Neues Leben in altem Beton

15. April 2015 Mehr

 

Kaum eine Veranstaltung außerhalb des Rahmens der Architekturbiennale 2014 in Venedig war beeindruckender und tiefgehender als die Präsentation von RBTA (Ricardo Bofill Taller de Arquitectura) im Palazzo Bembo mit der Bezeichnung TIME SPACE EXISTENCE.

 

 

Nicht nur, dass die Videoinstallation von RBTA ein seltenes, außergewöhnliches Ereignis war, auch das Gespräch mit Ricardo E. Bofill Maggiora, dem Sohn des spanischen Architekten Ricardo Bofill Levi, verlief auf einer geistigen und intellektuellen Ebene, wie man sie oft nur erträumen kann. Interessant für diese Ausgabe von architektur ist jedoch die Entstehungsgeschichte des Ortes und der Ort selbst, an dem RBTA in Spanien arbeitet.

Vor 150 Jahren entstand La Fabrica, eine Zementfabrik in Sant Just Desvern, Barcelona in Spanien. Jahrzehntelang bedeckte sie die Umgebung mit Zementstaub, schädigte die Umwelt, bot auch Arbeitsplätze und war einfach da. Dann wurde sie stillgelegt, das Gelände verfiel. 1972 entdeckte Ricardo Bofill die Industrieruine, einen gigantischen Komplex aus der Jahrhundertwende mit über 30 Silos, unterirdischen Galerien, kilometerlangen Tunnels und Maschinenräumen. Er beschloss sein Büro hierher zu verlegen. Der Umbau und die Renovierungsarbeiten dauerten zwei Jahre und verwandelten den todgeweihten Raum in ein kreatives Designzentrum. In den Augen eines visionären Architekten ist das der Weg aus der Asche zu neuem Leben, eine Tatsache, die – zur Zeit des Erbauens der Fabrik – sicherlich unvorstellbar war. Heute erhebt sie sich aus einem saftigen Garten mit Eukalyptus-, Olivenbäumen und Palmen. „Ein magischer Ort mit einer eigenartigen Atmosphäre, das Leben kann hier total neu programmiert und ritualisiert werden, im Gegensatz zu den turbulenten und nomadischen Zuständen unserer heutigen Welt“, meinte Bofill dazu.

Der Transformationsprozess begann mit der Zerstörung und dem Abbruch eines Teils der alten Strukturen, um bisher versteckte, verborgene Körper sichtbar zu machen. So als ob der Beton wieder in eine Skulptur verwandelt und noch ein zweites Mal geformt würde. Die Fabrik war ein Kompendium von surrealen Elementen: Stiegen die nirgendwohin führten, mächtige Stahlbetonstrukturen die nichts unterstützen, Bewährungsstahl der ins Freie ragte – lauter Areale der Magie für einen Architekten.
Nachdem die äußere Form und Gestalt der Architektur bereinigt war, wurden neue Grünflächen gepflanzt. Grün sollte befrieden, von den Dächern herunterwachsen und die Betonflächen langsam überdecken. Der Komplex steht nun mitten in einem üppig bewachsenen Garten mit allen möglichen südlichen Bäumen und Gewächsen. Vögel und Tiere haben ihn als Biotop entdeckt und sich wieder angesiedelt.

Der dritte Schritt der Adaptierung war die Ent- und Neufunktionalisierung der alten Fabrik. Acht der Silos blieben bestehen, sie wurden in Büros und Arbeitsräume verwandelt. Eine Modellbauwerkstatt, Archive, eine Bibliothek, Projektionsräume und ein gigantischer Saal – er wird als „Kathedrale“ bezeichnet und für Ausstellungen, Konzerte und eine ganze Reihe kultureller Aktivitäten verwendet – sind entstanden. Durch die, von der katalanischen Gotik inspirierten Fenster, kann man fast überall in den Garten blicken.
Natürlich mussten auch neue Elemente hinzugefügt werden – dazu benutzte Bofill alle möglichen Sprachen der Architektur, von der volkstümlichen über historische bis zur modernen. Der Beton wurde und wird langsam überwuchert und das partiell Ruinenhafte verleiht dem Bau etwas Romantisches. Das Ende dieser Transformation ist nicht abzusehen, die Natur erobert stückweise ihr Terrain zurück und dieser „Renaturierungsprozess“ ist wie ein Eintauchen, ein langsames Gleiten in eine Zukunft.

Dieses Projekt ist der Beweis, dass ein Architekt mit genügend Vorstellungskraft jeden Raum an eine neue Funktion adaptieren kann, egal wie unterschiedlich sie in der ursprünglichen Nutzung geplant war. Hier passt sehr gut der Schlusssatz aus der Bofill‘schen Performance in Venedig 2014:
„Time does not exist. Space is everything. And existence is now.“

 

Text: Peter Reischer

 

 

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Kategorie: Projekte

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