Kollektives Wohnen im urbanen Wandel

19. Juli 2025 Mehr

(Wie) Kann Wohnen sozial, flexibel und nachhaltig zugleich sein? Mit „The Room Community – Illa Glòries“ entwirft das junge Architektinnenkollektiv Cierto Estudio in Barcelona ein Wohnmodell, das Gemeinschaft fördert, Care-Arbeit sichtbar macht und mit offenen Grundrissen auf vielfältige Lebensentwürfe reagiert. Ein Prototyp für das urbane Wohnen von morgen.

 

 

Das vom Kollektiv Cierto Estudio geplante Wohnprojekt „The Room Community – Illa Glòries“ will ein starkes Zeichen für ein zukunftsweisendes, inklusives und gemeinschaftliches Wohnen im Herzen Barcelonas setzen. Im Kontext einer angespannten Wohnungssituation in der katalanischen Hauptstadt vereint das Projekt innovative Typologien, eine gendergerechte Gestaltung und nachhaltige Bauweise zu einem neuen urbanen Modell für kollektives Leben.

Das Projekt ist Teil der großangelegten städtebaulichen Transformation um die Plaça de les Glòries, im Schnittpunkt des historischen Eixample und des innovationsgetriebenen 22@-Distrikts. Die Wohnanlage umfasst insgesamt 238 geförderte Wohnungen, wovon 51 im Gebäude A von Cierto Estudio realisiert wurden – ein Projekt, das im Rahmen eines internationalen Wettbewerbs durch das städtische Wohnbauinstitut IMHAB initiiert wurde.

 

 

Flexibel für vielfältige Lebensformen

Die Architekt:innen haben im Zuge des Projekts einen nicht-hierarchischen Wohnungstypus entwickelt, der sich bewusst von klassischen, rollenverteilten Wohnstrukturen lösen möchte. Statt dominanter Hauptzimmer gibt es gleichwertige, multifunktional nutzbare Räume, die durch intelligente Drehungen und Diagonalbezüge flexibel kombinierbar sind. Die Küche rückt ins Zentrum des Wohnens – als sozialer Raum, nicht nur funktionaler Arbeitsplatz.

„Unsere Architektur bringt Freude und Leichtigkeit zurück und lässt Vorurteile hinter sich, um Räume echter menschlicher Verbundenheit zu schaffen. Schönheit entsteht durch sorgfältig aufeinander abgestimmte Materialien, durchdachte Beleuchtung und Farben, die direkt auf die Bedürfnisse der Bewohner eingehen.“
– Cierto Estudio

 

 

Gemeinschaft statt Vereinzelung

Im Zentrum steht das gemeinschaftliche Leben: Zwei großzügige Innenhöfe und verbindende Laubengänge sollen die soziale Interaktion fördern, Sichtbezüge herstellen und gegenseitige Fürsorge unterstützen. Der Typus lehnt sich an das Prinzip der „Corrala“ an – einem traditionellen, auf Gemeinschaft ausgerichteten Wohnhof. Die halböffentlichen Bereiche wie Höfe, Balkone und Dachgärten schaffen eine durchlässige, sichere und aktive Nachbarschaft.

Ein besonderes Augenmerk liegt auf der Sichtbarkeit und räumlichen Integration von Care-Arbeit: Gemeinschaftliche Infrastrukturen wie Waschzonen, Kinderbetreuung oder Räume für ältere Menschen sind bewusst in das alltägliche Leben eingebunden – ein klares Bekenntnis zur Aufwertung unbezahlter Sorgearbeit und zur Geschlechtergerechtigkeit
im Wohnraum.

„Wir gestalten Räume, die Isolation entgegenwirken, indem sie Sichtbarkeit und Gemeinschaft fördern. Unsere Architektur verteilt häusliche Arbeit aktiv und gerecht – und dehnt die Pflege aus dem Privaten in den öffentlichen Raum.“
– Cierto Estudio

 

 

Nachhaltigkeit als Strukturprinzip

Das Gebäude folgt dem NZEB-Standard (Nearly Zero Energy Building) und wurde in CLT-Bauweise errichtet. Passive Strategien wie Querlüftung, Verschattung, Solarorientierung und extensive Begrünung (über 60 % der Fläche) helfen, das urbane Mikroklima zu verbessern und den ökologischen Fußabdruck zu minimieren. Die Verwendung nachwachsender Rohstoffe und die Reduktion von Bauabfällen unterstreichen den umfassenden Nachhaltigkeitsansatz.

Mit The Room Community – Illa Glòries haben Cierto Estudio ein Wohnprojekt realisiert, das neue Maßstäbe für gemeinschaftsorientiertes, gendergerechtes und nachhaltiges Wohnen im urbanen Raum setzt. Die Architektur ist dabei nicht nur formaler Ausdruck, sondern struktureller Möglichkeitsraum für eine solidarischere und resilientere Stadtgesellschaft.

Wie sich kollektives Wohnen gestalten lässt, das gleichermaßen auf soziale Gerechtigkeit, räumliche Flexibilität und ökologische Verantwortung antwortet – darüber und über ihr Projekt Illa Glòries haben wir mit Cierto Estudio gesprochen. Ein Leitfaden, wie sich neue Maßstäbe für den sozialen Wohnungsbau im urbanen Kontext setzen lassen:

 

 

 

Nachgefragt bei Cierto Estudio

Wie hat das Konzept der „Porosität“ zur räumlichen Flexibilität beigetragen – bei gleichbleibender baulicher Effizienz?

Porosität ist bei The Room Community auf mehreren Ebenen präsent. Auf städtebaulicher Ebene durchzieht eine öffentliche Passage den Block – sie verbindet die Diagonal Avenue mit dem Encants Market und öffnet die ehemals geschlossene Insel zur Stadt. Im Inneren entstehen durch begrünte Höfe Orte der Ruhe, die dennoch visuell mit dem Stadtraum verbunden bleiben.
Innerhalb der Wohnungen erzeugen durchlässige Strukturen – etwa diagonale Blickbeziehungen, viele Öffnungen und gleichwertige Raumeinheiten – eine enorme räumliche Flexibilität. Jeder Raum kann verschiedene Funktionen übernehmen: Schlafzimmer, Wohnraum, Büro oder Spielzimmer. Durch einfache Maßnahmen wie das Öffnen oder Schließen einer Tür kann die gesamte Nutzung verändert werden – ganz ohne bauliche Eingriffe. So wird auf begrenztem Raum maximale Anpassungsfähigkeit bei gleichbleibender Wirtschaftlichkeit möglich.

Inwiefern fordern die gemeinschaftlich genutzten Balkone die Trennung zwischen Privatem und Öffentlichem heraus?

Die breiten, sonnenorientierten Laubengänge, die als Zugänge zu den Wohnungen dienen, sind weit mehr als Erschließungsräume. Sie sind Treffpunkte, Durchgangszonen, Spielorte – und damit echte soziale Zwischenräume. Entsprechend der spanischen „Corrala“-Typologie bilden sie eine Art halböffentliche Bühne für den Alltag der Nachbarschaft.
Diese räumlichen Übergänge weichen die Grenze zwischen innen und außen, zwischen individuell und kollektiv bewusst auf. Die Bewohner eignen sich diese Zonen informell an – ohne den gemeinschaftlichen Charakter zu verlieren. So entstehen Begegnungen im Vorübergehen, beiläufige Gespräche, ein Sich-Sehen. Das stärkt das Gemeinschaftsgefühl und kann zugleich Isolation vorbeugen – ein wichtiges Thema, gerade im Hinblick auf häusliche Gewalt.

Wie wurde die räumliche Anpassungsfähigkeit an unterschiedliche Familienstrukturen entworfen – ohne Mehrkosten?

Die Wohnungen sind nach einem nicht-hierarchischen Prinzip organisiert. Das bedeutet: Es gibt kein „Hauptzimmer“, keine festgelegten sozialen Funktionen – alle Räume sind ähnlich groß, gut belichtet und gleichwertig nutzbar. So kann jede Wohnung von unterschiedlichsten Haushalten bewohnt werden: Alleinerziehende, Patchworkfamilien, Wohngemeinschaften oder ältere Paare. Es braucht keine zusätzlichen Baukosten – nur kluge Typologien, die auf Veränderung angelegt sind.
Durch diese bewusste Offenheit ermöglichen wir, dass Bewohner:innen selbst entscheiden können, wie sie wohnen wollen. Architektur wird zur Bühne für individuelle Lebensentwürfe, nicht zur Vorgabe.

Welche Rolle spielt die Genderperspektive in der räumlichen Organisation?

Die Genderperspektive hat unsere Entwurfslogik von Grund auf verändert. Statt dominante Räume zu schaffen, die Hierarchien im Haushalt zementieren, setzen wir auf Gleichwertigkeit und Sichtbarkeit. Küche, Bad und Waschküche sind nicht in dunkle Ecken verdrängt, sondern bewusst im Zentrum der Wohnungen platziert. Das macht Hausarbeit sichtbar – und damit auch teilbar.
Gleichzeitig fördern wir soziale Verantwortung über die Wohnung hinaus: Sichtbezüge zwischen den Einheiten und zu den gemeinschaftlichen Zonen ermöglichen informelle soziale Kontrolle, ohne zu überwachen. Durch die gezielte Anordnung von Räumen entstehen Netzwerke der gegenseitigen Unterstützung – etwa bei der Betreuung von Kindern oder älteren Nachbar:innen.

Fließen Erkenntnisse aus dem Projekt auch an anderer Stelle in Ihre Arbeit ein?

Illa Glòries war für uns ein Labor, um herauszufinden, wie Wohnen über die eigenen vier Wände hinaus gedacht werden kann. Wir haben erkannt, dass häusliches Leben auch im öffentlichen Raum stattfinden muss – nicht als Inszenierung, sondern als alltägliche Praxis. Diese Haltung prägt auch unsere Arbeit an stadtweiten Umbauprojekten wie Consell de Cent im Rahmen der Superilla Barcelona.
Dort setzen wir auf urbane Kontinuität, auf Räume mit menschlichem Maßstab und eine Stadt, die Aufenthaltsqualität über Verkehr priorisiert. Begrünte Flächen, Verdunstungskühlung und die Reduktion von Versiegelung sind konkrete Mittel, um städtischen Hitzeinseln entgegenzuwirken. Dabei geht es uns nicht nur um ökologische Performance – sondern darum, Lebensräume zu schaffen, die Wärme, Fürsorge und Gemeinschaft ermöglichen.

 

 

The Room Community – Illa Glòries
Barcelona, Spanien

Bauherr: Institut für Wohnungswesen und Sanierung der Stadtverwaltung von Barcelona (IMHAB)
Planung: Cierto Estudio
Team: Marta Benedicto, Ivet Gasol, Carlota de Gispert, Anna Llonch, Lucia Millet, Clara Vidal mit Mariana Gomes
Statik: Bernuz-Fernández Arquitectes S.L.P.

Baufläche: 5.000 m²
Nutzfläche: Block mit 238 Wohneinheiten (35.000 m²), Gebäude A von Cierto Estudio: 51 Wohnungen (8.700 m²)
Planungsbeginn: Mai 2017
Bauzeit: Februar 2022 – Oktober 2024
Fertigstellung: 10/2024
Baukosten: 45.000.000 Euro für die gesamten 238 Wohneinheiten, 11.595.000 Euro für Gebäude A / 51 Wohneinheiten

www.ciertoestudio.com

 

 

 

 

 

Kategorie: Projekte