Raum mit Haltung
Ein Bildungsbau, der keine Kompromisse eingeht: Dietrich Untertrifaller übersetzen mit der Erweiterung der Waldorfschule in Wien-Mauer die Prinzipien der Waldorfpädagogik in eine nachhaltige, konsequent holzbetonte Architektursprache.
Kaum eine Schulform stellt so klare Anforderungen an die räumliche Gestaltung wie Waldorfschulen. Sie fordern ein Architekturverständnis, das das Kind in den Mittelpunkt stellt, seine ganzheitliche Entwicklung unterstützt – und dabei den physischen Raum selbst zum pädagogischen Werkzeug macht. Genau das ist mit der Gestaltung der Waldorfschule in Wien-Mauer gelungen: Die jüngste Erweiterung des denkmalgeschützten Bestands ist mehr als ein funktionaler Zubau – sie ist räumlich gelebte Haltung.
Anthroposophie weitergedacht
Diese Haltung spiegelt sich im architektonischen Konzept wider. Der Neubau interpretiert die traditionell organische Formensprache anthroposophischer Schulbauten in zeitgemäß reduzierter Weise. Die architektonischen Gesten sind subtil, aber bewusst gesetzt: Ein Rhythmus aus Sichtbeton, Brettsperrholz, Lehm und Robinienholz bestimmt das räumliche Gefüge – von der Turnhalle bis zum Dachklassentrakt. Dabei verzichtet der Neubau auf rechte Winkel, wo sie nicht notwendig sind, und setzt stattdessen auf natürliche Übergänge, offene Strukturen und sinnliche Materialien.
Bestandserweiterung mit Respekt und Innovation
Um die Verbindung zwischen Alt und Neu behutsam zu gestalten, wurde der Bestand sorgsam unterfangen, ergänzt und aufgestockt – mit möglichst geringer zusätzlicher Belastung. Das Dach wurde neu aufgesetzt, die Gaupe der neuen Neigung angepasst. Ein vorgelagertes Treppenhaus mit Aufzugskern aus Stahlbeton, brandschutztechnisch erforderlich, vermittelt zwischen den Baukörpern, ohne sich gestalterisch in den Vordergrund zu drängen. Die horizontale Erschließung erfolgt über witterungsgeschützte Laubengänge – unbeheizte Loggien, die nicht nur als thermische Pufferzone, sondern auch als Lern- und Begegnungsräume dienen.
Holzbau als pädagogische Haltung
Im Inneren setzt sich das pädagogische Konzept konsequent fort: Herzstück des Neubaus ist der sichtbare Holzbau – nicht als Stilmittel, sondern als sinnstiftende Materialwahl. Die Decke über dem Klassentrakt wurde als Hohlkastendecke in Massivholz ausgeführt, die Turnhalle erhielt eine Rippendecke mit aussteifenden Brettsperrholzplatten. Die Konstruktion verzichtet weitgehend auf Stahl-Holz-Hybridlösungen und bleibt damit kostengünstig, emissionsarm und handwerklich nachvollziehbar.
Diese Konsequenz prägt auch die Innenräume: Chemiefreie Materialien, Lehmputz und Robinienholz schaffen eine warme, haptische Umgebung. Die Holzlamperie mit integrierten Türen, die unbehandelte Oberfläche der Lehmwände und die bewusst raue Sichtbetonästhetik im Treppenhaus erzeugen ein differenziertes Raumerlebnis, das auf die sinnliche Wahrnehmung der Kinder abgestimmt ist.
Raum als Lernfeld
So entstehen Grundrisse, die keinem starren Raster folgen, sondern vielfältige Aneignungen ermöglichen. Vier identische Klassenräume öffnen sich zur Terrasse, die Erschließung über Laubengänge ermöglicht Rückzug und Weitblick zugleich. Im Obergeschoss ergänzen Werkstätten, ein Musikraum mit Stauraum unter der Dachschräge und ein großzügiges Foyer das Raumprogramm. Das Foyer kann als Erweiterung des Unterrichts genutzt werden – zum Beispiel für Eurythmie, Theater oder Versammlungen.
Auch funktionale Anforderungen wurden architektonisch intelligent gelöst: Eine elegant integrierte Freitreppe an der Nordseite führt in den Garten und wird durch ein begrüntes Metallgitter formal gefasst. Der Raum darunter dient als Geräte- und Lagerraum – ein Beispiel für die gelungene Verbindung von Funktionalität und Gestaltung.
Das Projekt zeigt, wie Architektur Kindern Raum gibt, ihre Persönlichkeit in einem vertrauten, aber nicht überformten Umfeld zu entfalten. Es geht dabei nicht nur um Bildung, sondern um Beziehungsräume – für Selbstwirksamkeit, Gemeinschaft und Vertrauen. Damit nähert sich das Projekt der Idee, die das Büro selbst als Ziel formuliert: Räume zu schaffen für „die Erwachsenen von morgen“ – und für die Fragen, die diese stellen werden.
Der Kindergarten als kleiner Mikrokosmos
Die Prinzipien der Schule setzen sich im neu gestalteten Kindergarten fort – in kleinerem Maßstab, aber ebenso präzise. Die Verwendung von leim- und chemiefreien Brettstapelelementen, kombiniert mit einer Raumstruktur aus offenen Galerien, Nischen und Verstecken, schafft eine spielerische und dennoch robuste Umgebung. Der Kindergarten zeigt beispielhaft, wie sich ökologisches und pädagogisches Denken räumlich verbinden lassen – ohne technologische Überfrachtung.
Mit der Erweiterung der Waldorfschule in Wien-Mauer ist Dietrich Untertrifaller eine überzeugende Übersetzung anthroposophischer Ideale in eine klare, nachhaltige und materialgerechte Architektur gelungen. Hier wurde nicht nur Schulraum geschaffen, sondern eine Atmosphäre des Vertrauens, der Geborgenheit und der Freiheit – Werte, die auch über die Waldorfgemeinschaft hinaus richtungsweisend für den Bildungsbau der Zukunft sind.
Waldorfschule Wien-Mauer
Wien, Österreich
Bauherr: Rudolf Steiner Schulverein
Planung: Dietrich Untertrifaller und Andreas Breuss
Team: Harald Eder, Tobias lndermühle (Projektleitung), Andreas Laimer, Michael Porath, Julian Roiser, Fabio Verber
Statik: Beton: Gerhard Gschwandtl ZT Wien
Holz: KPZT – Kurt Pock Tragwerksplanung Klagenfurt
Grundstücksfläche: 4.125 m²
Bebaute Fläche: 1.284 m²
Nutzfläche: 3.148 m²
Planungsbeginn: Mai 2015
Bauzeit: September 2022 – Juni 2024
Fertigstellung: Juni 2024
Text: Linda Pezzei
Fotos: Kurt Hoerbst, Aldo Amoretti
Kategorie: Projekte












