Sensible Transformation

27. November 2025 Mehr

Ein Schulhaus steht leer. Es weist keine Schäden oder gravierenden Mängel, wirft aber viele Fragen auf: Was tun mit dem Bestand? Die Offene Jugendarbeit Bregenzerwald entschied sich schließlich für einen neuen Anfang in alten Mauern und fand in der Architektin Nina Beck eine Partnerin, die Leerstand nicht als Defizit, sondern als Ressource versteht. Gemeinsam mit einem vielgestaltigen Team entwickelte sie ein Konzept, das aus der Vergangenheit eine Grundlage für die Zukunft schaffen soll.

 

 

Ein Ort für viele.

Im Zentrum der Transformation steht die Idee eines Hauses für alle Generationen. Die „Gute Stube” soll ein „Dritter Ort” sein – ein Raum zwischen Zuhause und Arbeit, der für Begegnung, Austausch und den Alltag offen ist. Dass dieses Ziel nicht mit großen Gesten, sondern mit feinen Eingriffen erreicht wurde, ist die Stärke des Projekts. Nina Beck und das OJB-Team entschieden sich bewusst für das Prinzip der Weiterentwicklung. Sie suchten nicht nach dem radikal Neuen, sondern nach den Spuren, die das Gebäude bereits in sich trug. Aus diesen „Fundstücken“ formten sie eine neue Erzählung.

 

 

Material als Medium

Die ehemalige Volksschule erzählte ihre Geschichte durch Böden, Farben und Möbelstücke. Im Gang lagen alte Fliesen, deren Farbton digital übersetzt und in den Farbräumen CMYK und RGB aufbereitet wurde. So diente er als Grundlage für ein neues Farbkonzept. Jede Wand wurde probeweise gestrichen, anschließend wurde diskutiert und entschieden. So entstand ein Farbkanon, der aus dem Bestand geboren wurde und zugleich eine neue Atmosphäre prägt.

Auch beim Boden zeigt sich diese Haltung: In der Küche, dem Herzstück des Hauses, wurde geschliffener Estrich eingebracht. Er wirkt robust und ehrlich und harmoniert zugleich mit den bestehenden Oberflächen im angrenzenden Gang. Nichts Fremdes, nichts Übergestülptes, sondern eine stille Fortsetzung.

Die alten Schränke aus dem Lehrerzimmer wurden nicht im Depot gelagert, sondern fanden ihren Platz in der neuen Küche. Ein Schreiner passte sie an, ohne die Patina zu kaschieren. Gebrauchsspuren, Materialalterung und Unterschiede in den Tiefen wurden nicht übertüncht, sondern bewusst integriert. Aus Resten wurden Ressourcen.

 

 

Architektur im Dialog

Die Eingriffe im Gebäude sind deutlich sichtbar und nicht versteckt. Wo eine Wand abgetragen wurde, zeichnet die Decke die Veränderung nach. Wo ein Stahlträger nötig war, bleibt dieser unübermalt und zeigt die konstruktive Realität. Hier tritt Architektur nicht als Inszenierung auf, sondern als offener Dialog mit dem Bestand.

Die Treppe, die das Erdgeschoss mit den oberen Räumen verbindet, wurde zu einem Begegnungsort. Auch sie veranschaulicht durch Farben und kleine Oberflächengestaltungen die Balance zwischen Alt und Neu. Das Haus lebt von seinen Schichten – und diese bleiben lesbar.

 

 

Kooperation als Haltung

Nicht nur das architektonische Ergebnis ist besonders, sondern auch der Weg dorthin. Gemeinsam mit der Gestalterin Simone Angerer, der Kulturmanagerin Katharina Kleiter, der Malerin Anna Hopfner, Jugendarbeiterin Sarah Greber, Jugendarbeiterin Stefanie Weis und der Geschäftsführerin Agnes ­Hollenstein entwickelte Beck ein Nutzungskonzept, das Gestaltungsfragen eng mit sozialen Anforderungen verknüpft. Hier verschmolzen Architektur, Kunst, Pädagogik, Jugendarbeit und Projektmanagement zu einer kollektiven Praxis.

Beck beschreibt diesen Ansatz als eine Architektur, die keine großen Inszenierungen braucht, sondern Räume schafft, die Möglichkeitsräume eröffnen und Selbstermächtigung erlauben.

 

 

Relevanz in der Zurückhaltung

Die „Gute Stube” zeigt exemplarisch, welche Kraft in dieser Haltung steckt. Es gibt keine Hochglanzarchitektur und keine spektakulären Oberflächen – und doch beweist dieses Projekt Rückgrat.

Denn hier wird sichtbar: Material ist nicht nur Oberfläche, sondern auch Erinnerungsträger. Farbe ist kein Dekorationselement, sondern ein Werkzeug der Aneignung. Möbel sind keine Inventargegenstände, sondern Geschichtenerzähler.

So entsteht aus dem unscheinbaren Bestand ein Haus mit Relevanz – für die Jugendlichen, die hier Freiraum finden, ebenso wie für die älteren Generationen, die Erinnerungen an ihre eigene Schulzeit mitbringen.

„Wir Architektinnen und Architekten sollten unseren Blick nicht nur auf das Große und Sichtbare richten”, fasst Beck zusammen. „Es sind die leisen, unscheinbaren Projekte, die zeigen, worum es wirklich geht: um Verantwortung, Wirkung und Relevanz unabhängig von Maßstab oder medialer Sichtbarkeit.“

 

 

 

Text: Linda Pezzei
Fotos: Nina Bröll

Kategorie: Projekte