Raum für Nachbarschaft

25. Juni 2026 Mehr

Am Wienerfeld West in Wien-Favoriten wird eine bestehende Gemeindebausiedlung schrittweise ersetzt. Die Planung von WUP architektur arbeitet mit kompakten Häusern in Holzhybridbauweise, gemeinschaftlich nutzbaren Erschließungsräumen und privaten Freiflächen für jede Wohnung. Der fertiggestellte Musterblock D1 zeigt, wie die künftige Siedlung aufgebaut sein soll: als Folge kleinerer Häuser mit wiederkehrenden Bauteilen und überschaubaren Nachbarschaften.

 

 

Die ursprüngliche Siedlung Wienerfeld West wurde zwischen 1939 und 1942 unter den Bedingungen des Zweiten Weltkriegs errichtet. Schon kurz nach dem Einzug kam es zu ersten Beschwerden über Baumängel. In den folgenden Jahrzehnten wurden die Gebäude repariert, erweitert und oft in Eigenregie an die Bedürfnisse der Bewohner:innen angepasst. Aus der gewachsenen Kleinsiedlungsstruktur mit ihren privaten Gärten entstand eine Anlage mit auffallend viel individueller Aneignung – zugleich verschlechterte sich die bauliche Substanz zunehmend. Statikprobleme, Baumängel und nicht mehr zeitgemäßer Wohnkomfort führten 2021 zur Entscheidung, die Siedlung nicht zu sanieren, sondern etappenweise neu zu bauen.

 

 

Neue Häuser in vertrauter Körnung

Die neue Anlage übernimmt Grundzüge der bestehenden Struktur. Die Baukörper bleiben kleinteilig organisiert, erhalten jedoch etwas größere Grundflächen, um zeitgemäße Wohnungsgrundrisse zu ermöglichen. Die Planung basiert im Wesentlichen auf zwei Haustypen, die je nach Lage kombiniert werden. In der ersten Bauphase wurde auf Baufeld D1 der größere Typ mit elf Wohnungen realisiert. Insgesamt sind für die Siedlung 307 Wohneinheiten und ein Supermarkt vorgesehen; Stellplätze entstehen in einer zentralen Tiefgarage am nördlichen Rand. Nicht jedes Haus wird unterkellert. Stattdessen werden Fahrrad- und Einlagerungsräume in etwa jedem fünften Haus gebündelt, ergänzt durch die zentrale Sammelgarage. Diese Organisation reduziert den unterirdischen Bauaufwand und hält zusätzliche Versiegelung gering.

 

 

Zwischen Gemeinschaft und Rückzug

Die Kleinteiligkeit der Anlage hat Folgen für die Erschließung. Jede Wohnung ist barrierefrei erreichbar; in der endgültigen Siedlung bedeutet das eine hohe Zahl von 25 Stiegenhäusern mit Aufzügen. Diese Notwendigkeit wird im Entwurf nicht nur als funktionale Anforderung behandelt, sondern als Möglichkeit, überschaubare Nachbarschaften zu bilden. Ein zentrales Element dafür ist die „Gemeinschaftsbassena“. Die überdachte Zone vor den Wohnungseingängen verbindet Stiegenhaus, Erschließung und gemeinschaftlich nutzbare Fläche mit einem Fokus auf alltägliche Begegnungen und Nachbarschaft. Als eigener Bereich ist sie auch gestalterisch ablesbar: an der wechselnden Materialität aus Betonkonstruktion, Metallgeländern und Metallpergola sowie an der vorherrschenden Farbe Gelb. Durch die transparente Gestaltung mit Netzgittern bleibt sie zugleich mit der weiteren Nachbarschaft verbunden. Sie kann für kleine Feste, Pflanzbeete, Spielflächen oder eine gemeinsame Tafel genutzt werden. Pro Geschoss liegen drei bis vier Wohnungen an diesem Bereich, die über die Eingangstür hinaus zusätzlich mit mindestens einem Fenster angebunden sind. Das sorgt nicht nur für einen direkten Bezug, sondern ermöglicht auch eine effektive Querlüftung selbst bei kompakten Grundrissen.

 

 

Die Wohnungen sind auf unterschiedliche Haushaltsgrößen ausgelegt. Die Flächen liegen überwiegend zwischen etwa 50 und 100 Quadratmetern; einzelne größere Wohnungen erreichen rund 125 Quadratmeter und decken damit auch den Bedarf großer Familien ab. Räume mit zwei Zugängen und Schiebewänden erlauben es, Nutzungen zu trennen oder zusammenzuschalten. Die Grundrisse reagieren damit flexibel auf wechselnde Lebenssituationen, ohne die Wohnungen grundsätzlich umbauen zu müssen. Mit Holzböden, sichtbaren Holzträgern und Holz-Alu-Fenstern wird die konstruktive Materialwahl auch in der alltäglichen Wahrnehmung der Wohnungen fortgeführt.

 

 

Vom Privatgarten zum gestaffelten Freiraum

Die neue Siedlung setzt gegenüber der Ausgangslage stärker auf gemeinschaftliche Grünflächen als auf die bisher identitätsstiftenden Individualgärten. Dennoch erhält jede Wohnung zumindest einen eigenen Außenbereich. Zur Gartenseite sind den Häusern begehbare Pflanztröge vorgelagert. Diese „Grünen Brücken“ sind rund 22 Quadratmeter groß und übernehmen je nach Lage unterschiedliche Funktionen: Im Erdgeschoss bilden sie eine Laube im privaten Garten, im ersten Obergeschoss werden sie als nutzbare Außenfläche eingesetzt. Durch ihre Größe und ausreichende Pflanztiefe können diese Freiflächen wie echte Gärten genutzt werden. Für die obersten Geschosse kommen Dachterrassen hinzu. Die privaten Außenräume werden durch gemeinschaftlich nutzbare Flächen zwischen den Häusern ergänzt. Dort sind Spielbereiche, Beete und Aufenthaltszonen vorgesehen; neue Durchgänge öffnen die Mittelzone der Siedlung stärker für die Nachbarschaft.

 

 

Vom Bauteil zum Raumklima

Konstruktiv setzt das Projekt auf eine Hybridbauweise. Tragende Außenwände werden als Holzriegelwände ausgeführt, innerhalb der Wohnungen kommen Massivholzwände sowie Holzstützen und Unterzüge zum Einsatz. Die Decken bestehen aus vorgefertigten Holzhybridrippendecken mit aktivierter Betonplatte. Beton wird dort eingesetzt, wo Speichermasse, Brandschutz, Aussteifung oder Tragverhalten sinnvoll sind; die Stiegenhäuser und Teile des Untergeschosses sind entsprechend in Stahlbeton geplant. Die Holzelemente, die Erschließungsbereiche und die „Grünen Brücken“ sind konstruktiv getrennt, was die Anschlüsse vereinfacht und die Vorfertigung unterstützt.

Das Energiekonzept kombiniert je Haus eine Luft-Wasser-Wärmepumpe mit aktivierten Bauteilen und Photovoltaik auf den Dächern. Die Decken dienen zum Heizen und Kühlen; im Erdgeschoss ergänzt eine Fußbodenheizung das System. Für den Sommer ist eine moderate Temperierung über die aktivierten Bauteile vorgesehen, die die Raumtemperatur um etwa drei bis vier Grad senken kann. Zusammen mit der Querlüftung über die Bassena oder über Eck entsteht ein einfaches Mittel gegen Überhitzung, das ohne zusätzliche technische Komplexität auskommt.

Konstruktion, Erschließung und Energiekonzept sind damit nicht als getrennte Ebenen behandelt, sondern greifen im Aufbau des Hauses ineinander. Der Musterblock D1 zeigt diese Verbindung im Maßstab eines ersten Bausteins. Die nächsten Bauabschnitte befinden sich derzeit in Ausschreibung; die Fertigstellung der gesamten Anlage ist bis spätestens 2030 vorgesehen.

 

 

Siedlung Am Wienerfeld West
Wien, Favoriten

Bauherr: Wiener Wohnen / WIP
Generalplanung: WUP architektur & FCP
Architektur: WUP architektur (Alexander Jägers, Kristina Kraml, Attila Jung, Raphaela Leu, Caroline Husty)
GP-Management: FCP Fritsch, Chiari & Partner ZT GmbH (Katharina Indra)
Freiraumplanung: DnD Landschaftsplanung
Tragwerksplanung: RWT Plus
TGA: Lechner+ Partner Ingenieure GmbH

Wettbewerb: 1. Rang, EU-weiter Realisierungswettbewerb 2022
Planungsbeginn: 2023
Bauzeit: 2024 -2030
Fertigstellung Musterblock: 2025

www.wup-architektur.com

 

 

Text: Andreas Laser
Fotos: Tschinkersten Fotografie

Kategorie: Projekte