Lernen fürs Leben

8. Oktober 2025 Mehr

Im Nordwesten von Valencia in einer Art Schlucht gelegen und eingebettet in einen Pinienhain wird die Natur in der Imagine Montessori School neben den jungen Nutzern zur Protagonistin. Die spanischen Gradolí & Sanz Arquitectes entwickelten das Schulhaus ganz aus natürlichen Materialien, verzichteten dabei auf überflüssige Details und Verkleidungen und machten das Gebäude so selbst zu einem Teil des pädagogischen Konzepts. Außenräume und ein Gründach fügen den Bau dezent in seine Umgebung ein und runden das naturnahe Lernerlebnis stimmig ab.

 

 

Während das Schulgebäude selbst bereits 2019 teilweise fertiggestellt wurde, fand 2023 mit der Herstellung der Außenflächen auch die zweite und finale Bauphase ihren erfolgreichen Abschluss. Der Neubau befindet sich in Paterna, einer Gemeinde in der Provinz Valencia, zwischen einer Wohngegend und der Schlucht En Dolça. Um die angrenzende Natur einzuladen und den Stellenwert, den die felsige Umgebung für die Region hat, hervorzuheben, öffnet sich der Eingang der Schule zur Schlucht hin. Die Erschließung des Hauses erfolgt über Holzstege. Sie durchqueren aufgeständert den Wald und geben durch die Baukronen hindurch immer wieder den Blick auf das Gebäude frei. So wird der Weg in die Imagine Montessori School zur besonderen Reise, die einen sanften Übergang aus der Stadt hinein ins Grüne schafft.

 

 

Kleinteiliges, naturnahes Design

Das Gebäude setzt sich aus mehreren Volumen zusammen, die sich gestaffelt aneinanderlegen und rundherum vielfältige Außenbereiche zum Entdecken, Lernen und Spielen aufspannen. Dem nach Westen orientierten Zugang ist ein einladender Platz vorgelagert, an der östlichen Seite erstreckt sich ein gemeinsamer Spielplatz in Richtung Natur. Dank dieser Anordnung lassen sämtliche Räume visuelle Verbindungen sowohl zur Schlucht als auch zu den Bäumen hin zu und rücken die Landschaft als wichtigstes Element in den Fokus. Ein Erschließungsraum verbindet die einzelnen Trakte der Schule wie ein gemeinsames Rückgrat. Mit Vor- und Rücksprüngen, Balkonen und Wegen wird er zum dynamischen Begegnungsort, in dem gespielt, gelernt und gelacht werden kann.

 

 

Bedürfnisorientiertes Schulkonzept

In den Klassenzimmern gibt es weder Lehrerpult noch Tafel. Stattdessen sind sie in fünf Bereiche unterteilt, die von den Schülern frei genutzt werden können. Je nach Interesse und individuellen Anforderungen stehen ihnen sensorische oder praktische Aktivitäten aus dem Alltag zur Verfügung oder Zonen, die ganz den Themen Sprachen, Mathematik und Kultur gewidmet sind. Auch sonst orientiert sich die Gestaltung des Gebäudes an den Bedürfnissen der Kinder – und insbesondere an ihrem Maßstab. Jeder Unterrichtsraum wird über eine Garderobe betreten, wo ein Bogen in der Wand die Schüler weiter in den Hauptbereich leitet. Darüber hinaus lassen loftartige Zwischenebenen sowie Nischen und Verstecke unter den Treppen die Bereiche kleinteiliger wirken. In sämtlichen Räumen merkt man, dass diese nicht für Erwachsene, sondern für eine kleinere Zielgruppe konzipiert wurden.

 

 

Natürlich belüftet & temperiert

Ein Solarkamin, der sich über drei Geschosse erstreckt und mit einem Oberlicht abschließt, sorgt in der Imagine Montessori School für lichtdurchflutete Innenräume sowie abwechslungsreiche Blickbeziehungen zwischen den Klassen und ermöglicht zudem eine natürliche Belüftung. Das üppig bewachsene Dach lässt die Grenzen zwischen Gebäude und Umgebung fließend ineinander übergehen und trägt weiter zu seiner Effizienz bei. Es schützt vor Sonne und Regen und trägt damit auf passive Weise zum Komfort der kleinen Nutzer bei.

 

 

Immersiver Lernort

Fenster in unterschiedlichen Höhen und Terrassen betonen in allen Räumen der Schule den Bezug nach draußen. Außerdem gelangt durch die großflächigen Verglasungen jede Menge Tageslicht ins Innere und kreiert ein freundliches Lernumfeld. Bei gutem Wetter erweitern die überdachten Außenflächen die Schule ins Freie. Zusätzlich ist hier jedem Trakt ein kleines Amphitheater, ein Brunnen sowie ein eigener Baum zugeordnet, der sich mit den Jahreszeiten verändert und so ebenfalls zum immersiven Lehrmittel wird. Die natürlichen Oberflächen – von warmem, zart gemasertem Holz bis hin zu rohen, rotbraunen Lehmziegeln – verstärken die angenehme, kindgerechte Atmosphäre in den Räumen. Im gesamten Haus verwendeten die Architekten ausschließlich umweltfreundliche Materialien. Die Konstruktion beruht auf 60 cm dicken, tragenden Lochziegelwänden sowie massiven Lehmgewölben und -böden. Ergänzt werden diese in den Innen- und Außenbereichen durch Holzelemente, wo sich der Naturwerkstoff ebenfalls sichtbar in das Interior Design einfügt. Beton kam nur beim Fundament zum Einsatz, vereinzelte Stahlsäulen und -geländer komplettieren an den Fassaden das Bild. Verkleidungen sucht man in dem Neubau vergeblich. Stattdessen bleiben vom Tragwerk bis zu den Installationen alle Teile des Gebäudes einsehbar. Sie wurden von Gradolí & Sanz Arquitectes bewusst in die Räume integriert und geben den Kindern Einblick in die Funktionsweise der Schule.

 

 

Die Natur als Lehrmeister

Anstelle von akkurat getrimmten Rasenflächen sind die Außenbereiche rund um das Schulgebäude als lebendige, sich verändernde Naturgärten geplant. Neben Wurzeln, Ästen und Zapfen zum Spielen, können die Kinder auch – je nach Jahreszeit – wilden Spargel bzw. Pilze und mit ihnen wertvolle Erfahrungen fürs Leben sammeln. Außerdem warten hier von Rampen und Rutschen bis hin zu Klettermöglichkeiten und Höhlen verschiedenste Dinge darauf, kreativ erforscht zu werden. Bei starkem Regen lernen die Schüler mehr über die Kraft der Natur, wenn sich die Schlucht neben der Imagine Montessori School in einen rauschenden Fluss verwandelt.

 

 

Imagine Montessori School
Paterna, Valencia

Bauherr: Zubi Educational Real State
Planung: Gradolí & Sanz Arquitectes
Tragwerksplanung: Lucas Muñoz & Adolfo Alonso
Landschaftsarchitektur: GM Paisajistas
Weitere Projektpartner: Albura Wood & Concept (Holzbau), Martí Cots (Metallarbeiten), Cercaa (Ziegelgewölbe), Morata (Holzbau außen), DISBEA showlutions ­(Innenausbau), Zero Consulting (Installationen & BREEAM Phase 1), GME (Installationen Phase 2), Cosmo Stil (Beleuchtung), GBCE (Umweltzertifizierung), Silens Acústica (Akustik)

 Grundstücksfläche: 4.556 m2
Bebaute Fläche: 2.922 m2
Nutzfläche: 2.298 m2
Planungsbeginn: 2017
Baubeginn: 2018
Fertigstellung: 2023 (2. Bauphase)
Baukosten: 4.6 Mio. €

 www.gradolisanz.acontrapeu.com

  

Text: Edina Obermoser
Fotos: Mariela Apollonio

 

Kategorie: Projekte