Sozial nachhaltig & kreislaufgerecht
Um dem Aussterben des Ortskerns entgegenzuwirken, startete das Büro Schlicht Lamprecht Kern Architektur Stadtplanung im Auftrag der Gemeinde Niederwerrn ein Projekt zur Neubelebung des Zentrums. Unter dem Titel MittenIm setzte man dabei zunächst ein Ensemble aus zwei Neubauten, revitalisierten Bestandsgebäuden, Außenflächen und einem zentralen Dorfplatz um. Das neue Herzstück der unterfränkischen Gemeinde bildet mit dem zirkulären Bürgerzentrum ein Haus, das weitgehend aus recycelten Materialien besteht. Essenziell für die Umsetzung waren die Mittel der Städtebauförderung, mit der der Bund Transformationsprojekte im ländlichen Raum finanziell unterstützt.
Begonnen wurde mit der Entwicklung des neuen Ortskerns bereits 2014. Ein nachhaltiges Nutzungskonzept sollte das zunehmend von Leerständen geprägte Zentrum der 9.500-Einwohner-Gemeinde nordwestlich von Schweinfurt wieder in einen lebendigen Ort verwandeln. In Form eines integrierten städtebaulichen Entwicklungskonzepts (ISEK) und diversen Beteiligungsformaten interessierte man sich damals zunächst für die Wünsche der Bürger. Im Anschluss kaufte bzw. tauschte man – dank persönlichem und weitsichtigem Engagement der Bürgermeisterin und des Architektur- und Stadtplanungsbüros – die erforderlichen Grundstücke, um das Projekt realisieren zu können. Im Zuge dessen wurden unter anderem leerstehende Gebäude revitalisiert, Parzellen umgenutzt und Eigentum in barrierefreien Wohnraum getauscht. Im Sommer 2024 konnte die neue Ortsmitte von Niederwerrn schließlich eingeweiht werden. Neben dem Neubau mit einem Veranstaltungssaal, Vereinsräumen und einem Bürgercafé umfasst das Ensemble auch ein umgebautes Wohnhaus und ein historisches Scheunengebäude. Ein Dorfplatz in Hanglage sowie begrünte Außenräume – darunter ein Bauerngarten und einladende Sitzstufen mit Platz für Outdoor-Veranstaltungen – verbinden die einzelnen Bauten mit dem angrenzenden Bestand.
Recyclingbeton trifft Holz
Im Fokus des Projekts stand abgesehen von der sozialen Nachhaltigkeit auch das Thema Kreislaufwirtschaft, weshalb man hauptsächlich auf recyceltes Material setzte. Das Herzstück des Zentrums bildet das neue Bürgerzentrum, das sich aus zwei Baukörpern mit Satteldach zusammensetzt. Diese legen sich, in Längsrichtung leicht versetzt, aneinander und orientieren sich so an der kleinteiligen Struktur der Umgebung. Ziel des Entwurfs war es, „ein Haus aus Holz und ein Haus aus Stein zu bauen“, schildert das Planerteam die Inspiration für die Materialität. Sowohl der westliche Trakt als auch Fundament und Sockel des zweiten Gebäuderiegels aus Holz wurden in Recyclingbeton umgesetzt. Für die massiven Bauteile kam das Abbruchmaterial einer rund 50 km entfernten Brücke bei Würzburg zum Einsatz. Die ehemalige Talbrücke Rothof wurde 2019 rückgebaut und in einem nahegelegenen Recyclingwerk aufbereitet. Nun fertigte man aus den rund 700 Kubikmetern sämtliche Betonelemente des Neubaus und konnte dadurch sogar Kosten einsparen. Die kurzen Transportwege wirkten sich ebenfalls positiv auf den CO2-Fußabdruck des Projekts aus. Um dem Beton die gewünschte steinerne Optik zu verleihen, bearbeitete man diesen mit traditionellen Handwerkstechniken wie Scharrieren und Spitzen. Die manuelle Einwirkung legt die Körnung des Zuschlags frei und verändert zudem die Farbe des Recyclingwerkstoffs, wodurch die Oberflächen einen einzigartig lebendigen Charakter erhalten. Auch sonst finden sich an den Fassaden typische Elemente regionaler Baustile wie geringe Dachüberstände und Gewände um die Fenster wieder und integrieren das Ensemble behutsam in die bestehende Dorfstruktur.
Auch beim Haus aus Holz spielte die Materialwahl eine wichtige Rolle: Anstelle von mineralischen Dämmstoffen entschied man sich für Holzwolle und verzichtete außerdem weitgehend auf Klebstoffe und Folien.
Neubau als kollektiver Treffpunkt
Der Zutritt zum neuen Bürgerzentrum erfolgt über den Holzbau. Durch das Foyer gelangen Besucher hier in den Bürgersaal mit Platz für bis zu 100 Personen. Im angrenzenden Gebäude untergebracht, öffnet sich dieser mit bodentiefen Fenstern zum Dorfplatz und dem Museum. Eine skulpturale Treppe lädt mit Sitzstufen zum Verweilen ein und führt weiter ins obere Geschoss, in dem sich zwei Multifunktionsräume für Vereinstreffen, Trauungen und andere Events sowie ein Café befinden. In beiden Trakten des Neubaus prägen die konstruktiven Elemente auch das Design: Im Haus aus Stein ergänzen Holzeinbauten und -böden die Sichtbetonoberflächen um warme Akzente. Im Massivholzbau sorgen die unverkleideten Fichten- und Eschenhölzer ebenfalls für eine angenehme Atmosphäre.
Altbestand neu belebt
Ein altes Fachwerkhaus wurde im Zuge der Umbaumaßnahmen zum Museum umfunktioniert. Dafür entkernte das Planerteam aus Schweinfurt den Bau vollständig und ersetzte eine marode Außenwand durch großflächige Verglasungen. Wie durch ein Schaufenster können Passanten auch abseits der Öffnungszeiten die Exponate – eine Mischung aus Alltagsgegenständen der Betreiberfamilie eines örtlichen Lebensmittelladens – bestaunen.
Bei der sogenannten Energiescheune handelt es sich ebenfalls um ein historisches Bestandsgebäude. Die Scheune aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde behutsam transformiert und gibt fortan als Informations-Hub bzw. kleines Nahwärmekraftwerk Einblicke in nachhaltige Energiekonzepte. Für die Ausbesserungsarbeiten an den Fassaden verwendete man Backsteinklinker eines rückgebauten Stalls und verpackte die verschiedenen Zeitschichten dann einheitlich hinter einer geschlämmten Außenhülle. Über der Sockelzone aus Recyclingbeton dienen im Inneren die sägerauen Schalungsbretter des Betons als Wandverkleidung. In eingestellten Boxen befinden sich in dem Gebäude alle technischen Anlagen für die Energieerzeugung des Ensembles – von Wärmepumpe und Pelletsheizung bis hin zu Photovoltaik-Modulen auf dem Dach.
Zukunftsgerichtetes Projekt mit Modellcharakter
Gemeinsam mit der zur Gemeindebibliothek umgenutzten Synagoge im Süden und dem östlichen Museum fasst das nördlich positionierte Bürgerzentrum den neuen Dorfplatz ein. Da sich die Bevölkerung mehr Außenbereiche wünschte, sahen Schlicht Lamprecht Kern Architekten weitere Freiräume an der frischen Luft vor, die in Kooperation mit dem Landschaftsarchitekturbüro Dietz und Partner konzipiert wurden. Unter dem Dorfplatz wird in Zisternen das Regenwasser der umliegenden Gebäude für die Bewässerung der Grünflächen gesammelt, sämtliche Bereiche sind außerdem barrierefrei umgesetzt. Bäume und Pflanzen spenden in den heißen Sommermonate Schatten, sorgen in Kombination mit Klimasteinen für ein positives Mikroklima und Wasserbecken laden künftig zum Abkühlen ein.
MittenIm revitalisiert den Ort als neues Gemeindezentrum nicht nur, sondern setzt auch ein Zeichen für die Kreislaufwirtschaft im Bausektor. Dank mutiger Entscheidungen macht die kleine Kommune vor, wie sich zukunftsgerichtete Projekte dieser Art auch im ländlichen Raum umsetzen lassen und animiert so hoffentlich weitere Gemeinden zur Nachahmung.
MittenIm
Niederwerrn, Landkreis Schweinfurt
Bauherr: Gemeinde Niederwerrn
Planung: Schlicht Lamprecht Kern Architektur Stadtplanung
Tragwerksplanung: Joachim Ingenieure
Landschaftsarchitektur: Dietz und Partner Landschaftsarchitekten
Energieberatung: Mai Bauphysik
Gesamtenergiekonzept: IfE – Institut für Energietechnik
Planungsbeginn: 2019 (ISEK: 2014, Grunderwerb Gemeinde ab 2016)
Baubeginn: 2022
Fertigstellung: Sommer 2024 (1. Bauabschnitt), 2025 (2. Bauabschnitt)
Baukosten: 5,3 Mio. € (Neubau und Bestand), 1,1 Mio. € (Freianlagen) brutto – teils finanziert durch Mittel der Städtebauförderung im Rahmen des Programms „Sozialer Zusammenhalt“
Text: Edina Obermoser
Fotos: Stefan Meyer
Kategorie: Projekte










