Punkt, Punkt, Komma, Strich

24. November 2022 Mehr

Das Verschwimmen von Kern und Hülle lässt in Kombination mit den verschiedenen, sich überblendenden Ebenen aus einem simpel anmutenden Baukörper einen raffinierten Hybrid aus Heuschober und Wohnhaus entstehen. Marte Marte Architekten spielen bei ihrem Entwurf einer Blockhütte regelrecht mit dem Prinzip der Einfachheit, setzen dabei auf radikale Materialität und generieren letztlich einen Rahmen, der einzig der umgebenden Natur dient.

 

 

„Abstrakt und einfach“ – so lautete die Devise von Marte Marte Architekten, als es um den Entwurf für einen Baugrund am Ortsrand von Laterns Bonacker in Vorarlberg ging. Was auf den ersten Blick schlicht und einfach erscheint, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen jedoch als eine raffinierte Überlagerung von Ebenen und ein bewusstes Spiel mit Ein-, Aus- und Durchblicken.

 

 

Der plakative Baukörper lebt von der steilen Hanglage, scheint sich mit jeder Seite optimal an die topografischen Gegebenheiten anzupassen, regelrecht mit den Niveausprüngen zu spielen. Eine solche gestalterische Antwort war auch deswegen möglich, weil sich die Bauherrschaft mit den Nachbarn einigen konnte, beide Garagen als gemeinsames Nebenbauwerk in Form eines pragmatischen Betonkörpers auszuführen: dieser schiebt sich ebenso bis zur Talfassade ins Terrain wie das quer zum Hang positionierte Ferienhaus. So mäandert einzig ein schmaler Pfad den scheinbar unberührten Hang hinauf zum westseitig gelegenen Zugang mit vorgelagertem Wasserbecken und Sitzplatz zum Verweilen.

 

 

Von außen prägen den dreigeschossigen, introvertiert konzipierten Baukörper die kompakte Form sowie ein Satteldach mit ausgeprägtem Überstand und filigraner Regenrinne. Die Schalung und die Rahmen der wenigen, gezielt gesetzten Fensteröffnungen wurden schwarz lasiert und treten in der Wahrnehmung somit stark in den Hintergrund. Eine Art „Strick“-Mantel in Form von liegenden Bohlen bildet einen losen Überwurf, der an der einen Stelle kaschieren und an anderer Akzente setzen soll. Dieses Spiel mit den Ebenen weckt zum Einen eine Neugierde beim Betrachter, zum Anderen scheint die Gestalt der Blockhütte vor dessen Augen gleich einer flirrenden Fata Morgana zu zerfließen. Besonders raffiniert ist der Betonsockel ausgeführt, der der Hangneigung, gleich einer Treppe, nach oben folgt und dabei den Saum des Stricküberwurfs akkurat mitzunehmen scheint.

 

 

Während die beiden unteren und ebenerdig zugänglichen Ebenen eher in sich gekehrt wirken, eröffnet sich unter dem Dach ein großzügiger Wohnraum, der sich nach außen orientiert. Ein Kamin, Sitzgelegenheiten entlang der Wände und Fensterbänder sowie eine Loggia machen den Dachraum zum einladenden Wohlfühlort, um die umgebende Naturlandschaft in Ruhe zu genießen. In den unteren Ebenen befinden sich die Schlafkammern, Sanitärbereiche, eine Küche und eine Sauna. Trotz seiner kompakten Form verfügt das Häuschen, dank der geschickten Raumfolge und offenen Strukturierung, über knapp 130 Quadratmeter Nutzfläche.

 

 

 

Die natürliche und schlichte, rein form- und materialbezogene Anmutung der Fassade setzt sich auch im Inneren konsequent fort. Der Boden aus Esche und die mit Weißtanne getäfelten Wände und Decken verleihen sogar den kleingehaltenen Schlaf- und Nebenräumen Qualität und Wärme. Blasse, gespachtelte Oberflächen definieren den Sauna- und Sanitärbereich und lenken den Fokus auf deren Essenz: Reinheit und Erfrischung. Einzig im obersten Geschoss darf sich das Mäntelchen etwas lüften – was hier zum Tragen kommt ist aber nicht pompös gerüscht, vielmehr geziert: hier liegt der Fokus ganz auf der Inszenierung der umgebenden Bergwelt im Laufe der Jahreszeiten.

 

 

Blockhütte
Laterns, Vorarlberg, Österreich

Bauherr: Familie Hagen
Planung: Marte Marte Architekten
Mitarbeiter: Anna Kickingereder, Clemens Metzler
Statik: m+g Ingenieure, Feldkirch

Grundstücksfläche: 1.209 m2
Bebaute Fläche: 63 m2
Nutzfläche: 129 m2
Planungsbeginn: 2018
Bauzeit: 10/2019 – 11/2020
Fertigstellung: 11/2020
Baukosten: ca. 500.000 EUR

www.marte-marte.com

 

 

Text: Linda Pezzei
Fotos: Paul Ott

 

Kategorie: Projekte