Schwebende Verbindung
Eine stillgelegte Eisenbahntrasse wird zur urbanen Passage: Der Monte Ciocci–San Pietro Radweg verbindet Alltagsmobilität, Infrastrukturgeschichte und spirituelle Topografie – und zeigt, wie Rom seinen urbanen Raum neu verhandelt.
Rom ist eine Stadt der Wege. Historisch gewachsen, vielfach überlagert, selten geradlinig. Mit dem Monte Ciocci–San Pietro Pedestrian and Cycling Path schreibt die Stadt ein weiteres Kapitel dieser Weggeschichte – eines, das weniger monumental als vielmehr präzise, leise und zeitgemäß ist. Fertiggestellt im April 2025, rechtzeitig zum Heiligen Jahr, verbindet der rund 1,2 Kilometer lange Rad- und Fußweg den nördlich gelegenen Monte-Ciocci-Park mit der Vatikan-Grenze. Was auf den ersten Blick wie eine infrastrukturelle Ergänzung wirkt, ist in Wahrheit eine urbane Transformation: Das Brescianer Studio CREW – Cremonesi Workshop (Teil des FS Urban Hub) verwandelt eine stillgelegte Eisenbahnlinie in eine neue öffentliche Sequenz aus Bewegung, Aussicht und Übergang.
Infrastruktur als öffentlicher Raum
Zentrales Element des Projekts ist der adaptive Reuse zweier historischer Infrastrukturbauten: des Fornaci-Viadukts und des Villa-Alberici-Tunnels. Im Auftrag von Roma Capitale entwickelte CREW das Projekt in Zusammenarbeit mit RFI (Rete Ferroviaria Italiana) – als integrierten Beitrag zur nachhaltigen Mobilität und zur stadträumlichen Regeneration. Wo einst Züge verkehrten, bewegen sich heute Radfahrer:innen und Fußgänger:innen – sanft geführt, barrierefrei, mit bewusstem Tempo. Der Fornaci-Viadukt wird dabei zum urbanen Aussichtspunkt: Hoch über Valle Aurelia öffnet sich der Blick über die Stadt bis zum Petersdom. Infrastruktur wird hier nicht inszeniert, sondern selbstverständlich Teil des urbanen Alltags. Der Übergang in den Villa-Alberici-Tunnel markiert einen atmosphärischen Wechsel. Die historische Mauerwerksstruktur wurde konsolidiert, das Bodenniveau angehoben, Wasser gezielt über seitliche Kanäle geführt. Der Tunnel fungiert nicht nur als Verbindung, sondern als räumliche Zäsur – kühl, ruhig, entschleunigend.
Ingenieurkunst im Bestand
Besonders komplex ist der Austritt aus dem Tunnel: Der ursprüngliche Ausgang lag rund acht Meter unter Straßenniveau, verborgen unter einer Parkplatzstruktur. Ein neu entwickeltes Rampensystem mit sanftem Gefälle überwindet diesen Höhenunterschied nahezu beiläufig. Technische Notwendigkeit wird zur fließenden Bewegung – präzise geplant, zurückhaltend gestaltet. Die sieben klar gegliederten Abschnitte verweben bestehende Verkehrsknotenpunkte wie San Pietro Bahnhof und Valle Aurelia FS/Metro mit neuen Bewegungsräumen. Rad- und Fußverkehr werden nicht additiv gedacht, sondern als integraler Bestandteil urbaner Mobilität.
Zwischen Alltag und Pilgerschaft
Eine zusätzliche Ebene erhält das Projekt durch seine symbolische Dimension. Der Radweg schließt an die Via Francigena an und führt eine jahrhundertealte Pilgerroute bis nahe an den Petersdom weiter. Sakraler Raum und Alltagsinfrastruktur überlagern sich – nicht pathetisch, sondern selbstverständlich. Gerade darin liegt die Qualität des Eingriffs: Er richtet sich nicht ausschließlich an Pilger:innen oder Tourist:innen, sondern an die Bewohner:innen Roms. Er verbindet periphere Stadtteile, aktiviert vergessene Zonen und schafft öffentlichen Raum dort, wo zuvor funktionale Leere herrschte.
Der Monte Ciocci–San Pietro Path ist damit kein ikonisches Einzelobjekt, sondern ein präziser Eingriff in den urbanen Stoff. Ein Projekt, das zeigt, wie zeitgemäßer urbaner Raum entsteht: durch Weiterbauen, Wiederverwenden – und durch das bewusste Verbinden von Bewegung, Geschichte und Alltag.
Text: Linda Pezzei
Fotos: Andrea Bosio
Kategorie: Projekte










