Klein, aber fein

9. Februar 2022 Mehr

Mit ihrem Projekt Tiny Houses bewiesen die Schweizer Marty Architekten, dass auch kleine Bauten ganz groß sein können. Sie ließen sich von den unkonventionellen Voraussetzungen des Bauplatzes inmitten der Altstadt nicht abschrecken, sondern schufen auf minimaler Fläche zwei Häuser mit vier Wohnungen. Diese verdichten das Quartier nicht bloß, sondern sind außerdem energieautark, nachhaltig und ressourcenschonend.

 

Mit ihrem Projekt Tiny Houses bewiesen die Schweizer Marty Architekten, dass auch kleine Bauten ganz groß sein können.

 

Das Grundstück im Herzen der Gemeinde Schwyz bot keine leichten Voraussetzungen. Als einstiger Garten eines der angrenzenden Wohnhäuser, sollte die 229 m2 Parzelle umgenutzt werden. Durch ihre Lage in einem ISOS-Gebiet – mit dem das Bauamt Reglementierungen für schützenswerte Ortsbilder in der Schweiz festlegt – kamen zahlreiche weitere Auflagen sowie Mindestabstände zu Straßen, Bach und Grenzen hinzu.

 

Mit ihrem Projekt Tiny Houses bewiesen die Schweizer Marty Architekten, dass auch kleine Bauten ganz groß sein können.

 

Umgeben von den schmalen, historischen Gassen kreierten die Architekten die beiden Minihäuser so, dass sie sich behutsam in das urbane Gefüge eingliedern und doch auffallen. Sie erhielten die denkmalgeschützten Begrenzungsmauern und entwickelten das Verdichtungsprojekt auf kleinstem Raum. Angepasst an den Maßstab der Nachbarbauten entwarfen Ivan Marty und sein Team zwei Volumen mit rechteckigem Grundriss. Sie sind eng und nahezu um 90 Grad versetzt zueinander positioniert. Rund um die beiden Häuser ergeben sich kompakte Außenräume. Diese bieten den Bewohnern – geschützt durch die Umfriedung – einen privaten Freibereich mitten im Dorf, der zu Aktivitäten im Freien und Sozialkontakten einlädt.

 

 

Anstelle von CO2-intensiven Betonfundamenten scheinen die Tiny-Häuser über dem gewachsenen Boden zu schweben. Sie stehen auf unbehandelten Stahlträgern, die nach und nach eine natürliche Patina entwickeln werden. Unterhalb bleibt der Lebensraum von Tieren und Pflanzen erhalten. Auch die übrige Bauweise ist natürlich, ökologisch und auf einen schonenden Umgang mit Ressourcen und der Umgebung bedacht. Die beiden Baukörper bestehen ausschließlich aus Schweizer Tannen- und Fichtenholz aus der Region. Auf schädliche Lösungsmittel und lange Transportwege verzichtete man zur Gänze und verwendete für die Verbindung der Rahmenkonstruktion mit den Massivholzplatten fast ausschließlich mechanische Hilfsmittel. So können die Materialien am Ende ihres Lebenszyklus rückgeführt und wiederverwertet werden. Das Thema Regionalität setzten die Architekten konsequent bis hin zur Umsetzung fort und entschieden sich ausschließlich für Bauunternehmen aus dem Kanton.

 

 

Die Fassaden der Häuser kleiden vertikale, geschwärzte Fichtenholzlamellen. An den einander zugewandten Seiten kommen Stahlpaneele zum Einsatz. Beide Satteldächer sind ohne sichtbare Trauf­ausbildung ausgeführt. Eine vollflächig installierte Photovoltaik-Anlage komplettiert die dunkle Außenhülle, die dem Projekt eine moderne Optik verleiht. Zum Energiekonzept der Minihäuser gehört auch die optimierte Dämmung der Ansichten, die den Heizbedarf senkt. Die Wärme kommt in allen vier Wohnungen von einem eigenen Specksteinofen. Dieser sorgt nicht nur für eine romantische Atmosphäre, sondern reduziert den ökologischen Fußabdruck.

 

 

Dank der Photovoltaik auf dem Dach funktioniert die Stromversorgung völlig autark. Ein zentraler Energiespeicher speist die sparsamen Elektrogeräte im Inneren. Gekocht wird mit Gas, beleuchtet nur dort, wo es wirklich nötig ist. Dabei hilft ein mobiles Beleuchtungssystem. Über eine smarte Steuerung können die Nutzer ihren Verbrauch mitverfolgen. Besonders innovativ ist die Idee dieses Mietmodells. Neben 175kWh Strom ist auch der jährliche Brennholzbedarf für jede Wohneinheit im Preis inkludiert. Sieht man sich den Durchschnittsverbrauch eines Einpersonenhaushalts an, ist dies bei einem energieeffizienten Neubau völlig ausreichend. Gleichzeitig spornt es die Bewohner aber trotzdem dazu an, ressourcenschonend zu leben.

 

 

In jedem der Häuser befinden sich zwei kompakte Apartments. Sie teilen sich jeweils in Erd- und Obergeschoss auf. Auf 30 bzw. 43 m2 befindet sich mit Küchenzeile und Bad alles, was eine Person zum Leben braucht. Das erste Stockwerk wird über außenliegende Stahltreppen erschlossen. Beim Betreten gelangt man in allen Wohnungen zuerst in die separate Küche. Während die beiden unteren Einheiten über ein offenes Wohn-Schlafzimmer verfügen, gibt es oben zusätzlich einen Holzeinbau unter dem Dach. Er ist galerieartig gestaltet und bietet Platz zum Schlafen sowie versteckten Stauraum unter der Treppe.

 

Mit ihrem Projekt Tiny Houses bewiesen die Schweizer Marty Architekten, dass auch kleine Bauten ganz groß sein können.

 

In den Innenräumen setzten die Architekten ebenfalls auf natürliche Materialien. Wände, Böden und Decken bestehen wie die Fensterrahmen aus hellem Holz. Alles zusammen vermittelt eine heimelige Atmosphäre. Sämtliche Oberflächen kommen ganz ohne Beschichtung aus und rücken die feine, lamellenartige Struktur des Naturwerkstoffs in den Mittelpunkt. So entsteht ein komfortabler Lebensbereich, der sich rundum gesund anfühlt. Die Wohnräume aller vier Einheiten sind mit großflächigen Fensterfronten ausgestattet, die viel Tageslicht nach drinnen lassen und Ausblicke in den mit Obstbäumen und Kräutern bepflanzten Garten mitten in Schwyz freigeben. Dadurch wirken die Minimalwohnungen trotz des reduzierten Platzangebots nicht klein, sondern praktisch und gemütlich.

 

 

Mit den Tiny Houses zeigen Marty Architekten, dass Nachverdichtungen trotz begrenzten Platzes jede Menge Potenzial bieten kann und Komfort nicht von der Quadratmeterzahl abhängt. Anstatt Luxus erhalten die Mieter der Minihäuser eine gemütliche Ruheoase mitten in der Altstadt, die alles bietet, was man zum Leben braucht. Außerdem sind selbst die regionalen Materialien einen Schritt weitergedacht: Es wurde ihr gesamter Lebenszyklus und Rückbau, Recycling oder Entsorgung berücksichtigt. Den krönenden Abschluss bildet das autarke Energiesystem. Es ist nicht nur äußerst effizient und umsichtig, sondern motiviert zudem dazu, sich mit dem eigenen Konsum auseinanderzusetzen. So wird Architektur zum diplomatischen Vermittler zwischen Mensch und Planet – eine zukunftsweisende Entwicklung, von der alle profitieren.

 

 

Tiny Houses
Schwyz, Schweiz

Bauherr: i4m
Planung: Marty Architektur
Mitarbeiter: Ivan Marty, Melissa Hardegger, Pascal Hiob
Holzbau: Kost Holzbau
Holzbauingenieur: Pius Schuler

Grundstücksfläche: 229 m2
Bebaute Fläche: 104 m2
Nutzfläche: 150 m2    
Planungsbeginn: Frühling 2019
Bauzeit: 5.5 Monate
Fertigstellung: Februar 2020
Baukosten: 1.3 Mio.

www.marty-architektur.ch

 

 

Text: Edina Obermoser
Fotos: Zürrer Fotografie

 

Kategorie: Projekte