Haus der Übergänge

24. August 2026 Mehr

Nahe dem Attersee, in Abtsdorf, realisierte die Architektin Anna Kovacs mit ihrem Büro NANA Architektur ein Wohnhaus, das weit über den Typus des klassischen Einfamilienhauses hinausgeht. Unter dem Titel „Haus am See“ verbindet das Projekt privaten Wohnraum mit Praxis und Ferienwohnung und reagiert damit auf eine Bauaufgabe, die zugleich räumliche Offenheit, funktionale Trennung und ein hohes Maß an Privatheit verlangte. Der Entwurf knüpft an ländliche Bautraditionen an und übersetzt das Motiv des Vierkanthofs in eine reduzierte, präzise gesetzte Architektur.

 

 

Ausgangspunkt des Projekts war die Suche nach einer „harmonischen, heimeligen Behausung“, die Wohnen, Arbeiten und eine Form von Öffentlichkeit miteinander versöhnt. Geprägt wurde der Entwurf dabei sowohl vom komplexen Raumprogramm als auchvom Ort selbst: von der Topografie des Grundstücks, der umliegenden dörflichen Bebauung und der exponierten Lage an der Bundesstraße auf der einen Seite sowie dem freien Blick ins Grünland auf der anderen. Früh war klar, dass sich das Haus nicht zur Nachbarschaft hin orientieren, sondern die Weite der Landschaft bestmöglich ausschöpfen sollte. Es kehrt der umgebenden Bebauung bewusst den Rücken zu und öffnet sich jenen Blickachsen, die Ruhe, Distanz und Landschaftserlebnis versprechen. Die Nordseite wird dabei zur bevorzugten Außenorientierung: Terrassen- und Aufenthaltsbereiche liegen nicht an der klassischen Südseite, sondern dort, wo sich auch in heißen Sommern eine nutzbare und unbeschwerte Beziehung zwischen Innen- und Außenraum herstellen lässt. Fensteröffnungen fangen gezielt einzelne Ausblicke ein und machen selbst Nebenräume zu präzise gerahmten Beobachtungspunkten in die Umgebung.

 

 

Zwischen Referenz und Abstraktion

Formal verdichtet sich dieser Ansatz in einer Figur, die den Vierkanthof nicht historisierend zitiert, sondern neu interpretiert. Die Referenz war bereits im frühen Entwurfsprozess präsent – nicht zuletzt, weil der Bauherr auf einem Vierkanthof aufgewachsen ist und damit eine emotionale Verbindung zu dieser Typologie bestand. An die Stelle des klassischen Satteldachs tritt jedoch eine verzogene Dachlandschaft, die das südlich liegende Höllengebirge ­abstrakt nachzeichnet. So entsteht eine Architektur, die einerseits in der regionalen Bautradition verankert ist, andererseits aber eine eigenständige, prägnante Form entwickelt.

 

 

Auffällig ist, wie eng äußere Form und innere Raumorganisation aufeinander bezogen sind. Das markante Dach bestimmt nicht nur die Silhouette des Hauses, sondern wirkt auch im Inneren raumbildend. Über dem Wohnbereich steigen die Dachflächen zu einem Hochpunkt an und flachen zu den Individualräumen hin ab. Ein Gefühl von Weite stellt sich bereits beim Eintreten ein. Eine überhohe, rahmenlos in die Fassade eingelassene Tür markiert den Zugang und verstärkt die Wirkung des sich nach innen öffnenden Raums. Nicht raumhohe Einbauten und galerieförmig organisierte „Boxen im Raum“ halten das Volumen als zusammenhängenden, fließenden Innenraum lesbar. Licht, Proportion und Materialität greifen dabei eng ineinander. Der Kachelofen mit anschließendem Sitzpodest bildet das Zentrum, um das sich der Wohnbereich organisiert.

 

 

Konstruktive Differenzierung

Für den privaten Hauptbaukörper fiel die Wahl auf eine massive Holzbauweise, die dem Haus eine warme und ruhige Materialwirkung verleiht. Die Bereiche für Praxis und Ferienwohnung wurden dagegen in Betonfertigteilen realisiert und entsprechend robust und dauerhaft ausgebildet. Diese konstruktiv klar ablesbare Trennung schärft zugleich die funktionale Gliederung des Hauses. Der dazwischenliegende Carport übernimmt als Puffer- und Übergangsraum eine entscheidende Rolle. Er vermittelt zwischen den Nutzungen, dient als räumliche Schleuse und unterstützt jene klare Trennung, die für das Funktionieren eines solchen Nutzungsmixes wesentlich ist.

 

 

Die Materialwahl folgt konsequent dem Prinzip der Reduktion und der „Echtheit“ der Baustoffe. Sichtbares Massivholz wurde weiß lasiert, Stahlträger roh geölt belassen, die Lärchenfassade sägerau verarbeitet. Hinzu kommen ein betonierter Küchenmonolith, zementöse Bodenbeschichtungen und Zementfliesen – eine Materialpalette, die robust, zurückgenommen und zugleich präzise wirkt. Charakteristisch ist der hohe Grad an handwerklicher Durcharbeitung: vom großen Falt-Schiebetor im Carport bis zu den über die gesamte Fensterhöhe reichenden Holzverschattungselementen, die sich bündig in das Fassadengefüge einfügen und im Innenraum ein vielschichtiges Spiel aus Licht und Schatten erzeugen. Besonders aufwendig war dabei die Ausbildung der Deckenuntersicht im Wohnraum, deren geometrische Präzision nur in enger Zusammenarbeit von Tischler, Zimmerer und Dachdecker realisiert werden konnte.

 

 

Ein Haus, mehrere Rollen

Inhaltlich lässt sich das Haus auch als Kommentar zur aktuellen Diskussion um das Einfamilienhaus lesen. NANA Architektur begegnet diesem Typus nicht mit Ablehnung, sondern mit Transformation: Der Nutzungsmix aus Wohnen, Arbeiten und temporärem Wohnen erhöht die räumliche und programmatische Dichte, schafft Flexibilität für spätere Lebensphasen und formuliert ein verantwortungsvolleres Verständnis von privatem Bauen. Nachhaltigkeit wird dabei nicht auf Technik reduziert – auch wenn Erdwärme, Photovoltaik, Ladeinfrastruktur und Selbstversorgungsgarten Teil des Konzepts sind –, es wird vor allem als Zusammenspiel von Material, Nutzungsvielfalt und langfristiger Anpassbarkeit begriffen. Noch entscheidender ist jedoch, wie sich das Haus im Alltag bewährt. Auch knappe zwei Jahre nach dem Einzug, so die Architektin, sei die Rückmeldung der Bauherrschaft von ungebrochener Freude geprägt: Das Haus werde im Alltag als Geschenk erlebt.

 

 

Haus am See
Abtsdorf, Oberösterreich

Bauherr: Privat
Planung: NANA Architektur, Anna Kovacs
Team: Sylvia Sauermann, Lucas Mayerhofer, Clemens Lenhart
Statik: PYS Podany – Symb Gmbh, Florian Brauner

Grundstücksfläche: 1400 m²
Wohnfläche: 300 m²
Planungsbeginn: 2022 – 2023
Bauzeit: 12 Monate

www.nana-architektur.at

 

Text: Andreas Laser
Fotos: Andreas Jakwerth

Kategorie: Projekte