Großzügigkeit im Mikro-Format

26. Januar 2026 Mehr

Qualität statt Quantität lautete das Motto beim Projekt Cube68 von Liebel/Architekten. Das Planungsbüro aus Aalen entwarf mit dem Apartmenthaus in Dinkelsbühl einen Holzmodulbau, der 57 Mikro-Einheiten auf kleinster Fläche unterbringt und dabei erstaunlich viel Gestaltungsspielraum bietet. Entstanden ist nicht nur ein Pilotprojekt, das eine Lösung für die Wohnraumproblematik bietet, sondern in erster Linie ein Neubau, der trotz Fokus auf Nachhaltigkeit und Effizienz nicht auf den Nutzerkomfort vergisst.

 

 

Im mittelfränkischen Dinkelsbühl setzten es sich Bauherrschaft und Architekten zum Ziel, neuen Wohnraum zu schaffen und dabei auf dem Grundstück zwischen Natur und der historischen Altstadt im Neubaugebiet Gaisfeld möglichst wenig Fläche zu verbrauchen. Um das zu erreichen, wählte man einen modularen Ansatz, der viele kompakte Apartments kombiniert. Neben effizienten Grundrissen stand dabei aber auch im Fokus, nicht bei der Qualität der Räume einzusparen. Das Ergebnis ist ein viergeschossiges Gebäude in Holzbauweise mit 68 Holzmodulen, die dem Projekt seinen Namen verleihen.

 

 

100 % vorgefertigte Mikro-Module

Beim Thema Modularität entschieden sich die Planer für einen besonderen Ansatz: Die 68 Holzmodule wurden komplett vorgefertigt und auf der Baustelle lediglich aufeinandergestapelt. Vor Ort fügten sich die einzelnen, schlüsselfertig ausgeführten Bauteile dann innerhalb weniger Tage zu einem Apartmenthaus mit vier Etagen zusammen. Jedes der Module ist 43 m2 groß und verfügt dank Vorfabrikation unter gleichbleibenden, wetterunabhängigen Bedingungen über eine hohe Ausbauqualität. Da sämtliche Einheiten über eigene Wände, Böden und Decken verfügen, erwies sich das baukastenartige System nicht nur in Hinblick auf die Bauzeit, sondern auch auf den Schallschutz als ökonomische Wahl. Da die Wandkonstruktionen die Brandausweitung minimieren, war es außerdem möglich, die Wand- und Deckenoberflächen unverkleidet zu belassen und das Naturmaterial in den Innenräumen als gestalterisches Element zu nutzen.

 

 

Wohnkomfort trifft Flächeneffizienz

Trotz der Standardmaße ermöglichen die Module eine flexible Grundrissgestaltung. Die Zellen lassen sich zu Einheiten mit 1,5 bzw. 2 Modulen zusammenlegen. Daraus ergeben sich 4 Wohnungstypen mit Größen zwischen 43 und 113 m2. Die auf diese Weise entstandenen 57 Apartments erstrecken sich jeweils über die gesamte Gebäudetiefe und öffnen sich auf der einen Seite zu einer privaten, vorgelagerten Loggia, auf der anderen zum gemeinsamen Hof hin, wo sich die laubengangartige Erschließung befindet. Damit verfügt jede Einheit über Außenbereiche und wird dank der zweiseitigen Orientierung und bodentiefer Fensterflächen gut belüftet und belichtet. Maßgefertigte Einbaumöbel nutzen den begrenzten Platz bestmöglich. Sie bieten Stauraum und lassen die flächeneffizienten Wohnungen erstaunlich großzügig wirken. Während die natürlichen Holzoberflächen für den nötigen Komfort und ein angenehmes Raumklima sorgen, wurden auch Ausstattung, Farben und Licht von einem interdisziplinären Planerteam perfekt aufeinander abgestimmt.

 

 

Gemeinschaftsräume für soziale Interaktion

Die soziale Komponente spielte bei dem Entwurf von Cube68 ebenfalls eine zentrale Rolle: Um informelle Gemeinschaftsorte zu schaffen, die zufällige Treffen ermöglichen, fiel die Wahl bei der Erschließung auf Laubengänge. Mit Platz für Sitzgelegenheiten im Freien fördern die Zirkulationswege den Austausch der Bewohner untereinander. Die einzelnen Gebäude sind zusätzlich rund um einen Hof gruppiert, der das kommunikative Herzstück der Wohnanlage bildet. Neben einer Boule-Anlage und Aufenthaltsbereichen komplettieren eine Paketstation und – in einem Modul untergebracht – eine Sauna das kollektiv nutzbare Angebot.

 

 

Nachhaltigkeit in Bau & Betrieb

Aufgrund der Masse der Massivholzbauteile konnte in den Wohngeschossen, abseits der Erschließungsflächen, auf Beton verzichtet werden. Die Holzmodule speichern Liebel/Architekten zufolge rund 1.200 t
CO2. Weitere Entwurfsentscheidungen machen Cube68 besonders nachhaltig: Sämtliche Module wurden mit Schraubverbindungen umgesetzt und lassen sich so bei Bedarf vollständig demontieren und rückbauen. Zusätzlich setzte man mit Holzfaserdämmung, Trockenestrich und regionalem Holz gänzlich auf ökologische Materialien. In der unterirdischen Tiefgarage konnte man den Stahlbetonverbrauch – dank einer Ausnahmegenehmigung der Stadt mit einem Stellplatz pro Einheit – minimieren und auf dem Grundstück zusätzliche Retentions- und Versickerungsflächen realisieren. Für Grün und Bepflanzung steht im Hof, in den Laubengängen sowie auf den Terrassen und dem extensiv begrünten Dach ebenfalls genügend Raum zur Verfügung – die Projektfotos spiegelten das noch nicht wieder, da sie Ende November und vor Fertigstellung der Außenanlagen gemacht wurden. Ergänzend zur effizienten, seriellen Bauweise ist das Haus auch im Betrieb nachhaltig konzipiert. Dazu beitragen sollen eine Fernwärmeheizung, ein Wohnraumbelüftungssystem mit Wärmerückgewinnung und eine Photovoltaikanlage mit Batteriespeicher, die das gesamte Apartmenthaus mit Strom versorgt. Zusätzlich dienen die weit auskragenden Loggien und Erschließungsbereiche als passiver Sonnenschutz und runden die modulare Anlage stimmig ab.

Cube68 soll außerdem kein Einzelprojekt bleiben, sondern erst der Anfang sein. Der Modularbau kann an unterschiedliche Anforderungen angepasst werden und lässt sich damit einfach reproduzieren. Je nach Rahmenbedingungen kann man die einzelnen Zellen beliebig staffeln und damit Folgeprojekte an weiteren Standorten umsetzen – was laut dem Architekturbüro auch bereits in Planung ist.

 

Cube68
Dinkelsbühl, Deutschland

Bauherr: WISA Baubetreuungs- und Bauträgergesellschaft mbH
Planung: Liebel/Architekten
Tragwerksplanung: Merz Kley Partner
Modulbau: Kaufmann Zimmerei und Tischlerei
Geologie: Geotechnik
Bauphysik: GN Bauphysik
Elektroplanung: Planungsbüro für Elektrotechnische Gebäudeausrüstung, Siegfried Wilde
HLS-Planung: IB Bautz
Brandschutz: Joachim Gaißer, Büro für Brandschutzplanung
Innenarchitektur: Liebel/Architekten & lark – laboratorium für lokale architektur und raumkonzepte
Lichtplanung: Lichtstudio Eisenkeil

Grundstücksfläche: 2.970 m2
Nutzfläche: 4.340 m2 inkl. Tiefgarage
Planungsbeginn: 02/2021
Baubeginn: 09/2023
Fertigstellung: 11/2024

www.liebelarchitekten.de

 

 

Text: Edina Obermoser
Fotos: Brigida González

Kategorie: Projekte