Neue Wege über alten Gleisen

30. März 2026 Mehr

Mit „Francis“ ist am Franz-Josefs-Bahnhof im 9. Wiener Gemeindebezirk ein markantes Beispiel urbaner Architekturtransformation entstanden. Delugan Meissl Associated Architects (DMAA) und Josef Weichenberger Architects (JWA) haben den Kopfbahnhof samt Büroaufbau aus dem Bestand heraus neu definiert – und damit gezeigt, dass Weiterbauen eine echte Alternative zum Abriss sein kann. Das Projekt bildet heute das transparente, offene Zentrum des neuen Althan Quartiers und demonstriert, wie viel Potenzial in der Revitalisierung großer Gebäudestrukturen steckt.

 

 

Das ursprüngliche Bauwerk, in den 1970er-Jahren von Karl Schwanzer als ehemaliges Technisches Zentrum der Creditanstalt (später Bank Austria) entworfen, war ein Kind seiner Zeit. Die spiegelnde Fassade und die monumentale Außentreppe beherrschten den Julius-Tandler-Platz und bildeten einen baulichen Riegel, der den Stadtraum eher ausschloss als einband. DMAA und JWA unterzogen diesen Bestand einer detaillierten Untersuchung, in deren Rahmen historische Pläne, bauphysikalische Daten und die statische Struktur mithilfe eines BIM-gestützten digitalen Zwillings analysiert wurden.

 

 

Konversion als programmatische Haltung

Die Entscheidung zur Transformation statt zum Abriss prägte das Projekt von Beginn an. Diese basierte nicht allein auf ökologischen Kennwerten, zeigte aber besonders dort ihre Tragweite. Nach Berechnungen des Nachhaltigkeitsexperten Werner Sobek konnte der CO2-Ausstoß gegenüber einem vollständigen Neubau von etwa 27.595 Tonnen auf 8.970 Tonnen drastisch vermindert werden. Zudem konnten 122.480 Tonnen Beton und 10.944 Tonnen Stahl eingespart werden. Die Robustheit und räumliche Großzügigkeit der modularen Stahlbetonkonstruktion erwiesen sich dabei als die entscheidende Grundlage für die Weiterentwicklung des Hauses.

Auch logistisch erwies sich der Bestand als Vorteil: Demontage und Materiallogistik erfolgten größtenteils „introvertiert“ über das Gebäudeinnere und den unterirdischen Ladehof. Dies ersparte der dichten städtischen Umgebung rund 10.000 LKW-Fahrten sowie erhebliche Lärm- und Staubemissionen.

 

 

Eine neue Durchlässigkeit

Mit der Neugestaltung des Gebäudes entwickelte sich der gesamte Standort zu einem Scharnier zwischen Spittelau und Lichtental. Über Jahrzehnte trennte die Gleisanlage des Kopfbahnhofs die beiden Stadtteile und das unzugängliche Bürohaus verstärkte diese Zäsur. Das Althan Quartier, dessen zentraler Baustein Francis bildet, reagiert darauf mit neuen Wegeverbindungen und öffentlichen Räumen. Die Entwurfsarbeit zielte darauf ab, jene Elemente zu entfernen, die als Barrieren wirkten, und gleichzeitig die architektonische Logik des Bestandsbaukörpers zu stärken.

 

 

Herzstück der Neuordnung ist die „Plaza“-Ebene, die rund neun Meter über Straßenniveau liegt und die umliegenden Plätze miteinander verschaltet. Diese Zwischenebene bildet eine Art urbanes Deck, das den sonst fragmentierten Stadtraum überspannt. Sie beherbergt halböffentliche Aufenthaltsbereiche und dient als Gelenk für die Zugänge zu Büroflächen, Gastronomie und Bahnhofshalle. Die Öffnung des Sockelbereichs trägt maßgeblich dazu bei, dass der zuvor schwer zugängliche Standort heute als räumlich integrierter Teil des Grätzels erlebt wird.

 

 

Neuformulierung des Gebäudes

Die Transformation umfasste sowohl Eingriffe an der äußeren Erscheinung als auch präzise räumliche Neuordnungen im Inneren. Die markante, aber kaum genutzte Außentreppe wurde entfernt, ebenso ein Verbindungsbau auf der Nordseite, der das Gebäude seit den 1970er-Jahren mit einer Garage koppelte. Mit seiner Entfernung rückt der Solitärcharakter von Schwarzers ursprünglicher Komposition wieder stärker in den Vordergrund.

Die neue Edelstahlfassade ersetzt die frühere Verspiegelung durch eine zurückhaltend matt reflektierende Oberfläche, deren feine Prägung Blendungen vermeidet und dem Baukörper eine zeitgemäße Materialität verleiht. Die neuen Terrassen setzen dem Gebäude deutliche horizontale Akzente, gliedern die Fassade und nehmen der früheren Geschlossenheit ihre Strenge. Diese Freiflächen erweitern nicht nur die gastronomischen Angebote, sondern bieten auch den Büroetagen zusätzliche Außenräume. Ihre Setzung verstärkt die Öffnung des Gebäudes gegenüber dem Stadtraum und kommuniziert deutlich die Transformation der einst hermetischen Hülle. Eine zweigeschossige, zurückgesetzte Aufstockung nutzt die Nachverdichtungspotenziale des Standorts, ohne das Volumen optisch zu überladen.

 

 

Im Inneren bleibt die modulare Struktur des Bestands bestimmend. Acht Bürogeschosse mit großzügigen Raumhöhen von bis zu 3,5 Metern erlauben flexible Grundrisslösungen. Die Ausrichtung der Flächen bietet Blickbezüge zu den benachbarten Palais, zum Liechtensteinpark und bis in die Wiener Innenstadt. Ergänzt wird dies durch eine infrastrukturell gut organisierte Logistik: Die Belieferung erfolgt auch über die Bauaufgaben hinaus weitgehend über den unterirdischen Ladehof, während Fahrradabstellplätze und kurze Wege zu öffentlichen Verkehrsmitteln zeitgemäße Mobilitätsanforderungen berücksichtigen.

 

 

Nachhaltigkeit als integraler Bestandteil

Die ökologische Leistungsfähigkeit des Projekts manifestiert sich nicht allein in den eingesparten Emissionen, sondern auch in der konsequenten baulichen Ertüchtigung. Das Gebäude wurde hinsichtlich Statik, Brandschutz, Bauphysik und Erdbebensicherheit umfassend auf den heutigen Stand gebracht. Die erreichte ÖGNI-Gold-Zertifizierung verweist auf die hohen Anforderungen an Materialien und energetische Kennwerte, die bei der Planung und Umsetzung berücksichtigt wurden.

Die Transformation zu „Francis“ zeigt, dass die Weiterentwicklung bestehender Bausubstanz einen wesentlichen Beitrag zur nachhaltigen Stadtentwicklung leisten kann. Der Bestand wird nicht als Kompromiss, sondern als Ausgangspunkt für neue Qualitäten begriffen.

 

 

Francis / Althan Quartier
1090 Wien

Bauherr: Eristalis Holding GmbH
Planung: Delugan Meissl Associated Architects (DMAA) & Josef Weichenberger Architects (JWA)(als ARGE AQ-Arch
Tragwerksplanung: Spirk + Partner
Peneder Bau-Elemente GmbH: Brandschutzlösungen, Brandschutztüren, Brandschutzrolltore, textile Brandschutzvorhänge
PICHLER projects GmbH: Pfosten-Riegel-Konstruktion, hinterlüftete Fassaden mit Edelstahlverkleidung, Verbundfensterkonstruktionen

Planungsbeginn: 2016
Baubeginn: Frühjahr 2022
Fertigstellung: Ende 2024
Nutzfläche: ca. 60.000 m²
Bruttogeschossfläche: ca. 70.000 m² oberirdisch, 11.000 m² unterirdisch
Höhe: 45 m

www.dmaa.at
www.weichenberger.at

 

Text: Andreas Laser
Fotos: Gebhard Sengmüller, Christian Pichlkastner

Kategorie: Projekte