Klasse mit Terrasse
Mit dem Bildungscampus Willi Resetarits in Wien-Floridsdorf haben Kronaus Mitterer Architekten ein beispielhaftes Ensemble für zeitgemäßes Lernen geschaffen. Der Neubau vereint Kindergarten, Volks- und Mittelschule, Musikschule sowie ein Jugendzentrum unter einem Dach und wird damit zum lebendigen Mittelpunkt eines ganzen Stadtteils. Die räumlich wie pädagogisch integrative Konzeption denkt Schule neu – als offenen, sozialen und ökologischen Erfahrungsraum.
Der Campus ergänzt die sogenannte „Bildungsmeile Floridsdorf“, ein städtisches Entwicklungsband entlang der Franklinstraße. Der viergeschossige Baukörper reagiert sensibel auf die bauliche Körnung der Umgebung und interpretiert die Blockrandtypologie der Nachbarschaft auf zeitgemäße Weise. Zur Kahlgasse hin reduziert sich die Höhe auf zwei Geschosse und wahrt damit den Maßstab der angrenzenden Wohnbebauung. Ein Rücksprung im Erdgeschoss schafft entlang der Straße einen großzügigen Vorbereich – einen öffentlichen Raum, der urbane Großzügigkeit mit funktionalem Mehrwert verbindet.
Ein Lernort, der verbindet
Kronaus Mitterer verstehen Schule als vielschichtigen sozialen Raum. „Schulen sind für uns architektonische Gefüge, in denen sich das Leben und Lernen ganzer Gemeinschaften entfalten kann“, so die Architekten. Bildung wird dabei nicht als rein funktionaler Vorgang gedacht, sondern als emotionales und soziales Erlebnis – ein Prozess, der räumliche Qualitäten erfordert, die sowohl Rückzug als auch Begegnung ermöglichen.
Zentrales Element des Entwurfs ist die schachbrettartige Clusterstruktur, in der Bildungsräume und offene Multifunktionszonen zu einem rhythmisierten räumlichen Gefüge verschmelzen. Diese Organisation fördert unterschiedliche Lernformen – von konzentriertem Einzelarbeiten bis zum spielerischen Miteinander. Die differenzierte Farbgebung und eine fein abgestimmte Zonierung des Innenraums sorgen für Orientierung und schaffen zugleich eine Vielzahl atmosphärischer Raumsequenzen. Jede Clusterzone ist in sich schlüssig, bleibt jedoch über Sichtbeziehungen und offene Übergänge in das Gesamtgefüge eingebunden.
Die „Klasse mit Terrasse“ ist dabei mehr als ein gestalterisches Motiv: Jeder Bildungsbereich wird durch begrünte Terrassen nach außen erweitert. Sie schaffen naturnah gestaltete Freiräume in den Obergeschossen und stärken die Verbindung von Innen und Außen auf allen Ebenen. Unterschiedliche Freiraumtypen bieten Orte für Spiel, Ruhe, Austausch oder Bewegung – altersunabhängig und inklusiv. Die Architektur inszeniert nicht nur Räume für Bildung, sondern entwirft eine räumliche Struktur für Gemeinschaft in Bewegung.
Flexibilität mit System
Das Tragwerkskonzept aus Skelett- und Schottenbauweise unterstützt die Leitidee einer offenen, modularen Raumstruktur. Spannweiten von bis zu 8,60 Metern ermöglichen stützenfreie Zonen und maximale Flexibilität in der Nutzung. Raumhohe Verglasungen, in Leichtbauweise ausgeführte Trennwände und stützenfreie Terrassenflächen eröffnen ein hohes Maß an Transparenz und visueller Durchlässigkeit.
Die robuste Grundstruktur erlaubt perspektivisch eine einfache Anpassung an sich wandelnde pädagogische Konzepte – etwa durch Umnutzung, Erweiterung oder räumliche Reorganisation. Diese Flexibilität zeigt sich bereits im Nutzungskonzept: Bereiche, die zum Schulstart noch nicht benötigt wurden, werden temporär durch die Stadtverwaltung genutzt. Damit erweist sich der Campus als planerisch vorausschauend gestaltetes Gebäude, das auf urbane Veränderungen agil reagiert.
Materialität und Atmosphäre
Die Außenfassade aus unbehandelter Lärche verleiht dem Gebäude eine warme, natürliche Erscheinung. Das Holz stammt aus heimischem Bestand und wurde konstruktiv so detailliert, dass eine lange Lebensdauer ohne chemischen Holzschutz möglich ist. Auch im Inneren dominieren schadstofffreie, natürliche Materialien. In den Unterrichtsräumen kommt geöltes Industrieparkett zum Einsatz, in den Erschließungszonen emissionsarme Kautschukfliesen, in Aula und Stiegenhäusern robuste Terrazzobeläge.
Akustikdecken und mikroperforierte Wandverkleidungen verbessern spürbar die Raumakustik und leisten so einen wichtigen Beitrag zum Wohlbefinden. Genutzt werden unter anderem Trikustikplatten und akustisch wirksame Elemente von Ecophon, die zugleich als Pinnwände nutzbar sind. Alle eingesetzten Materialien entsprechen dem „ÖKOKAUF“-Standard der Stadt Wien und wurden hinsichtlich Pflegeaufwand und Langlebigkeit optimiert. Die Ausstattung wirkt funktional, aber nicht steril – sie schafft ein Lernumfeld, das Gesundheit, Konzentration und Identifikation fördert.
Gebaut mit Verantwortung
Nachhaltigkeit ist integraler Bestandteil des Campus-Konzepts. Eine Photovoltaikanlage auf dem Dach produziert umweltfreundlichen Strom, ein unterirdisches Geothermiefeld temperiert das Gebäude über aktivierte Betondecken. Regenwassernutzung und eine energieeffiziente Haustechnik sorgen für einen ressourcenschonenden Betrieb.
Ein besonderes Augenmerk liegt auf der Begrünung als baulichem Mittel zur Klimaanpassung: Dach-, Fassaden- und Terrassenbegrünungen verbessern nicht nur das Mikroklima und die Aufenthaltsqualität, sondern unterstützen gezielt die „Urban Heat Island“-Strategie der Stadt Wien. Diese Maßnahmen tragen dazu bei, städtische Überhitzung zu reduzieren und schaffen zugleich ökologische Verbindungen innerhalb des Quartiers. Darüber hinaus wurden Nistkästen für Mauersegler, Fledermäuse und Dohlen in die Fassade und auf den Dächern integriert – ein Beispiel für gelebte Biodiversität im Schulbau. Der Bildungscampus ist mit diesen Qualitäten nicht nur ein Ort für heutige Bildungsbedarfe, sondern ein resilientes, zukunftsfähiges Gebäude im städtischen Kontext.
Bildungscampus Willi Resetarits
Wien, Floridsdorf
Bauherr: Magistrat der Stadt Wien, MA 56 Schulen; WIP Wiener Infrastruktur Projekt GmbH
Planung: Kronaus Mitterer Architekten ZT GmbH
Team: Peter Müller (PL), Bernadett Csenteri (PL Wbw), Ninoslav Illic (PL Stv.), Nikola Tasev, Martin Belkovsky, Jakub Lech, Andreas Metz, Christina Sellner
GP-Managment: Arch. DI Robert Haider
TWP & BPH: RWT Plus
Haustechnik: Woschitz Group
Freianlagen: EGKK
BGF: 18.982 m²
Wettbewerbsgewinn: August 2021
Planungsbeginn: 01/2022
Bauzeit: 03/2023 – 08/2024
Text: Andreas Laser
Fotos: Schreyer David
Kategorie: Projekte












