GKK Leoben – WEIchlbauer & ORTis architects

14. April 2011 Mehr

GKK Leoben - WEIchlbauer & ORTis architects

Eine fast alltägliche Aufgabe, eigenwillige „verrückte“ Architekten, sprachliche Eskapaden, verwinkelte Gedanken, kluge Schachzüge, ungewöhnliche Entwurfsansätze – aber herausgekommen ist dabei eine hochinteressante Architektur. Leicht machen es sich die Architekten WEIchlbauerORTis weder selbst noch dem Betrachter.

Schon gar nicht dem beschreibenden Betrachter:

free – style eine post-moderne wort-kombination
mehrdeutig? sich widersprechend?  © kopiergeschützt?
ein ordnungs-system
basierend auf einer gewohnheits-überwindungs-
(= einer kreativitäts-erweiterungs-)hypothese.
free – style – planning
bezieht sich auf analog – !  +  ! digital – ! methods

– das ist eine kurze Erklärung der Entwurfs- und Formfindungsmethode von WEIchlbauerORTis. Sie verfolgen dabei das Ziel, bloß keinen unverwechselbaren eigenen „Stil“ zu finden, denn das wäre eine Wiederholung eines einmal gefundenen Formenrepertoires. Ihr Ansatz ist es, jeden Entwurf von völlig konträren Ausgangsparametern prägen zu lassen. Wenn dasselbe Projekt ein zweites Mal zu planen wäre, käme (möglicherweise) ein komplett anderer Körper oder sogar eine gegensätzliche Lösung zustande. Das entsteht durch sogenannte „kognitive Vernetzungsakrobatik“. Die REGEL bestimmt die FORM und die NAMENSGEBUNG den ZWECK!

Ihren Prozess des Entwerfens nennen die beiden Architekten Reinhold Weichlbauer und Albert Ortis – wie schon oben erwähnt – „Freestyle Planning“. Dabei generiert der Computer aus ihren Softwarebefehlen vorerst „bedeutungslose“ Geometrien, jenseits von Gestaltungs- oder gar Geschmacksfragen. Die so entstehenden Diagramme werden immer wieder abgewandelt und ihr Abstraktionsgrad möglichst lange aufrecht erhalten, ehe der Prozess gestoppt wird. Erst das so gefundene Ergebnis erhält eine Bedeutungszuweisung, indem es interpretiert auf seine Brauchbarkeit als realisierbarer Plan (Grundriss, Schnitt, Ansicht etc.) hin untersucht und adaptiert wird.

Die Tatsachen

Die Aufgabe war, ein ca. 770 m² großes Grundstück mit einem viel zu großen zweigeschoßigen Gebäude entweder umzubauen, rückzubauen oder neu zu bauen. Der Auftraggeber war die Gebietskrankenkasse Steiermark – vom dem zu gestaltenden Objekt wurde nur das Erdgeschoß genutzt, das Obergeschoß stand leer.
Nach vielen Diskussionen entschied man sich für den Abbruch und Neubau. Dieser konnte 2009 fertiggestellt werden und dadurch, dass das bisher an der Straße situierte Gebäude in den hinteren Grundstücksbereich gelegt wurde, konnte sogar Platz für die immer notwendigen Parkplätze geschaffen werden.

Der Trick

Für die Filiale der Steiermärkischen Gebietskrankenkasse in Leoben arbeiteten die Architekten mit algorithmischen Codes, die sich aus der Geometrie des Grundstücks und des Bestandsgebäudes ergaben, überlagerten sie mit Codes der neuen Bauplatzfläche, die über städtebauliche Parameter und das vorgegebene Raumprogramm generiert wurden und verwendeten die Textfelder eines Formulars, um Elemente für Dach und Wand geometrisch zu dimensionieren. Die Architekten Weichlbauer-Ortis hatten nämlich (vielleicht aus eigener Erfahrung) den Wunsch, die bei der GKK vorhandene Formularflut optisch in die Gebäudegestaltung einfließen zu lassen.

Das Egebnis

Das Ergebnis ist ein eingeschoßiger Pavillon, der aus einer dichten Folge von in drei Hauptfarben – gelb, grün, weiß – eingefärbten Betonpfeilern mit unterschiedlicher Höhe und Breite gebildet wird. Im Wechsel mit den Glasflächen ergeben sie so die Raumhülle. Die sich innerhalb des Gebäudes befindlichen „Säulen/Kuben“ werden geschickt zur Zonierung und Raumbildung verwendet. Es entstand ein Großraumbüro, indem sich fast organisch differenzierte Bereiche abzeichnen.
Zum Vorplatz hin scheint sich das Gebäude in Einzelelemente aufzulösen. Während jedoch im Dekonstruktivismus die sich auflösenden Bauteile funktionslos bleiben, haben sie hier zum Teil bestimmte Funktionen. Alle Kuben stehen an vorher genau überlegten Positionen und übernehmen durchaus praktische Aufgaben: Pfeiler, die nun als Lichtkörper fungieren, Parkplatzbeleuchtung, Briefkästen, Raumtrenner und Abgrenzungen. Auch frei stehende Glaselemente sind da: Als wären sie überzählig gewesen und vergessen worden – „nur sein und keine andere Funktion haben“ – um den offenen Entwurfsprozess mit überraschenden Gestaltungsergebnissen zu belegen. Ein leerer, durchsichtiger Rahmen – der vielleicht das unausgefüllte Formblatt versinnbildlicht – ist auch vorhanden.

Gebietskrankenkasse Leoben, Steiermark

Bauherr: Gebietskrankenkasse Steiermark
Planung: Arch. DI Reinhold Weichlbauer, Arch. DI Albert Josef Ortis
Mitarbeiter: Arch. DI Johann Kaltenegger
Statik: DI Manfred Petschigg
Grundstücksfläche: 770 m²
Bebaute Fläche: 386 m²
Nutzfläche: 328 m²
Planungsbeginn: 2005
Bauzeit: 2008
Fertigstellung: 2009
Baukosten: 610.000 Euro

Die Architekten WEIchlbauerORTis beschritten mit ihrem Verwaltungsbau für die Gebietskrankenkasse der Steiermark in Leoben einen ungewöhnlichen Weg: Ein digitaler, mit Zufallsgeneratoren arbeitender Entwurfsprozess war der Ausgangspunkt für diese – an bunte Bauklötze erinnernde – aber durchaus funktionale und auch ästhetisch ansprechende architektonische Lösung.

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Kategorie: Projekte

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