein partizipatives Vorgehen, das über klassische Beteiligungsprozesse hinausging. In gemeinsamen Werkstätten entwickelten künftige Bewohnerinnen und Bewohner zusammen mit dem Planungsteam die Grundstruktur des Gebäudes. Aus dieser intensiven Zusammenarbeit entstand eine Wohnform, die sich durch hohe Anpassungsfähigkeit auszeichnet. Jede Wohnung gliedert sich um einen zentralen Gemeinschaftsraum, von dem aus die Individualbereiche erschlossen werden. Diese bestehen aus einer geschlossenen Kernzone und einer offenen, variablen Zone, die je nach Bedarf geöffnet, möbliert oder räumlich abgetrennt werden kann. In der hauseigenen Werkstatt fertigen die Bewohnerinnen und Bewohner Trennwände und Möbel selbst – ein Ausdruck gelebter Selbstbestimmung und unmittelbarer Materialerfahrung. Das Gebäude wird so zu einem Labor für Raumaneignung, in dem alltägliches Wohnen zum Prozess kollektiver Gestaltung wird.
Präzision & ökologische Zielsetzung
Auch in bautechnischer Hinsicht verkörpert das Projekt den Anspruch einer zukunftsweisenden Baukultur. DGJ Architektur realisierte den Neubau in einer nachhaltigen Element-Holzbauweise, die vollständig auf metallische Verbindungsmittel verzichtet. Stattdessen kommen traditionelle Zimmermannsverbindungen zum Einsatz, die eine präzise, reversible Konstruktion ermöglichen. Das Tragwerk aus Holzskelett und aussteifenden Wandscheiben um die Sanitärkerne erlaubt kurze Montagezeiten und einen späteren Rückbau mit minimalem Materialverlust. Holz als nachwachsender Rohstoff und CO2-Speicher bildet das konstruktive Rückgrat des Gebäudes und prägt dessen warme, sinnlich erfahrbare Atmosphäre. Die ökologische Konsequenz zeigt sich in jedem Detail – vom Einsatz von Recyclingbeton in der Bodenplatte über eine Fassade aus zu neunzig Prozent recyceltem Aluminium bis hin zu einer leistungsstarken Photovoltaikanlage, die bilanziell den gesamten Strombedarf deckt. Durch die Passivhausbauweise ist eine Beheizung mittels Fernwärme nur an wenigen Tagen im Jahr erforderlich. So entsteht ein nahezu klimaneutrales Gebäude, das auch im Betrieb durch minimalen Energiebedarf überzeugt und mit dem Qualitätssiegel Nachhaltiger Wohnungsbau (NaWoh) zertifiziert wurde.
Ein urbaner Katalysator
Der Neubau des Collegium Academicum markiert zugleich einen städtebaulichen Impuls für den Heidelberger Stadtteil Rohrbach. Auf der Konversionsfläche des ehemaligen Militärhospitals bildet das Ensemble aus Alt- und Neubau den Auftakt zur Revitalisierung eines lange vernachlässigten Quartiers. DGJ Architektur ordnete die Baukörper so an, dass sie einen offenen Innenhof umschließen, der zum gemeinschaftlichen Herz des Projekts wird. Hier finden Feste ebenso wie zufällige Begegnungen im Alltag statt – Momente, in denen Gemeinschaft räumlich erfahrbar wird. Ein Laubengang, der alle Wohnungen erschließt, öffnet sich zu diesem Hof hin und fördert spontane Begegnungen und soziale Interaktion. Die beweglichen Schiebeläden der Fassade, entwickelt im Rahmen eines Forschungsprojekts der Deutschen Bundesstiftung Umwelt, verleihen dem Bau ein wandelbares Erscheinungsbild und spiegeln das lebendige, vielfältige Leben seiner Bewohnerinnen und Bewohner wider.
Holz, Licht und Gemeinschaft
Die architektonische Sprache des Projekts ist geprägt von Offenheit und Klarheit. Sichtbares Holz, präzise Strukturen und der Dialog zwischen Innen und Außen bestimmen das Erscheinungsbild. Die eingeschossige Aula im Erdgeschoss verbindet die beiden Gebäudeteile und schafft Raum für gemeinschaftliche Aktivitäten, während eine Dachterrasse als grüner Treffpunkt den Blick über das Quartier öffnet. Insgesamt bietet der Neubau 176 Wohnplätze, die barrierefrei zugänglich und langfristig auch für andere Wohnformen – etwa seniorengerechtes oder betreutes Wohnen – nutzbar sind. Damit beweist das Projekt, dass soziale und architektonische Nachhaltigkeit sich nicht ausschließen, sondern einander bedingen.
Collegium Academicum (CA)
Heidelberg, Deutschland
Bauherr: Collegium Academicum e. V.
Planung: DGJ Architektur
Projektleitung: Frederik Ehling, M.A. Arch.
Statik Holz, Schallschutz: Pirmin Jung Deutschland GmbH
Statik Beton: Jäger Ingenieure
Landschaftsarchitektur: GDLA – Gornik Denkel, landschaftsarchitektur partg mbb
Nutzfläche: ca. 7 200 m²
Planungsbeginn: 2016
Fertigstellung: 2023
Text: Andreas Laser
Fotos: Thilo Ross, DGJ Architektur GmbH
Kategorie: Projekte














