Subtil & spektakulär

15. Juni 2022 Mehr

Vor den Toren von Wien lief es für das Wiener Büro Mostlikely Architecture anders als gedacht. Während der ursprüngliche Plan vorsah, ein kleines Bestandsgebäude durch ein neues zu ersetzen, entschieden sich die Bauherren schließlich doch gegen einen Abriss. Stattdessen galt es, das Haus zu erhalten und um ein Einfamilienhaus zu ergänzen. Ein Hof schließt Alt und Neu raffiniert zusammen und auch im Inneren überrascht das ein oder andere Detail.

 

Two houses and a courtyard Klosterneuburg - Mostlikely Architecture

 

Mit dem Grundstück in Klosterneuburg erwarben die Bauherren auch ein Häuschen aus den 50er Jahren. Parallel zur Straße positioniert, steht es vorne auf dem langgezogenen Bauplatz. Den hinteren Teil prägen alte Bäume und der Blick über sanfte Hügel und Felder bis hin zur Donau. Zunächst sollte der Bestand weichen und Platz für einen Neubau machen. Nachdem die Familie das eingeschossige Haus aber an den Wochenenden genutzt und liebgewonnen hatte, beauftragte sie das Planerteam schließlich damit, den vorhandenen Bau in den neuen Entwurf zu integrieren.

 

 

Das neue Einfamilienhaus fügten die Architekten behutsam im hinteren Bereich der Parzelle ein. Es spannt mit dem alten Baukörper einen gemeinsamen Innenhof auf, der das Ensemble als zentrales Element raffiniert verbindet. Er wird von einer Pergola eingefasst welche sich vorbei an der Querseite des Bestands bis hin zum Neubau erstreckt und eine geschützte Eingangssituation schafft. Der Laubengang besteht aus einer schwarzen Metalltragstruktur und Holzstäben. Die schmalen Lamellen erscheinen je nach Winkel wie ein filigraner Vorhang oder schützen vor ungebetenen Einblicken. Im Hof sind die Seitenwände als flexible Paneele ausgeführt, die um ihre eigene Achse aufgedreht werden können. Sie sorgen im Außenraum wechselweise für mehr oder weniger Privatsphäre.

 

Two houses and a courtyard Klosterneuburg - Mostlikely Architecture

 

Während das alte Haus mit seinem rot gedeckten Satteldach einen neuen, schlicht-weißen Anstrich erhielt, ist der Neubau komplett in Holz gestaltet. Eine Schalung aus sägerauen Brettern umschließt die Fassaden und strukturiert sie in vertikaler Richtung. Das Naturmaterial setzt sich in Form von dünnen Latten auf den Dachflächen bis zum Giebel hin fort und lässt die Grenzen zwischen den Ansichten und dem oberen Abschluss verschwimmen. Faltbare Fensterläden aus Holzlamellen legen sich auch vor die Öffnungen und schließen die Gebäudehülle bündig ab.

 

 

Dem rechteckigen Hauptgebäude ist an der hofseitigen Längsfassade ein keilförmiges Volumen vorgesetzt. Dieses vergrößert den Grundriss im Erdgeschoss und wird im ersten Stock zur Terrasse. Im Eingangsniveau folgt der Wohn-Essbereich der leichten Neigung des Geländes. Durch die bewegte Topografie ergeben sich unterschiedliche Höhen, die den offenen Raum zonieren und an Loos erinnern. Im Anschluss an das Entree befindet sich das Esszimmer. Über raumhohe Glastüren lässt sich dieses in den warmen Monaten zum Innenhof hin erweitern. Die Küche überblickt den Wohnbereich, der sich ein paar Stufen tiefer über die andere Haushälfte erstreckt. Seine großflächigen Verglasungen sind zum Außendeck und Garten an der Rückseite des Hauses orientiert.

 

 

Die zentrale Treppe führt weiter in die erste Etage. In dieser befinden sich zwei gleich große Schlafzimmer, die jeweils über einen eigenen Waschbereich verfügen. Die gemeinsame Nasszelle mit Dusche und Badewanne kann von beiden Räumen aus betreten werden. Ein Gemeinschaftsbereich sowie ein weiteres Zimmer mit direktem Zugang auf die Terrasse komplettieren das Stockwerk. Über eine Wendel­treppe gelangt man bis ins zweite Obergeschoss, wo Schlafen und Wohnen fließend ineinander übergehen. Glaswände mit Stahlsprossen im Industrielook legen sich um die Treppe und trennen den Dachraum akustisch und thermisch vom restlichen Haus. Der gesamte Bereich ist ebenfalls als Open-Space gestaltet, der von den Schrägen eingefasst wird. Im Bad blickt man durch die Dachfenster von der Wanne aus direkt in den Sternenhimmel hinauf. Anstelle von Zwischenwänden gibt es Einbauten, die unterschiedliche Bereiche abgrenzen. Mit vertikalen Holzlamellen verkleidet, greifen sie das Design der Fassade wieder auf, sorgen für Wohnlichkeit und bieten versteckten Stauraum.

 

 

Von rau bis glatt, strukturiert bis glänzend – Beton prägt sämtliche Wohnbereiche des Neubaus. Die Wiener Architekten spielten dabei mit unterschiedlichen Texturen des Werkstoffs. Mit geschliffenen Oberflächen kombinierten sie Decken, an denen sich die Struktur der Bretterschalung abzeichnet und zeigen so die Vielfältigkeit des Materials. Den Abschluss bilden einzelne Farbakzente sowie Holzböden und -details, die Wärme in die Räume bringen. Gezielt gesetzte Öffnungen verweben die verschiedenen Ebenen miteinander. Zum Herzstück des Neubaus wird ein kreisrunder Ausschnitt in der Betondecke des Erdgeschosses. Nach oben gibt er den Blick in den Treppenraum zwischen zweiter und dritter Etage frei: Dieser ist als zylinderförmiges Volumen umgesetzt, in dem sich die Stufen nach oben wendeln. Im ersten Stock wird die Ausnehmung mit einem Liegenetz zum extravaganten Entspannungsort.

 

 

Mostlikely Architecture gelang es, mit dem Ensemble eine harmonische Symbiose aus Alt und Neu zu schaffen. Sie platzierten den Neubau subtil und ließen ihn mancherorts trotzdem mutig aus der Reihe tanzen. Mit seiner Materialität und den spannenden Blickbeziehungen wirkt das Einfamilienhaus wie eine riesige Wohnlandschaft, in der es jede Menge zu entdecken gibt und die nicht innerhalb der baulichen Grenzen endet: Sie erstreckt sich durch die Fensterflächen sowohl bis in den gemeinsamen Innenhof als auch rückseitig in den großen Garten mit dem alten Baumbestand und einem Naturpool. Das Bestandshaus dient heute als Gästehaus, das auch als Atelier Raum zur kreativen Entfaltung bietet.

 

 

Two houses and a courtyard
Klosterneuburg

Bauherr: Privat
Planung: Mostlikely Architecture
Designteam: Mark Neuner, Nikolaus Kastinger, Zarina Belousova
Statik & Bauphysik: Katzkow & Partner – DI Marius Johannik
Tischlerarbeiten: Tischlerei Prödl
Fenster & Türen: Josko

Nutzfläche: 410 m2
Planungsbeginn: 2018
Fertigstellung: 2020

www.mostlikely.at

 

 

Text: Edina Obermoser
Fotos: Sara Sera

 

Kategorie: Projekte