Leinen los am Zürichsee

8. April 2020 Mehr

In Kilchberg am Zürichsee haben die Planer des Zürcher Architekturbüros JOM ein in die Jahre gekommenes Privatwohnhaus im Zuge der thermischen Sanierung aufgestockt und dem gesamten Gebäude eine völlig neue Anmutung verliehen. Mit Anklängen an die Schifffahrt fügt sich das vormals graue Gebäude heute selbstbewusst in die Seepromenade und eröffnet direkten Ausblick auf das Wasser.

 

 

In Zeiten von Wohnraumknappheit und zunehmender Verdichtung in beliebten Wohnlagen wird die grüne Wiese als Ausgangspunkt der Architektenplanung heute mehr und mehr zum Einzelfall. Vielmehr gilt es, bestehende Substanzen klug umzunutzen, aufzuwerten und zu adaptieren. Vor einer ebensolchen Herausforderung standen die Köpfe der in Zürich ansässigen JOM Architekten bei ihrem Projekt in Kilchberg am Zürichsee.

Das bestehende Einfamilienhaus des Bauherren befindet sich in hinterer Reihe der Seepromenade, bietet aufgrund seiner Hanglage allerdings dennoch einen tollen Ausblick in Richtung Zürichsee und stellt somit eine äußerst attraktive Wohnlage dar. Aufgrund seines Baujahres 1934 entsprach das Gebäude allerdings in keiner Weise mehr den heutigen Energieanforderungen. Die thermische Sanierung sollte jedoch nur ein Aspekt des Projektes werden, denn der Bestand ließ auch eine höhere Ausnutzung der Baumasse zu.

 

 

Die Architekten planten daraufhin anstelle des Schrägdachs ein drittes Geschoss mit Terrasse ein. Außerdem sollte das Haus eine komplett neue Fassade mit Wärmedämmung erhalten. Die Kombination dieser Maßnahmen sowie deren stringente Umsetzung haben das vormals schüchterne Häuschen am See in eine moderne, selbstbewusste Villa verwandelt. Das Stilmittel der starken Überformung konnten die Architekten gezielt nutzen, um den Charakter des Hauses nach über 80 Jahren gesamthaft zu wandeln.

Präsentierte sich das Einfamilienhaus früher in seiner Dimensionierung und Gestaltung mit Satteldach bieder und zurückhaltend zur Straße hin, so setzten die Architekten 2019 ein echtes Ausrufezeichen. In seiner kubischen Erscheinung wirkt das Haus heute modern, aber zeitlos. Details wie die zwei übereinander liegenden Rundfenster betonen die Vertikale, ohne massiv zu wirken. Die Einschnitte der Öffnungen in der Fassade sind präzise und fein gesetzt. In Kombination mit der glatten, strahlend weißen Fassade wirkt das Gebäude frisch und leicht. Die transparenten Handläufe der Terrassen und Balkone erinnern – passend zur Seelage – mit ihrer runden Form an Decks einer Schiffsarchitektur.

 

 

Aufgrund der Fassadendämmung liegen die Fenster tief in der Fassade versteckt, an einigen Stellen aber, wie beispielsweise im seeseitigen Wohnzimmer, wurden die breiten Fenster außenbündig an die Fassade gerückt, sodass ein spannendes Spiel an Tiefen entsteht. Im Inneren wirkt dieser Szenenwechsel wie ein Zoom-Objektiv, das den Blick der Bewohner seitlich fasst und gezielt auf die Naturszenerie richtet.

Die Aufstockung erfolgte im vorfabrizierten Holz­elementbau. Dieser erfordert zwar im Vorfeld eine genaue und detaillierte Planung, die sich allerdings in der Bauzeit auszahlt. So wurde das gesamte Attikageschoss an nur einem halben Tag aufgerichtet. Gerade in dicht besiedelten Gebieten mit wenig Platz für die Baustelleneinrichtung und vielen Nachbarn auf engem Raum bietet sich diese Bauweise bestens an. So konnten die Baumaßnahmen auch ohne Einschränkungen zur Winterzeit vorgenommen werden.

 

 

Neben dem Aufbau mit der Terrasse veränderten die Architekten auch einige Strukturen am und im Haus. Anstelle der Garage wünschte sich der Bauherr eine größere Küche. Dank schlichter weißer Fronten und dezent eingepasster Einbauschränke wirkt die Küche großzügig und aufgeräumt. Anstelle von Oberschränken setzten die Gestalter mit den Wandleuchten einen Akzentpunkt. Vergrößerte Fensteröffnungen bringen zudem viel Tageslicht in den Raum und sorgen für eine helle und freundliche Atmosphäre.

Der Eingangsbereich ist großzügig und offen gestaltet, prägendes Element der Szene ist die neue Massivholztüre, deren Oberfläche mit stehenden Holzlamellen verkleidet wurde. Die Garderobe ist flächenbündig in die Wand integriert und bietet viel Stauraum für Schuhe und Jacken. Die bestehende Säule ist statisch notwendig, nimmt in ihrer Verkleidung mit weißen Holzlamellen allerdings Bezug auf die Vertikalstruktur der Eingangstür. So wirkt sie als Element nicht störend, sondern fügt sich harmonisch in die Szenerie und dient zudem als willkommener Raumteiler.

 

 

Der Treppenraum wurde um einen Aufgang zum Dachgeschoss erweitert. Die alten Holzschränke verleihen diesem Bereich Charakter und bieten praktischen Stauraum. Während im gesamten Haus die Farbe weiß dominiert, kommen als Kontrastpunkt schwarze Akzente zum Einsatz. Nicht nur die Türknöpfe der Wandschränke, auch die Ablagen der Schränke im Treppenraum sowie die Geländer sind in schwarz gehalten und fassen auf diese Weise den leeren Raum in der Vertikalen für das Auge des Betrachters.

Den Architekten ist die Transformation des Bestandsgebäudes so überzeugend gelungen, dass man als Betrachter weder im Innen- noch im Außenraum mit Sicherheit sagen könnte, aus welcher Zeit das Bauwerk stammt. Weder wirkt es konserviert, noch hip und trendy – gerade der zeitlose Stil macht die Besonderheit des Hauses Im Wydler aus. Die kleinen Details und Akzente fügen sich zu einem harmonischen Ganzen und wie ein ehrwürdiger Dampfer ankert das Haus auf seinem Baugrund, als wäre es ganz selbstverständlich schon immer so gewesen. Allzeit bereit ein paar Dampfwölkchen in die Luft zu pusten und mit lauter Schiffshupe auf dem Zürichsee in den Horizont zu segeln.

 

 

Sanierung und Dachaufbau
Kilchberg, Schweiz

 Bauherr: Privat
Architekten: JOM Architekten GmbH, Zürich
Planung: 2017 – 2018
Bauzeit: 2017 – 2019
Fertigstellung: 2019

 

Text: Linda Pezzei
Fotos: Seraina Wirz, Atelier für Architekturfotografie

 

 

Kategorie: Projekte

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