Vom Korn zum Komfort

5. Januar 2026 Mehr

Im Westen der Hansestadt Bremen entsteht mit der „Überseestadt“ eines der größten Stadtentwicklungsprojekte Europas. Auf dem Gelände des ehemaligen Überseehafens wächst ein rund 300 Hektar großes urbanes Quartier, das Wohnen, Arbeiten, Freizeit und Kultur vereint. Ein besonderer Abschnitt ist die „Überseeinsel“, wo sich die einstigen Produktionsstätten des Lebensmittelkonzerns Kellogg’s befinden. Hier setzt das Wiener Architekturbüro Delugan Meissl Associated Architects (DMAA) ein architektonisches StatemQent: Die markanten Getreidesilos aus den 1970er-Jahren – einst Symbol industrieller Lebensmittelherstellung – wurden zu einem zeitgenössischen Hotel transformiert. Das Ergebnis ist das John & Will Silo-Hotel, benannt nach den beiden Kellogg-Brüdern.

 

 

Transformation mit Symbolkraft

Die Kellogg’s Silos, ehemals Lager für bis zu 5.000 Tonnen Mais, Weizen und Hafer, prägen seit Jahrzehnten die Bremer Skyline. Der Entwurf von DMAA sah vor, die ikonische Silhouette und den roten ­„Kellogg’s“-Schriftzug zu erhalten und in das neue Nutzungskonzept zu integrieren.

In den 40 Meter hohen zylindrischen Körpern entstanden 117 kreisrunde und halbkreisförmige Hotelzimmer, die sich wie Kapseln in die ursprünglichen Betonschalungen einfügen. Das ehemalige Vitaminlager, ein niedrigerer Anbau, wurde zu einem Büro- und Konferenzgebäude mit fünf Geschossen umgebaut. Auf dem Dach bietet eine Eventfläche mit Blick über die Weser Raum für Begegnung, Veranstaltungen und Ausblicke über das Quartier.

 

 

Vom Speicher zum Designhotel

Die Verwandlung vom industriellen Speicher zum John & Will Silo-Hotel war ein technischer und gestalterischer Kraftakt. Durch das Fräsen von Fensteröffnungen in die 16 cm dicken Betonringe gelang der Übergang vom dunklen Kornspeicher zu lichtdurchfluteten Zimmern. Schmale vertikale Schlitze eröffnen neue Perspektiven auf die Weser, während die trichterförmigen Auslässe der Silos in die Gestaltung der Hotellobby integriert wurden.

Für die Erschließung der Zimmer wurden verbindende Strukturen zwischen den Silos aufgeschnitten – ein massiver Eingriff in die Bausubstanz: 3.500 m³ Beton mussten aus dem Bestand entfernt und teils per Schubkarre abtransportiert werden. Das Resultat ist ein spannungsvolles Wechselspiel aus roher Materialität und eleganter Innenarchitektur, das den industriellen Geist des Ortes bewahrt und zugleich neue Atmosphäre schafft.

Das neue Ensemble aus Hotel, Markthalle, Gastronomie, Büros und Eventflächen ist Teil eines langfristig angelegten Entwicklungsprozesses über zehn Jahre. Diese schrittweise Umsetzung ermöglicht eine organische Transformation und erlaubt es, Erfahrungen und neue Ideen kontinuierlich in die Planung zu integrieren. Neben dem Hotel beherbergen die Silos und das benachbarte, zur Markthalle umgestaltete Reislager eine eigene Brauerei, gastronomische Angebote sowie großzügige Terrassen an der Weser – ein vitaler Ort, der Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Stadt auf eindrucksvolle Weise verbindet

 

 

Fotos: Piet Niemann

 

Kategorie: Projekte