Im Spiel des Lichts

23. Juni 2026 Mehr

Für den Innovationscampus Cyber Valley in Tübingen, an dem Forschung im Bereich Künstliche Intelligenz und Robotik räumlich gebündelt wird, hat ­heinlewischer einen Neubau mit klar gegliedertem Raumprogramm entworfen. Prägendes Element ist eine zweischichtige Fassade, in der Sonnenschutz, Wartung und Photovoltaik zu einem integrierten System verbunden sind.

 

Innovationscampus Cyber Valley Tübingen

 

Mit dem ersten Bauabschnitt des Innovationscampus Cyber Valley nimmt im Wissenschafts- und Technologiepark Tübingen ein Forschungsstandort Gestalt an, der verschiedene Bereiche aus Wissenschaft und anwendungsnaher Entwicklung räumlich zusammenführt. Der Neubau vereint Arbeitsräume, Hörsäle, Labore und Flächen für Austausch, Präsentation und Start-ups und markiert den Auftakt für den weiteren Ausbau des Campus. Nutzer sind das AI Center der Universität Tübingen und das Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme.

Der von heinlewischer geplante Baukörper entwickelt sich aus einem nahezu quadratischen Grundriss mit trapezförmigem Sockel. Im Zentrum liegt ein Atrium, das von einer ETFE-Membran überspannt wird und die innere Organisation zusammenbindet. Im Erdgeschoss sind Hörsäle, Seminarräume, Sonderlabore und ein Pressebereich mit Experimentierlabor angeordnet; in den Obergeschossen reihen sich kleinteilige Büros entlang der Fassade, während sich zur Mitte hin Labore, Besprechungszonen und offene Arbeitsbereiche orientieren. Das Dachgeschoss ergänzt das Raumprogramm um Aufenthalts- und Besprechungsräume sowie den Zugang zur begrünten Dachterrasse.

 

Innovationscampus Cyber Valley

 

Die aktive Hülle

Eine besondere Bedeutung kam im Entwurfsprozess der Fassade zu. Sie sollte den funktional organisierten Baukörper nicht einfach verkleiden, sondern ihm eine zusätzliche Ebene geben, die technische Anforderungen, Wartung und Erscheinungsbild zusammenführt. Bereits früh war eine zweite Hülle vorgesehen, zunächst noch ohne Photovoltaik, aber mit außenliegendem Sonnenschutz und dem Gedanken an intelligente Steuerungssysteme. Im Verlauf der Planung und Bauausführung wurde dieses Konzept um PV-Module erweitert. Aus einer sekundären Fassadenebene wurde so ein mehrschichtiges System, das Energiegewinnung, Verschattung und Zugänglichkeit miteinander verknüpft.

Konstruktiv besteht die thermische Hülle aus einer Pfosten-Riegel-Konstruktion zwischen massiven Sturz- und Brüstungselementen. Diese sind mit einer hinterlüfteten Vorhangfassade verkleidet und tragen die vorgesetzten Wartungsbalkone. An deren Konsolen, die thermisch getrennt am Rohbau befestigt sind, sitzt über Tragprofile die abgewinkelte zweite Fassadenebene. In dieser sind die Photovoltaik-Module und der textile Sonnenschutz angeordnet. Unterschiedliche Prismenwinkel von 15 und 30 Grad erzeugen eine abgestufte Fassadenstruktur und brechen die Strenge des horizontalen Fassadenbilds.

 

Innovationscampus Cyber Valley Tübingen

 

In der Umsetzung stellte insbesondere die Integration der Photovoltaik hohe Anforderungen an Statik, Detailplanung und Montage. Die Unterkonstruktion musste auf Gewicht und Befestigung der Module abgestimmt werden; zugleich waren Leerrohrführung, Wechselrichterstandorte und die Einspeisung in Hausnetz und öffentliches Netz mit TGA und Bauphysik zu koordinieren. Auch die Durchdringungen der Dämmebene wurden bauphysikalisch untersucht. Mock-ups und ein Fassadenmodul im Maßstab 1:1 dienten dazu, Neigung, Verschattung, Unterkonstruktion und die Integration des Sonnenschutzes zu überprüfen.

 

 

Licht, Energie, Steuerung

Energetisch ist die Fassade Teil eines übergeordneten Konzepts, bei dem sie mit etwa 1.000 m² PV auf dem Dach ergänzt wird. So wird ein Jahresertrag von rund 78.000 kWh erreicht. Im Gebäude selbst wird der erzeugte Strom vollständig genutzt, unter anderem für einen sehr energieintensiven Serverbereich. Dessen Abwärme wird wiederum in die Beheizung integriert. Nach Angaben des Architekturbüros deckt der PV-Ertrag damit zu rund zehn Prozent den Energiebedarf des laufenden Betriebs.

Ein weiterer Bestandteil des Fassadenkonzepts ist der textile Sonnenschutz. Zentral gesteuert über Wetterdaten und Bewegungsmelder, reagiert er auf Sonnenstand, Temperatur, Wind und Raumbelegung, kann jedoch von den Nutzerinnen und Nutzern bei Bedarf übersteuert werden. Die zweite Fassadenebene reguliert den Lichteintrag, ohne den Raumcharakter im Inneren einzuschränken. Durch den Abstand zur Primärfassade bleibt ihre räumliche Offenheit erhalten, während spezielle Behänge auch in geschlossenem Zustand den Außenbezug wahren. So verändert sich das Erscheinungsbild des Hauses im Tagesverlauf, ohne die Innenräume von ihrer Umgebung abzuschirmen.

 

Innovationscampus Cyber Valley Tübingen

 

Die Hülle im Unterhalt

Auch im Betrieb ist die Fassade auf Dauerhaftigkeit und Wartbarkeit ausgelegt. Die Wartungsbalkone erleichtern Reinigung, Inspektion und den Zugang zu den PV-Modulen und sind damit Teil einer Konstruktion, die auf langfristige Betriebssicherheit angelegt ist. Auch im Lebenszyklus bleibt die Hülle durch diese zugänglichen und kontrollierbaren Schichten dauerhaft gut handhabbar. Trennbare Aufbauten und recyclingfähige Materialien wurden dabei mitgedacht, ohne dass hierfür projektspezifische Sonderanforderungen formuliert wurden.

 

 

Mehr als ein Solitär

Im städtebaulichen Zusammenhang ist der Bau als Teil eines Ensembles gedacht. Gemeinsam mit dem benachbarten und im Ausbau befindlichen zweiten Bauabschnitt fasst er die Straßenräume entlang der Maria-von-Linden-Straße und bis zum Parkhaus. Die Fassadenkonstruktion soll dort erneut aufgegriffen, jedoch farblich variiert werden, sodass ein Zusammenhang aus verwandten Gebäuden entsteht, der den neuen Campus räumlich und visuell prägen wird. Der Neubau markiert damit den Beginn einer Campusstruktur, deren Wirkung sich erst mit dem weiteren Ausbau vollständig entfalten wird. Gerade darin liegt seine besondere Stellung: Er behauptet sich als erster Baustein und bleibt zugleich anschlussfähig für das, was folgen wird.

 

 

Innovationscampus Cyber Valley
Tübingen, Deutschland

Bauherr: Land Baden-Württemberg, vertreten durch Vermögen und Bau Baden-Württemberg, Amt Tübingen
Planung: heinlewischer, Stuttgart
Team: Till Behnke (verantwortlicher Partner), Steffen Walter (verantwortlicher Partner/Projektleiter), Heide Nerger, Annelaure Thuault, Saniye Kocak, Anastasia Kozhevnikova, Maria Shelkovska, Afsaneh Sheikhzeinoddin, Matthias Holtkamp, Mathilde Richard
Tragwerksplanung: wh-p Ingenieure, Stuttgart
Bauphysik: Müller BBM, Stuttgart
TGA-Planung: Planungsgruppe M+M AG, Böblingen (HLSK), Müller und Bleher, Filderstadt (ELT)
Fassadenplanung: G-Plan, Bühl
Pfosten-Riegel-Fassade: Wicona
Metallbau: HW Heinrich Würfel Metallbau
Planungsbeginn: 11/2018
Bauzeit: 01/2022 – 10/2025
Nutzungsfläche: 7.010 m²

www.heinlewischer.de

 

 

Text: Andreas Laser
Fotos: Brigida González

Kategorie: Projekte