Museum Villa Vauban / Luxembourg / Philippe Schmit architects s.á r.l

4. März 2011 Mehr

Bei Tag und bei Nacht gleich faszinierend ist der Anblick der Museumserweiterung an die Villa Vauban, einem Kunstmuseum der Stadt Luxembourg. Bei Nacht lebt das Bild vom Gegensatz zwischen Alt und Neu, bei Tag empfindet man die Verschmelzung des Neubaues mit dem historischen Altbau und der umgebenden Parklandschaft als besonders bemerkenswert. An und für sich – zwei gegensätzliche Aussagen, doch Architekt Philippe Schmit schaffte es, diesen Spagat zu meistern.

Museum Villa Vauban / Luxembourg / Philippe Schmit architects

Die Aufgabenstellung

Die Herausforderung bei diesem Bauprojekt bestand darin, die Ausstellungsfläche zu maximieren. Sie wurde von ursprünglich 350 m² auf nunmehr 1.200 m² vergrößert, das Volumen wurde durch den Zubau vervierfacht. Gleichzeitig mussten die historischen Elemente, wie eine alte historische Stadtmauer aus dem Jahr 1739, eine bürgerliche Villa im Stil des Historismus, gebaut 1871–73, die Gartengestaltung und die öffentliche Parkanlage 1871–78 bewahrt und einbezogen werden.
Das gelingt dadurch, dass der Anbau zur Hälfte unter der Erde liegt und der oberirdische Teil der Architektur durch seine Fassade aus erdfarbenen, metallenen Lochblechen so zurückhaltend wirkt, dass er in der ihn umgebenden Parklandschaft nicht dominierend, sondern fast reflektierend erscheint. Er neigt dazu, optisch mit der Natur, mit dem Park und seinen Bäumen zu verschmelzen.

Gegensatz zwischen Alt und Neu

Das neue Ensemble ist sowohl durch das straßenseitige Hauptportal als auch von der Parkseite her begehbar. Dadurch wird der umgebende Park mit eingebunden, und das Gebäude wird auch als Teil der Öffentlichkeit der Stadt wahrgenommen. Das wiederum stellt einen wichtigen städtebaulichen Aspekt des Projektes dar.
Die in stumpfen Winkeln aufgefaltete Fassade und die Dachflächen des Anbaus, der sich wie ein Riegel hinter der Villa erstreckt, zeigen eine stark haptische Qualität und vermitteln Leichtigkeit und Eingebundenheit.
Das Gebäude ist zweigeschoßig, das Untergeschoß befindet sich auf dem Fundament einer alten Befestigungsmauer unter dem aktuellen Parkniveau. Ein schmaler Raum zwischen der alten Stadtmauer und der neuen Sichtbetonmauer im Erdgeschoß des Museums bietet ein faszinierendes Erlebnis der Zeittiefe: Haptisch sind Alt und Neu nur eine Armlänge entfernt, tastbar und für jeden Besucher begreifbar.
In die Außenwände des Baues sind Öffnungen eingeschnitten, wie gerahmte Bilder, die sowohl den sich im Inneren befindlichen Besuchern die Orientierung im Gelände während des Museumsbesuches ermöglichen als auch den sich im Park befindlichen Besuchern die Gelegenheit geben, die kunstsinnigen Menschen im Inneren von außen zu betrachten.

Visuelle Erlebnisse

Alle Ausstellungsräume liegen entlang eines Rundparcours; ein großzügiges Foyer bildet das Verbindungsstück zwischen dem Alt- und dem Neubau. Wichtigstes Baumaterial im Inneren ist zweifellos Beton. Alle nicht verkleideten Wände weisen eine besondere Oberflächenbehandlung des Sichtbetons auf: Die Flächen wurden mit dem Stockhammer aufgeraut, sodass flächendeckend verstreut kleine helle Quarze erscheinen. Die Betonelemente scheinen eher wie aus einem großen Volumen herausgearbeitet als wie einzelne, gegossene Teile. Die liebevolle und auch zeitaufwendige Behandlung der Flächen ist spürbar, und das ist wichtig in einem Museum, in dem die Zeit ja traditionsgemäß eine große Rolle spielt.
Die im Teil des Anbaus liegenden Säle verlaufen als Raumfluchten übereinander in beiden Geschoßen, jedoch in den Längsachsen leicht versetzt, sodass der Rücksprung bzw. die Auskragung im Grundriss Freiraum für spezielle Funktionen schafft: eine Skulpturengalerie, eine untere Galeriepassage, ein Kinderatelier, eine Loggia mit Parkausblick, ein Kabinett mit halber Deckenhöhe sowie ein dramatisch inszenierter Treppenabgang
ins Untergeschoß. Die reinen Ausstellungsbereiche sind als „White Cube“ gestaltet und geben so der Präsentation der Kunst den
größtmöglichen Spielraum.
All diese Elemente gestalten die Choreografie der Wegführung; sie verlangsamen, entschleunigen die Geschwindigkeit der Besucher und geben so die Möglichkeit, Ausblicke zu genießen, Architekturdetails zu entdecken und sich in Ruhe der Betrachtung der Kunstwerke hinzugeben. [rp]

Fotos: Lukas Roth / Roger Wagner

Architekt Philippe Schmit (*1963 Luxemburg)

In seiner Arbeit befasste sich Philippe Schmit schon früh mit den thematischen Zusammenhängen zwischen Kunst und Architektur und entwickelte daraus seine konzeptionelle Vorgehensweise. Veränderungen von Bautypologien als Reaktion auf städtebauliche sowie landschaftliche Kontexte zeichnen seine Bauten aus. Die Bezugnahme auf Topografie und spezifische Nutzungszusammenhänge lassen die Baukörper wie ein skulpturales Echo erscheinen. Durch die Konzentration auf wenige Materialen und Farben, durch klare Raumkonzepte und inszenierende Lichtführungen entsteht das prägnante Erscheinungsbild seiner Architektur. Philippe Schmitt realisierte bisher vornehmlich Projekte im Wohnungsbau und Kunstbereich. Das Kunstmuseum der Stadt Luxemburg ist sein erstes gebautes, öffentliches Haus.

Bauherr: City of Luxembourg
Planung: Philippe Schmit ehem. Büro Diane Heirend & Philippe Schmit architectes s.á r.l
Planungsteam: Rache Engineering, Thomas Lutgen, Goblet Lavandier & Associés, Licht Kunst Licht, Schroeder & Associés, RW- Consult, Lilly Steier
Statik: Ney & Partners
Grundstücksfläche: Stadtpark
Nutzfläche: 2.045 m²
Planungsbeginn: 2002
Bauzeit: 3 Jahre
Fertigstellung: Mai 2010
Baukosten: 12,463 Mio. €

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Kategorie: Projekte

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