Sozialwohnungen in Stampflehm
Sozialwohnungen in den oberen Etagen, Gewerbeflächen im Erdgeschoss – auf den ersten Blick scheint das Projekt in der 17 Rue des Quatre-Cheminées einer von vielen Neubauten in Boulogne-Billancourt im Südwesten von Paris zu sein. Doch das täuscht: Der vierstöckige Wohnkomplex von Déchelette Architecture beruht mit Lehm, Holz und Stein auf möglichst unverarbeiteten, organischen Materialien.
2021 gewann das französische Büro den vom sozialen Wohnbauträger Seine Ouest Habitat et Patrimoine (SOHP) ausgeschriebenen Wettbewerb zur Gestaltung des neuen Gebäudes im Vorort der Metropole. Obwohl lediglich eine Holzkonstruktion gefordert war, legten die Architekten noch einen drauf und integrierten mit Lehm und Stein zwei weitere, biobasierte Werkstoffe in ihren Entwurf, um so die CO2-Bilanz noch weiter zu optimieren. Das Ergebnis ist ein Neubau, der sich über einem Naturstein-Sockel mit seiner rohen Straßenfront aus Stampflehm deutlich von den umgebenden Putzfassaden abhebt. Beim Tragwerk sowie der zum Hof gewandten Ansicht handelt es sich um Brettsperrholz. Zusätzlich wurden in die strukturellen Holzbauteile Dämmplatten aus Holzwolle integriert. Lediglich bei den Geschossdecken und dem Erschließungskern griff man auf Beton zurück. Neben dem Nachhaltigkeitsgedanken ging es auch darum, im Inneren eine möglichst hohe Wohnqualität zu schaffen. Die acht Sozialwohnungen sind in zwei Einheiten pro Stock unterteilt. Jede von ihnen verfügt über einen Wohnbereich, der zur Straße orientiert ist, und Schlafzimmer, die sich über private Balkone zum begrünten Hinterhof hin öffnen. Durch die zweiseitige Ausrichtung erhält jedes der Apartments genügend Tageslicht und ermöglicht eine natürliche Belüftung.
Mit der unkonventionellen Materialwahl entschied sich das junge Planerteam nicht nur für einen „Cradle-to-Cradle“-fähigen Ansatz, sondern beschritt auch ungewohntes Terrain: Die Struktur mit Lehmbausteinen ist alles andere als eine Standardlösung. Während die Rohstoffe für den Sockelbereich aus einem nahen Steinbruch stammen, gab es bei den ausführenden Unternehmen der Stampflehmfassade deutlich weniger Auswahl. Die 50 cm dicken Blöcke wurden schließlich von Terrio, einem Lehmbau-Spezialisten aus Lyon, vorgefertigt. Dieser bezog die rund 40 m3 Rohmaterial aus der direkten Umgebung seiner Betriebsstätte, formte bzw. trocknete die Blöcke und schulte anschließend die ausführenden Gewerke für eine reibungslose Montage auf der Baustelle. Nach der Anlieferung erfolgte die Errichtung der selbsttragenden Konstruktion innerhalb weniger Tage. Durch den hohen Vorfertigungsgrad (lediglich die Geschossdecken aus Beton wurden vor Ort gegossen) gelang eine zeit- und kosteneffiziente Umsetzung des Projekts in der Rue des Quatre-Cheminées.
Lehmfugen verleihen der viergeschossigen Straßenansicht bei einer Höhe von 12 m ein durchgängiges Erscheinungsbild. Das Naturmaterial reduziert den CO2-Fußabdruck des Hauses und wirkt sich darüber hinaus mit seinen thermischen und akustischen Eigenschaften positiv auf den Komfort der Bewohner im Inneren aus.
Text: Edina Obermoser
Fotos: Salem Mostefaoui, Francois Baudry
Kategorie: Projekte









