Kontaktabstand
Ein ehemaliges Sanitärgebäude aus den 1820er-Jahren wurde in ein zeitgenössisches Künstleratelier verwandelt – jedoch nicht durch Transformation, sondern durch bewusste Zurückhaltung. Das Butler Gallery Garden Studio in Kilkenny, Irland zeigt eindrucksvoll, wie Alt und Neu koexistieren können, wenn die Architektur lernt, sich zurückzunehmen.
Innerhalb der Anlage des ehemaligen „Evan’s Alms House“, das heute Teil der „Butler Gallery“ ist, befanden sich zwei dreieckige Latrinen, die in die massive Bruchsteinmauer eingebettet waren. Eine davon blieb als historisches Zeugnis unverändert erhalten. Die zweite wurde von CANICE Architects zu einem rund 30 Quadratmeter großen Atelier für das erste Artist-in-Residence-Programm der Galerie adaptiert – oder besser gesagt: neu eingefügt, ohne den Bestand anzutasten.
Die maßgeblichen Entwurfsentscheidungen fielen erst nach der Freilegung der historischen Mauern. Ihre Fragilität, Patina und Unregelmäßigkeit machten schnell klar, dass jede weitere Intervention nicht nur statisch, sondern vor allem atmosphärisch problematisch gewesen wäre. Anstatt den Bestand an heutige Toleranzen anzupassen, wurde das Neue neu gedacht. Eine vollständig unabhängige, innenliegende Holzstruktur nimmt das Atelier auf und distanziert es bewusst von den alten Mauern. Zwischen Stein und Holz bleibt Luft – ein schmaler Raum aus Schatten, Bewegungsspiel und Lesbarkeit.
Dieser Berührungsabstand fungiert als zentrales architektonisches Motiv. Die neue Struktur akzeptiert Maßabweichungen, Setzungen und Unschärfen des Bestands, ohne sie zu korrigieren. Anschlüsse werden nicht kaschiert, sondern als präzise Übergänge ausgebildet. Alt und Neu bleiben klar unterscheidbar und bestätigen sich dadurch gegenseitig in ihrer Authentizität. Die Konstruktion folgt einer Logik der Offenheit. Verwendet wird schlichtes Konstruktionsholz, das trocken gefügt und nicht verkleidet wird. Tragwerk, Verbindungen und Fixierungen bleiben sichtbar. In direktem Dialog mit den jahrhundertealten Steinmauern wird Konservierung hier nicht als nostalgische Disziplin lesbar, sondern als zukunftsgerichtete Praxis: ressourcenschonend, adaptierbar und nachvollziehbar. Die Architektur erklärt sich durch Nutzung, Berührung und Beobachtung selbst.
Das einzige Element, das über die historische Mauerkrone hinausragt, ist eine dreieckige Dachöffnung. Sie entstand zunächst aus funktionaler Notwendigkeit, um Tageslicht und Orientierung in einem fensterlosen Volumen zu ermöglichen. Erst im weiteren Entwurfsprozess wurde ihre narrative Dimension deutlich. Auf dem Areal befand sich im 13. Jahrhundert St John’s Priory, auch bekannt als die „Lantern of Ireland“. Die neue Laterne greift diese Geschichte auf und übersetzt sie in eine abstrahierte, zeitgenössische Form. Tagsüber lenkt sie Licht tief in den Raum, nachts wird sie zu einem stillen Zeichen nach außen – weniger ein Signal im Stadtraum als ein Marker für innere Aktivität.
Dass ein ehemaliger Ort der Notdurft heute Raum für künstlerische Arbeit bietet, ist mehr als eine funktionale Umnutzung. Mit dem Garden Studio erweitert die Butler Gallery ihr Programm erstmals um eine Artist Residency und macht sichtbar, welches Potenzial selbst marginale Bestandsbauten entfalten können – vorausgesetzt, Architektur versteht sich nicht als Korrektiv, sondern als präziser Begleiter. Im Kontext von Alt und Neu ist das Butler Gallery Garden Studio ein bewusst leises Projekt. Es erzählt nicht von Transformation durch Eingriff, sondern von Innovation durch Verzicht. Alt bleibt alt, Neu bleibt neu – dazwischen entsteht ein Raum, der zeigt, dass architektonische Haltung oft dort am klarsten wird, wo man sich entscheidet, nichts zu tun, was nicht notwendig ist.
Text: Linda Pezzei
Fotos: Ros Kavanagh
Kategorie: Projekte












