Perspektive in Gelb

9. Oktober 2020 Mehr

9In einer der größten informellen Siedlungen Kairos gab der ägyptische Architekt Ahmed Hossam Saafan den dort ansässigen Menschen einen dringend benötigten Ankerpunkt im diffusen Stadtgefüge. Mit dem Dawar El Ezba Cultural Center schaffte er einen Ort für sozialen Austausch und gemeinschaftliche Aktivitäten.

 

Dawar El Ezba Cultural Center Kairo

 

Das Bild des Stadtviertels Ezbet Khairallah, das im Zentrum der ägyptischen Hauptstadt liegt, ist geprägt von Gebäuden im Rohbau, staubigen und vermüllten Straßen. Das Wachstum der Stadt ging hier ungeplant und unkontrolliert vor sich, sodass es keine funktionierende Infrastruktur gibt. Und doch nennen abertausende Menschen diese Straßen und Häuser ihr Zuhause. Inmitten dieser zerrütteten Struktur befindet sich das Dawar El Ezba Cultural Center, das sie ein kleines Stück weit verbessern möchte, indem es die kulturelle Entwicklung des Stadtgebietes anstößt. Diese soll einerseits durch Dawar Arts entstehen, wofür kunstbasierte Prozesse für Dialog, Heilung und sozialen Wandel herangezogen werden. Durch die Unterstützung von Künstlern, Pädagogen, Ärzten und Gesundheitspersonal sollen die Traumata von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen aufgearbeitet werden. Ebenso wird die Gemeinschaft zwischen Menschen mit unterschiedlichen sozialen, religiösen und ethischen Hintergründen gefördert.

 

Dawar El Ezba Cultural Center Kairo

 

Angeboten werden Workshops, Schulungsprogramme, Theatertherapie und Gemeinschaftskunst. Geboten werden soll auch Raum für kulturelle Veranstaltungen, wie Live-Musik, literarische Lesungen und Theateraufführungen. Den zweiten Schwerpunkt stellt Dawar Kitchen dar, der durch Kulinarik Menschen einander näher bringt und Perspektiven schafft. Mit Catering und anderen Arten der Lebensmittelproduktion wird Migranten, Flüchtlingen und ägyptischen Frauen eine Beschäftigung und Berufsausbildung geboten.

 

 

Es galt also ein sehr vielseitiges Programm an Nutzungen im neuen Kulturzentrum unterzubringen und räumlich zu übersetzen. Die ersten beiden Geschosse gehörten einer schon vorhandenen baulichen Struktur an, die um zwei weitere Geschosse erweitert wurde. In jeder der vier Ebenen wurden unterschiedlich große Räume für die Gemeinschaft untergebracht. Das Herzstück des Gebäudes bildet der in der obersten Ebene gelegene Theater- und Workshop­raum, in dem man auch einen Einblick in die Living-Green-Wall bekommt. Diese erstreckt sich in einem offenen Schacht über alle Geschosse des Baues.

 

Dawar El Ezba Cultural Center Kairo 

 

Konstruiert wurde das Gebäude hauptsächlich aus Holz, das mit gelb gefärbtem Wellenblech verkleidet wurde. Zurückgegriffen wurde dabei bewusst auf lokal verfügbare Materialien, für deren Verarbeitung mit den umliegenden Metall- und Holzwerkstätten zusammengearbeitet wurde.

Die Architektur des Kulturzentrums und das gewählte Material soll Menschen ansprechen und ihnen zeigen, dass das Gebäude für sie da ist. Die einfache Strukturierung und Farbgebung schafften es, dass sich die Leute mit dem Gebäude identifizieren können. Auch der schon gebauten Architektur des Viertels sollte der Spiegel vorgehalten und gezeigt werden, was möglich ist. Dabei besitzt das Gebäude eine Vorbildfunktion in Bezug auf sein Materialbewusstsein, seinen Umgang mit Ressourcen und vor allem auch durch seine soziale Nachhaltigkeit.

 

 

Natürlich ersetzt ein solcher Bau nicht eine funktionierende städtische Infrastruktur, bietet aber dennoch den Bewohnerinnen und Bewohnern eine Anlaufstelle für einen kurzzeitigen Umfeldwechsel und die Möglichkeit, sich am Gemeinschaftsleben zu beteiligen. Denn das Dawar El Ezba Cultural Center stellt wertvollen Raum für kulturelle Aktivitäten in einem der bevölkerungsreichsten und dichtesten Stadtviertel von Kairo zu Verfügung. Die Farbe Gelb wurde dabei für die Fassade wohl nicht umsonst gewählt. Sie markiert mit ihrer Strahlkraft den Ort als neuen Anziehungspunkt und steht dabei auch für Lebendigkeit und Optimismus.

 

 

 

Fotos: Ahmed Hossam Saafan
Text:Alexandra Ullman

 

 

Kategorie: Projekte

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