Musik aus 1001 Nacht

22. April 2020 Mehr

Die eher „unaufgeregte“ Élancourt Music School findet sich in Élancourt, einer französischen Gemeinde mit 25.400 Einwohnern im Département Yvelines in der Region Île-de-France, und zwar in dem Gebäude des ehemaligen ökumenischen Zentrums der Gemeinde. Diese Architektur wurde zwischen 1974 und 1977 von Architekt Philippe Deslandes errichtet und stellte einen der wichtigsten Punkte in der Entwicklung der Stadt dar. Ursprünglich für Gottesdienste vorgesehen, war das Gebäude einfach, ohne Ornamente und eine nach innen gerichtete, ruhige Architektur, modular und anonym. Ende 2018 wurde sie, nach einem Umbau durch das Pariser Architekturbüro OPUS 5 neu eröffnet und beherbergt heute die Élancourt Musikschule. Es schwingt im Trend der Zeit, vertritt den Geist einer Reduktion, der Nachhaltigkeit und ist gerade deshalb sehenswert.

 

Élancourt Music School

 

Beton und Ziegel sind die beiden prägenden Materialien dieser Architektur. Die Fassade, komplett aus Ziegel errichtet, erweckt einen orientalischen Eindruck. Gleichzeitig haben die Architekten durch diese Idee einer ausschließlichen Benutzung dieses Baustoffes den ursprünglichen Charakter des Gebäudes bewahren können: das Prinzip des nach-innen-gerichtet-Seins und der Intimität. Der Trick, den Körper komplett und fugenlos mit dieser einheitlichen Fassade zu überziehen, vermittelt zwischen den vielfältigen, einzelnen Körpern der ursprünglichen Architektur von Deslandes und dem Gesamteindruck. Die Gestaltungsart entspricht dem Moucharabieh oder Maschrabiyya, den traditionellen dekorativen Holzgitter in der islamischen Architektur, die als Gitterschranken in Moscheen oder als Fenstergitter bzw. als Balkonverkleidungen in Wohnhäusern und Palästen zum Einsatz kamen.

 

 

Die handgeschlagenen Ziegel sind in einer mörtellosen Verlegetechnik gelegt. Die feinen Farbnuancen modellieren die einheitlich durchgehende Fassade. Während der Nachtstunden schimmert das Innere durch die Zwischenräume der Ziegel und symbolisiert so den Inhalt dieses Lernortes. Tagsüber erscheint das Gebäude auf den ersten Blick ge- oder verschlossen, auf den zweiten Blick löst es sich jedoch in die einzelnen Körper auf und ermöglicht ein umfassendes Wahrnehmen der Architektur. Auch im Inneren wirken die durchbrochenen Ziegelwände mit interessanten Lichtspielen und -reflexen weiter. Die Stimmung in den Räumen entspricht dem Gefühl der Privatheit, Konzentration, Meditation und Rückzug – bestens geeignet für Musikstunden.

 

Élancourt Music School

 

Interessant ist hier auch die fünfte Fassade, das Dach. Thermisch neu isoliert und technisch zeitgemäß ausgeführt ist es mit einem durchgehenden, synthetischen blauen Plastikrasen bedeckt. Dieser Farbfleck im Stadtgefüge ist von allen höheren Gebäuden der Umgebung aus sichtbar.
Zurückhaltung und Einfachheit kennzeichnen dieses Projekt. Es versucht nicht große Wirkung zu erzielen, sondern – vor allem durch seine Außenansicht – eher den Ort in der Gemeinde aufzuwerten, sowie Menschen zur Neugier anzuregen.

 

 

Élancourt Music School
Élancourt, Frankreich

Bauherr: City of Élancourt
Planung: OPUS 5 Architectes
Mitarbeiter: Hùng Tôn, Icegem Construction, Impédance
Statik: Batiserf

Bebaute Fläche: 900 m2
Planungsbeginn: 06/2014
Bauzeit: 18 Monate
Fertigstellung: 10/2018
Baukosten: 2 Mio. Euro

 

Text: Peter Reischer
Fotos: Luc Boegly

 

Kategorie: Projekte

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