In Stein gehüllt

16. Juni 2025 Mehr

 Mit dem John W. Boyer Center der University of Chicago in Paris realisierte das US-amerikanische Büro Studio Gang sein erstes Projekt in Frankreich. Die Architekten stapelten die einzelnen Funktionen des Bildungsbaus kurzerhand übereinander und entwickelten so einen vertikalen Campus, der den begrenzten Raum bestmöglich nutzt. An der Außenseite zieht eine Fassade mit 900 Glasfaserstäben die Blicke auf sich. Diese legen sich wie ein Brisesoleil vor die Ansichten des Holz-Hybrid-Gebäudes und machen neugierig auf mehr.

 

 

Als europäischer Standort soll das John W. Boyer Center künftig Studierenden der Universität Chicago die Möglichkeit bieten, ein Auslandssemester in der französischen Stadt zu absolvieren. Das Projekt befindet sich im 13. Arrondissement in Paris auf einem Eckgrundstück. Ein ebenfalls kürzlich gebauter Wohnkomplex mit Mischnutzung von PARC Architectes nimmt den verbleibenden Platz auf dem urbanen Block ein. In der Mitte gibt es einen grünen Innenhof, der sowohl den Bewohnern als auch den Studierenden und Lehrenden zur Verfügung steht.

 

 

Urbanes Bindeglied

Im Erdgeschoss ist der fünfstöckige Bildungsbau aufgeständert. Anstelle des Eingangs handelt es sich bei dem geschützten Bereich allerdings um den Zugang zur Metro- und RER-Station, die sich direkt unter dem Gebäude versteckt. Eine Stahlplattform überspannt den unterirdischen Bahnhof Bibliothèque François-Mitterrand und bildet zusammen mit dem Betonfundament die Basis für die leichte Holzbaukonstruktion darüber. Mit der hybriden Bauweise erfüllt man gleichzeitig die Vorgaben der Stadt: Neue öffentliche Bauten müssen in Paris mindestens zu 50 % aus Holz oder anderen Naturmaterialien bestehen. Die Erschließung des Universitätsgebäudes erfolgt – fast unscheinbar – über einen Durchgang an der Nord­ostseite. Dieser führt in die hohe Lobby und weiter bis in den Hof im Inneren des Blocks. Lage und Entwurf sollen dem Planerteam zufolge für einen regen Austausch zwischen dem Gebäude, dessen Nutzern und der Umgebung sorgen.

 

 

Leichte Hülle mit regionalem Bezug

Eine Stahlrahmenstruktur fungiert als Unterkonstruktion für die äußerste Schicht der selbstverschattenden Gebäudehülle. Die gestaltprägende Brisesoleil-Fassade, die sich wie ein leichter Vorhang vor die Ansichten legt, setzt sich aus 900 zylindrischen Glasfaserstäben zusammen. Ihre Anordnung orientiert sich an den Funktionen im Inneren des Bildungsbaus: Gemeinschafts- und Veranstaltungsbereiche werden lediglich von einer zarten Hülle eingefasst. Hier sind die einzelnen Elemente nicht nur schmaler, sondern auch deren Abstände größer, damit möglichst viel Tageslicht ins Innere gelangt. Wo sich die Vorlesungs- und Forschungsräume befinden, weisen die Stäbe größere Querschnitte auf und reihen sich enger aneinander. Auf diese Weise werden sie zum leichten Filter, der das Programm dezent von der urbanen Umgebung abschirmt und zugleich als Sonnenschutz für die verglaste Fassade dahinter dient. Jeder Stab ist mit lutetischem Kalkstein ummantelt und stellt durch seine Materialität eine Referenz zum Standort des Gebäudes her. Der mineralische Baustoff stellt in weiten Teilen von Paris seit der Antike eine gängige Wahl dar und prägt das Stadtbild nachhaltig. Außerdem soll das Naturmaterial laut den Architekten an den Hauptcampus der Universität in Chicago erinnern, bei dem der helle Stein ebenfalls eine zentrale Rolle spielt. Der Kalkstein wurde im Umkreis von 40 km um die Stadt abgebaut, um den CO2-Fußabdruck des Neubaus auf ein Minimum zu reduzieren.

 

 

Nachhaltiges Gesamtkonzept

Darüber hinaus tragen weitere Maßnahmen zur Nachhaltigkeit des neuen Universitätsgebäudes bei: Während heimische Pflanzen in den Außenbereichen die Biodiversität fördern sollen, dienen die bepflanzten Gärten außerdem als Retentionsfläche. Bei der Gebäudestruktur setzte man mit Massivholz weitgehend auf einen ressourcenschonenden Werkstoff. Das Holz dafür wurde ebenfalls regional in Frankreich bzw. Österreich bezogen und verarbeitet und so die Emissionen für den Transport möglichst gering gehalten. Das vertikale Design begünstigt in Kombination mit den vielen Freiflächen die Luftzirkulation und ermöglicht eine natürliche Belüftung des Gebäudes. Photovoltaik-Paneele auf dem Dach produzieren hauseigene Energie. Um eine durchgehende Versorgung sicherzustellen, ist das Haus zusätzlich an das lokale Heiz- und Kühlsystem der Stadt angeschlossen. Dieses setzt großteils auf erneuerbare Energiequellen: Im Winter wird mit Biomasse geheizt, in den Sommermonaten nutzt man das Wasser der Seine zur Kühlung.

 

 

Vertikal organisiert

Die amerikanischen Architekten rund um Jeanne Gang organisierten das über 2.300 m2 große John W. Boyer Center als vertikalen Campus. Beim Betreten des Hauses gelangt man direkt in die repräsentative Lobby, die wiederum an das zentrale Atrium anschließt. Dieses bietet reichlich Platz für die skulpturale Treppe, die im Zickzack den Weg nach oben weist. Sämtliche Lern-, Forschungs- und Gemeinschaftsbereiche sowie Büros sind in fünf Etagen rund um den Luftraum angeordnet und öffnen sich jeweils mit Fenstern zu diesem hin. So entstehen vielfältige Sichtachsen durch den gesamten Baukörper. Von oben belichtet versorgt das Atrium selbst die untersten Geschosse mit reichlich Tageslicht und wird zugleich zum kommunikativen Herzstück, das die unterschiedlichen Funktionen verbindet. Neben den Unterrichtsräumen beinhaltet der Neubau mit dem International Institute of Research auch ein neues Forschungszentrum der University of Chicago, welches zukünftig als Anlaufstelle für internationale Wissenschaftler dienen soll. Unter dem Dach ist ein Veranstaltungsbereich untergebracht. Mit seiner doppelten Raumhöhe bietet dieser einen eindrucksvollen Rahmen für Vorlesungen, Konferenzen und andere Events mit Blick über die Stadt. Hier schließt eine begrünte Dachterrasse an, die den krönenden Abschluss des Bildungsbaus bildet. Mehrere Balkone, Loggien und Außenbereiche komplettieren das Angebot des Universitätszentrums und laden mitten in Paris zum Lernen, Austauschen und Ausruhen im Freien ein.

 

 

 

University of Chicago John W. Boyer Center in Paris
River Gauche, Paris

Bauherr: ICADE Promotion; The University of Chicago
Planung: Studio Gang
Tragwerk & Fassade: Elioth by Egis Group
TGA & Energieeffizienz: Artelia Group
Landschaftsarchitektur: OLM Paysagistes
Nachhaltigkeit: Egis Group
Akustik: AVLS
Brandschutz: CSD-FACES
Normen & Sicherheit: BTP Consultants
Generalunternehmer: Spie Batignolles Outarex
Steinfassade: Mineral Expertise
Holzbau: Cuiller freres
Stahlbau: SMB

Fläche: 2.400 m²
Fertigstellung: 2024

www.studiogang.com

 

 

Text: Edina Obermoser
Fotos: Fabrice Fouillet, Corentin Lespagnol

Kategorie: Projekte