Moderner Low-Tech-Ansatz

26. Februar 2026 Mehr

Ganz ohne Klimaanlage, dafür mit 18.000 Lehmziegeln realisierte das Architektenkollektiv rund um Aurélie Husson und Benoît Sindt das Projekt Siège intercommunal in Neuves-Maisons. Der moderne Bau zeigt aber nicht nur, wie Low-Tech-Ansätze im öffentlichen Sektor aussehen können, sondern kombiniert als neuer Verwaltungssitz außerdem eine nachhaltige Holzkonstruktion mit einem flexibel anpassbaren Gebäudekonzept.

 

 

Der Neubau bildet in Neuves-Maisons im Südwesten von Nancy den Sitz des Gemeindeverbandes Moselle et Madon, der insgesamt 19 Gemeinden umfasst. Am Rande der 7.000-Einwohner-Ortschaft gelegen, gibt er dort den Startschuss für ein urbanes Entwicklungsprojekt. Dieses sieht vor, das Areal am Kanal vom Gewerbe- und Einkaufsstandort in ein zukunftsfähiges Stadtquartier mit Wohn- und Bildungsbauten sowie Sportanlagen zu verwandeln. Neben dem neuen Gebäude mit Platz für die Stadtverwaltung sollen hier in den umliegenden Bestandsstrukturen unter anderem ein neuer Busterminal und ein Fuhrpark-Ersatzteillager entstehen. Für die Errichtung des Siége intercommunal wollte man dabei zunächst das Fundament einer einstigen Industriehalle wiederverwenden. Aufgrund von mangelnder Tragfähigkeit auf dem sumpfigen Gelände mussten die Architekten diesen Plan allerdings verwerfen und stattdessen auf eine Pfahlgründung setzen. Im Zuge dessen gelang es, die versiegelten Flächen aufzubrechen und die Böden durchlässiger zu machen. Üppige Grünstreifen rund um das Gebäude, ein Regengarten und unterirdische Tanks sammeln künftig Regen- und Oberflächenwasser. Dieses wird durch Phytosanierung – Reinigung mittels Pflanzen – aufbereitet und deckt anschließend mit der Versorgung einer Buswaschanlage und der Sanitäranlagen einen Teil des Brauchwasserbedarfs.

 

 

Aufs Wesentliche reduziert

Bei der Gestaltung fiel die Wahl auf ein reduziertes, funktionales Design mit einem möglichst geringen CO2-Fußabdruck. Das Ergebnis ist ein kompakter, rechteckiger Holzbau. Dieser erstreckt sich über zwei Geschosse und orientiert sich in seinen Dimensionen an dem ehemaligen Betonfertigteilwerk, das zuvor an seiner Stelle stand. Formal setzt sich der Grundriss aus drei Schiffen zusammen und legt mit seiner Modularität den Grundstein für eine spätere Umnutzung des Baus: Die Büros sind jeweils entlang der Längsfassaden im Osten und Westen angeordnet und flankieren den offenen Bereich, der sich in der Mitte des Gebäudes bis unters Dach erstreckt und als gemeinschaftlicher Treffpunkt der Verwaltungsmitarbeiter dient. Erschlossen werden die Arbeitsbereiche ebenfalls über den Luftraum. Zwei zen­tral positionierte Holztreppen führen hier ins obere Stockwerk und über Laubengänge weiter in die einzelnen Büroräume. Außenliegende, witterungsgeschützte Loggien, Gemeinschaftsflächen und ein Versammlungs- sowie ein Festsaal komplettieren das Raumprogramm. Im Norden dockt das Haus außerdem über ein Glasvolumen direkt an ein bestehendes Verwaltungsgebäude an.

 

 

Funktionalität trifft Materialehrlichkeit

Von außen besonders markant zeigt sich das Walmdach des neuen Verwaltungssitzes. Trotz der flachen Neigung fällt es durch seine rotbraun patinierte Zinkhaut auf und legt sich mit seinem großzügigen Überstand schützend über die Fassaden, um unter anderem die Überhitzung der Innenräume im oberen Stockwerk auf passive Weise zu verhindern. An drei Stellen ragen pyramidenartige Dachlaternen in den Himmel. Die sogenannten Flamandes sind mit Tonziegeln gedeckt und haben mehrere Funktionen: Sie verleihen dem Haus sein charakteristisches Aussehen, belichten den hohen Luftraum außerdem von oben und tragen zur Belüftung bzw. Regulierung der Temperatur des Atriums bei.

 

 

Die Holzkonstruktion prägt den Neubau nicht nur an der Außenseite, sondern auch im Gebäude. Während die Ansichten rundum in vertikalen Douglasienlamellen ausgeführt und mit Holzwolle isoliert sind, bleibt das Tragwerk aus hellem Fichtenholz im Inneren sichtbar. Von den Dachsparren abgehängte Pfosten tragen das Obergeschoss. In vertikaler Richtung sorgen Kehlbalken, diagonale, weiße Stahlstreben und Brettsperrholzplatten für die Aussteifung der Rahmenstruktur. Hinter den nichttragenden Fachwerkelementen zwischen Büros und Atrium unterteilen Trennwände aus handgefertigten Lehmziegeln die einzelnen Räume. Diese erhöhen die thermische Trägheit des Baus, welcher ohne Klimaanlage konzipiert wurde. Anstelle von aufwendiger Technik unterstützen lediglich einige Ventilatoren die natürliche Durchlüftung.

 

 

Naturmaterial mit regionalem Bezug

Mit dem Naturbaustoff Lehm setzte Studiolada zudem auf eine lokale Ressource. Dem Auftraggeber gefiel diese Wahl besonders wegen der natürlichen Ästhetik, aber auch aufgrund seiner Low-Tech-Qualitäten. Das Material wirkt nicht nur schalldämmend, sondern speichert Wärme und reguliert die Luftfeuchtigkeit. Die verwendeten Rohstoffe stammen aus umliegenden Orten in einem Umkreis von maximal 20 km Entfernung und schaffen so einen regionalen Bezug. Im Vorfeld wurden dafür Böden getestet, um die optimale Zusammensetzung zu ermitteln. Für die einfache Herstellung der Ziegel versetzte man den Lehm schließlich mit Stroh und formte bzw. trocknete die Mischung. Diesen Prozess kombinierte man mit einem Schulungsprogramm, das zugleich einen positiven Effekt auf die lokale Wirtschaft hatte. Gemeinsam mit amàco – einem französischen Forschungs- und Schulungsexperten für natürliche Baumaterialien bzw. -techniken – wurden Workshops organisiert, in denen sich 300 Freiwillige zunächst Fachkenntnisse im Bereich Lehmbau aneignen konnten und im Anschluss die rund 18.000 Ziegel produzierten. Der Erfolg des Programms zeigte sich noch im Bauprozess selbst: Nach einigen Monaten Trocknungszeit übernahm einer der ausgebildeten, lokalen Handwerksbetriebe den Einbau der Lehmziegel.

 

 

Nachhaltiges Gesamtkonzept

Neben unverkleideten Holz- und Lehmoberflächen versuchten die französischen Planer auch sonst, den Innenausbau möglichst materialecht und einfach zu halten. Auf Gipskarton verzichtete man weitgehend, versah die Außenwände mit Sperrholzplatten und verkleidete die Decken mit Holzwolle-Leichtbauplatten, die einen positiven Effekt auf die Raumakustik haben.
Sämtliche Entwurfsentscheidungen wurden laut Aurélie Husson und Benoît Sindt so getroffen, dass sie das Gebäude über seinen gesamten Lebenszyklus so nachhaltig wie möglich gestalten. Sowohl Tragwerk als auch Grundrisse sind flexibel anpassbar. Sollte das Siège intercommunal einmal nicht mehr gebraucht werden, ließe es sich je nach Bedarf zu Wohnungen oder einer Bildungseinrichtung umbauen und so noch länger nutzen. Damit beginnt ­Studiolada im Südwesten von Nancy einen Prozess der Erneuerung mit Vorbildcharakter für viele weitere, zukunftsfähige Projekte.

 

 

Siège intercommunal
Neuves-Maisons, Grand Est

Bauherr: Communauté de Communes Moselle et Madon
Planung: Studiolada – Aurélie Husson & Benoît Sindt
Tragwerksplanung (Holz): Barthes bois
Ingenieurbüro (Lehm): amàco
TGA-Planung: Oak Ingénierie
Energieplanung: Fluid‘CONCEPT
Brandschutz: AJA
Projektsteuerung: Franck Barlé OPC

Fläche:  2.000 m2
Fertigstellung: 2024
Baukosten: 4 Mio. €

www.studiolada.fr

 

Text: Edina Obermoser
Fotos: Ludmilla Cerveny

Kategorie: Projekte