Stachelige Skyline

22. Mai 2025 Mehr

Angepasste 0815-Bauten? Nicht mit der Bjarke Ingels Group (BIG). Mit den Kaktus Towers in Kopenhagen unterstreicht das internationale Architekturbüro einmal mehr seine Vorliebe für unkonventionelle, innovative Lösungen. Es entwickelte zwei Türme mit einer einzigartigen Grundfläche sowie 495 Wohnungen und versah diese mit einer auffälligen, stacheligen Fassade, die dem Projekt seinen Namen verleiht.

 

 

Die beiden Türme befinden sich in Vesterbro, einem beliebten Viertel im Zentrum der dänischen Hauptstadt. Sie sind Teil eines urbanen Entwicklungsprojekts, das dort zwischen 2005 und 2022 entlang des Wassers umgesetzt wurde: Dieses sah vor, ein zuvor industriell genutztes Areal im Südwesten des Kopenhagener Hauptbahnhofs in einen dynamischen Stadtbaustein zu transformieren. Inspiriert vom High Line Park in New York verwandelte man das längliche Grundstück zwischen dem Finanzviertel und Kalvebod Brygge in einen erhöhten, begrünten Streifen. In mehreren Bauabschnitten wurde dieser Plan auf verschiedenen Ebenen realisiert, um neben Grünflächen auch Platz für den innerstädtischen Auto-, Bus- und Bahnverkehr sowie für Fahrradfahrer und Fußgänger zu schaffen. Neben einem Low-budget-Hotel und einem IKEA sollte auf dem Grundstück außerdem kostengünstiger Wohnraum entstehen. Dafür errichteten Bjarke Ingels und sein Team am südlichen Rand des Geländes die Kaktus Towers. Die benachbarten Gebäude wurden mit bepflanzen Dächern teils in das angehobene Plateau integriert. Die beiden Türme wachsen auf der Plattform über 60 bzw. 80 m in die Höhe. Sie umfassen 495 Wohnungen und fungieren mit ihrer auffälligen Gestaltung zugleich als neues Leuchtturmprojekt auf dem Areal.

 

 

Micro Living im Sechzehneck

Anstelle von schlichten Baukörpern entschieden sich die Planer für eine markante Form mit hohem Wiedererkennungswert. Formal setzen sich die Wohntürme aus zwei Elementen zusammen: Während es sich bei der Grundform der Geschosse – inklusive der Balkone – um simple Quadrate handelt, beruht die eigentliche Gebäudehülle auf einem Hexadekagon, einem Sechzehneck. Die einzelnen Stockwerke sind aber nicht einfach kongruent, sondern um die horizontale Achse verdreht aufeinandergestapelt. Jeweils nach 90 Grad kehrte man die Drehung in die andere Richtung um, um eine spiralförmige Silhouette zu vermeiden. In Kombination mit den kaktusartigen Spitzen der Balkongeländer sorgt diese besondere Rotation für das charakteristische Aussehen des Wohnbau-Duos. Das einzigartige Design des Projektes hatte den Architekten zufolge nicht nur optische Gründe, sondern ist vielmehr eine Antwort auf das Konzept des „Mikro-Wohnens“ im Inneren. Dieses beruht auf kompakten Apartments, die durch großzügige Gemeinschaftsflächen ergänzt werden und auf die gegenwärtigen Anforderungen von Stadtbewohnern reagieren. „Das Konzept der Türme entspricht aktuellen und zukünftigen Bedürfnissen und zeigt so, wie modernes Wohnen geht“, erklärt Morten Gustafson, Geschäftsführer des Auftraggebers Catella Investment Management.

 

 

Zwischen Privatsphäre und Gemeinschaft

Die einzelnen Geschosse der 20 bzw. 22-stöckigen Türme umfassen jeweils eine Wohnfläche von 377 m2. Diese ist auf jeder Ebene in 16 gleich große Segmente mit je 23 m2 unterteilt, die sich rund um einen zentralen Erschließungskern mit Aufzug und Stiegenhaus legen. Auf Basis dieser Raummodule bietet das Micro Living-Konzept verschiedene Wohnungstypen mit 33 bis 53 m2 an. Die Apartments sind alle nach außen orientiert und verfügen über eigene Balkone. Je nach Ausrichtung haben die privaten Außenflächen bis zu 20 m2 und bieten einen einzigartigen Ausblick auf Kopenhagen. Um den begrenzen Raum des smarten, flächeneffizienten Wohnmodells bestmöglich auszukosten, folgt der Innenausbau der Türme dem Motto „Schlafen in der Wohnung, Leben im Gebäude“. Die Einheiten sind mit maßgeschneiderten Einbauten und Möbeln ausgestattet. Mieter finden hier vom klappbaren Tisch bis hin zum flexiblen Sofa-Bett gerade so viel, wie es zur individuellen Nutzung braucht. Alle weiteren Funktionen stehen in den unteren Etagen der Kaktus Towers als Gemeinschaftsflächen zur Verfügung: Neben Waschküche und Fitnessstudio gibt es ein Café, Lounges sowie Co-Working-Spaces und eine Gemeinschaftsküche. In den unterschiedlichen Zonen kann kollektiv gekocht, gearbeitet und entspannt werden. Diese Typologie soll ein breites Publikum ansprechen – egal, ob Neuankömmling oder Einheimischer, Jung oder Alt.

 

 

Vorfertigung, Effizienz & Komfort

Die Fassade der Kaktus Towers besteht aus vorgefertigten Elementen. Dank der Fertigteilkonstruktion ließen sich die Abschlüsse der thermischen Gebäudehülle auch in den oberen Stockwerken einfach umsetzen. Die einzelnen Balkone wurden mitsamt der Metallgeländer maßgeschneidert angefertigt und anschließend von außen an den Ansichten montiert. Sämtliche Außenwände sind aufgrund der sechzehneckigen Form nicht gekrümmt, sondern geradlinig und tragen so zur Effizienz der Türme bei. Durch diese Entwurfsentscheidung konnten gebogene Bauteile vermieden und die Projektkosten gesenkt werden. Auch im Inneren minimierte man auf diese Weise die Ausgaben für Spezialanfertigungen. Der schlichte Materialmix aus Sichtbeton- und Holz­oberflächen sorgt in allen Bereichen für einen neu­tralen Hintergrund, ohne dabei auf den Wohnkomfort zu vergessen. Ein besonderes Augenmerk legte man zudem auf das Thema Lärmschutz. Schließlich sollten die Mieter trotz des gemeinschaftlichen Ansatzes und der verdichteten Bauweise in ihren eigenen vier Wänden möglichst wenig von ihren Nachbarn mitbekommen. In den Badezimmern kam deshalb ein geräuscharmes Entwässerungssystem zum Einsatz, um den Schalleinfluss gering zu halten.

 

 

Preisgekröntes Konzept

Die beiden Wohntürme von BIG stechen im wahrsten Sinne des Wortes ins Auge. Sie bereichern die Skyline von Kopenhagen mit ihrer besonderen Fassadengestaltung fortan um eine weitere Ikone. Dabei reagiert das Projekt sowohl auf den steigenden Bedarf an urbanem Wohnraum als auch auf soziologische Veränderungen bzw. den anhaltenden Trend hin zum Einpersonenhaushalt. Die markante Form und das innovative Wohnkonzept überzeugte auch international: Der Council on Tall Buildings and Urban Habitat kürte die Kaktus Towers 2024 zu den besten Hochhäusern Europas.

 

 

Kaktus Towers
Vesterbro, Kopenhagen

Bauherr: Kaktus 1 Propco Aps v/Catella & Høpfner Projects
Planung: BIG – Bjarke Ingels Group
Tragwerksplanung: Artelia Group
Weitere Partner: HB Trapper, REFORM, EL Team Fyn, GEOPARTNER, Olofsson Landskab, Schul Landskabsarkitekter, MALMOS, SOH Wind Engineering
Bauleitung: Høpfner Projects

Gesamtfläche: 26.100 m²
Fertigstellung: 2024

www.big.dk

 

Text: Edina Obermoser
Fotos: Laurian Ghinitoiu, Rasmus Hjortshøj

Kategorie: Projekte