Kapitel Rauch
Die klassische Raucherlounge galt lange Zeit als charakteristischer Rückzugsort der Grand Hotellerie: ein Raum für Rituale, Debatten, Portwein und Zigarren. Heute ist sie selten geworden, unterliegt Regulierungen und ist technisch aufwendig – und doch ist sie ein faszinierender Ort mit einzigartiger Atmosphäre. Mit „The Council” haben Herzog & de Meuron im Grand Hotel Les Trois Rois in Basel eine neue Version dieser Typologie eröffnet: radikal, sinnlich, handwerklich.
Räume, in denen geraucht werden darf, bewegen sich zwischen Gesetz, Technik und Erwartung – und genau in diesem Spannungsfeld entsteht mit „The Council” etwas völlig Unerwartetes. Im 19. Jahrhundert waren Fumoirs mehr als nur Rauchzimmer: Sie waren soziale Schleusen und maskuline Nischen, in denen die Herren nach dem Dinner debattierten, Geschäfte abschlossen oder strategisch Portwein und Cognac kombinierten. In einer Epoche strenger Etikette galt das Rauchen in Anwesenheit der Damen als Fauxpas. Es war eine Geste des Rückzugs, des Ausschlusses und des Austauschs hinter samtigen Vorhängen und dunklen Holzpaneelen. Die Architektur dieser Räume folgte klaren Codes: mahagoniverkleidete Wände, tiefe Sofas, Samtvorhänge, schwere Teppiche – Materialität als Schutz vor Rauch und zugleich als Statement gesellschaftlicher Zugehörigkeit.
Mit den Rauchverboten der 2000er-Jahre verschwand dieses Raumangebot fast vollständig aus dem öffentlichen Leben. Übrig blieben High-End-Cigar-Lounges: technisch hochgerüstet, belüftet und vom Alltag sowie den Gesetzen entkoppelt. Die Lounge wurde zum Luxusprodukt, nicht mehr allein zum Bedürfnis. Aus der Notwendigkeit wurde ein Statement.
Im Grand Hotel Les Trois Rois, einem der ältesten Stadthotels Europas, markiert The Council eine Zäsur in dieser Entwicklung. Im Annexbau an der Schifflände entfernten Herzog & de Meuron zunächst eine ganze Zwischendecke – ein radikaler Eingriff in die bestehende Struktur. Anstelle von zwei niedrigen Ebenen entsteht ein beeindruckend hoher Raum von über sieben Metern Höhe auf lediglich rund 40 Quadratmetern Grundfläche. Die vertikale Dimension schafft eine Sakralität, die man einer Raucherlounge kaum zutrauen würde. Dieser Eingriff ist kein ästhetisches Gimmick, sondern Teil eines räumlichen Experiments: Ein hoher, schlanker Raum, der den Rauch, das Licht und die Bewegung des Körpers nach oben lenkt, als wäre er ein architektonischer Kamin.
Jacques Herzog, der persönlich in den Entwurfsprozess der Keramikplatten involviert war, beschreibt diese Nähe zum Material als bewusste Haltung: „Ich habe alle Platten selbst geformt. Das sind außergewöhnliche Dinge, die nur hier entstehen konnten. Bei den meisten anderen Fünfsternehotels ist diese Exklusivität durch viele Dinge geteilt, viel repetitiver. Hier ist jedes einzelne Ding wirklich exklusiv.“ Diese Worte treffen den Kern der Intervention: Handwerk als Luxus, Unwiederholbarkeit als Qualität.
Diese Philosophie ist in jedem Detail des Raums spürbar. Die Wände sind mit 570 handgefertigten Keramikelementen verkleidet. Diese wurden in Zusammenarbeit mit der Keramikerin Esther Lattner und dem Kunstbetrieb AG in Münchenstein entwickelt. Keine Fliese gleicht der anderen. Jede Glasur und jede Form zitieren Feuer, Glut und Transformation. Es handelt sich nicht um ornamentale Elemente, sondern um haptische Erzählflächen. Daneben befinden sich geflammte und gefräste Eichenpaneele sowie gegossene und patinierte Bronzeplatten, die das archaische Thema weiterführen. Holz, Metall und Keramik korrespondieren miteinander und erzeugen eine taktile, beinahe körperliche Präsenz.
Auch das Mobiliar ist integraler Bestandteil des architektonischen Entwurfs: Umlaufende Sofas und Hocker aus dunklem Nussbaumholz, die mit rotem Velours bezogen sind, ordnen sich entlang der Längswände und schaffen eine kommunikative, beinah zeremonielle Sitzfolge. Die maßgefertigten Tische aus Nussbaum und die eigens entwickelten „Rotkäppchen“-Leuchten von Artemide setzen intime Lichtinseln in der vertikalen Großform, ohne deren Idee zu brechen.
Zwei offene Cheminées verankern das Thema Feuer physisch im Raum. Sie erzeugen Wärme, Gerüche und Atmosphäre und stehen zugleich in einem spannungsreichen Verhältnis zur modernen Lüftungstechnik, die im Hintergrund arbeitet. Die enorme Raumhöhe fungiert dabei nicht nur als atmosphärischer Gewinn, sondern unterstützt auch den natürlichen Abzug des Rauchs. So wird ein Zwischenweg zwischen sinnlicher Erfahrung und technischer Notwendigkeit geschaffen.
Für Herzog ist der Bestand weniger Hindernis als vielmehr Katalysator: „Mit dem Bestand etwas zu machen, finde ich das Normalste der Welt. […] Jetzt hast du diese schweren Steine, diese groben Schichten – wie kannst du das zu neuem Leben erwecken?” In „The Council” wird dieser Ansatz sichtbar: kein Konservieren, kein hybridisierter Historismus, es ist ein radikales Weiterdenken einer Typologie im Kontext heutiger Anforderungen und Empfindlichkeiten.
The Council ist somit mehr als nur eine Ruhestätte für Tabakgenießer. Es ist ein Manifest für eine Architektur, die den Respekt vor dem Alten nicht als nostalgisches Postulat, sondern als kreativen Zünder nutzt. Die Geschichte der Raucherlounge wird nicht wiederholt, sie wird transormiert: durch rigorose Vertikalität, handwerkliche Materialität und eine atmosphärische Dichte, die es ermöglicht, Körper, Licht, Rauch und Raum simultan zu erleben. In einer Zeit, in der Grand Hotels zunehmend austauschbare Erlebnisräume schaffen, ist dies eine bemerkenswerte, leise und unverwechselbare Geste.
Text: Linda Pezzei
Fotos: Kostas Maros, Andreas Stephany
Kategorie: Projekte













