Vom Nylonstrumpf zur Bürolandschaft

1. April 2021 Mehr

Das Architekturbüro HofmanDujardin verwandelte in Kooperation mit Schipper Bosch eine ehemalige Nylonfabrik in einen Bürobau. Unter dem Namen „Gebouw KB“ – KB Gebäude fügt sich das Projekt in eine Reihe von Gewerbebauten im holländischen Industriepark Kleefse Waard Arnhem ein. Es ist dort Teil des neuen Cleantech-Campus und bereichert diesen um eine großzügige Arbeitslandschaft, deren industrielle Vergangenheit noch immer spürbar ist.

 

HofmanDujardin in Zusammenarbeit mit Schipper Bosch - Gebouw KB – KB Gebäude Industriepark Kleefse Waard, Arnhem

 

Mit dem Industriepark Kleefse Waard Arnhem entsteht in der niederländischen Großstadt seit einigen Jahren ein Cleantech-Campus. Anstatt Neubauten aus dem Boden zu stampfen, werden hier bestehende Bauten revitalisiert und umgenutzt. Aus den einstigen Produktionsstandorten für synthetische Textilien entwickelt sich so sukzessive ein nachhaltiger Gewerbepark. Er soll unterschiedliche Unternehmen aus dem Energiesektor auf einem Areal zusammenbringen. Das alles passiert unter der Leitung des Planungsbüros Schipper Bosch. Um die einzelnen Bauten auf dem Areal mit einer einheitlichen Architektursprache zusammenzufassen, übernehmen die Projektentwickler selbst die Gestaltung sämtlicher Außenansichten. Auch die Energieversorgung des Geländes ist für alle gleich – sie wird mittels lokaler Abfallprodukte gesichert und rundet das Nutzungskonzept stimmig ab.

 

 

Das Herzstück des Bestands aus den 1940er Jahren stellte eine offene Fabrikhalle dar. Von riesigen Betonkesseln geprägt, bildete sie die Rahmenbedingungen für das Projekt. In den Tanks befand sich einst das Polyhexamethylenadipinsäureamid, das wir als Nylon kennen. HofmanDujardin ließen die Halle im Zuge der Sanierung komplett aushöhlen. Was übrig blieb, war die tragende Grundstruktur und mit ihr eine Reihe an mächtigen Betonrippen, die unter dem Dach zusammenlaufen. Sie wurden freigelegt und in das gestalterische Konzept des KB Gebäudes integriert. Dort scheinen sich die Träger, damals wie heute, an die Außenwände des rechteckigen Baus zu schmiegen und verleihen ihm einen fast sakralen Touch.

 

 

Anstatt die ehemalige Industriehalle völlig zu entfremden, werden deren Qualitäten in den Vordergrund gerückt. Sämtliche baulichen Eingriffe unterstützen den Bestand, verdecken ihn aber nicht. Die Betonwände und -träger changieren in verschiedenen Grautönen und fungieren als dezenter Hintergrund für die neuen Büroräumlichkeiten. In die luftige Halle setzen die Architekten ein leichtes Stahlgerüst, das sie selbst als „dreidimensionale Komposition“ bezeichnen. Es besteht aus mehreren Plattformen in unterschiedlichen Höhen. Diese lagern auf Rahmen und Fachwerkträgern, die an die tragende Konstruktion andocken. Die einzelnen Niveaus sind jeweils über Treppen miteinander verbunden. Durch die gestaffelte Anordnung ergeben sich spannende Blickbeziehungen quer durch das ganze Gebäude. Die Geschosse schaffen reichlich neuen Platz für dynamische Arbeitswelten. Durch Oberlichter und großflächige Verglasungen fällt viel natürliches Licht in die einstige Produktionshalle und lassen sie lichtdurchflutet und freundlich wirken.

 

HofmanDujardin in Zusammenarbeit mit Schipper Bosch - Gebouw KB – KB Gebäude Industriepark Kleefse Waard, Arnhem

 

Der untere Teil des vormaligen Industriegebäudes ist kompakter und geschlossener als die darüberliegende Halle gestaltet. Diese Aufteilung behalten die Architekten bei und schaffen mit einer Treppe den Übergang zwischen den beiden Bereichen. Sie wird ganz in Holz gefertigt zum Hingucker und soll die Orientierung in dem großen Bürobau erleichtern. Außerdem bringt das Naturmaterial Wärme in das sonst eher funktionelle, industrielle Design des KB Gebäudes. Ein in schwarz gekleideter Aufzug ist so positioniert, dass er alle Etagen erschließt – selbst die neuen Stahlplattformen.

 

HofmanDujardin in Zusammenarbeit mit Schipper Bosch - Gebouw KB – KB Gebäude Industriepark Kleefse Waard, Arnhem

 

Glastrennwände, dunkle Einbauten und vereinzelte Holzakzente ergänzen die grauen Betonoberflächen im Erd- und Untergeschoss. Die schweren Nylonkessel erforderten eine massive Bodenplatte. Sie wurde im Zuge des Umbaus geöffnet und mit breiten Sitzstufen versehen. Dieser Bereich dient nicht nur als kommunikativer Treffpunkt, sondern kann auch für Veranstaltungen genutzt werden. Neben Konferenzzimmern in unterschiedlicher Größe ist hier auch ein Restaurant untergebracht. Sämtliche Räume reihen sich entlang eines zentralen Korridors aneinander. Im Eingangsbereich erwartet Angestellte und Besucher ein langer Tresen. Dieser wird neben Empfangstheke auch zur Bar und schafft einen ersten Anlaufpunkt innerhalb des 3.300 m2 großen Bürobaus.

 

 

Die Anordnung der Funktionen basiert im ganzen Gebäude auf demselben Prinzip. Ein dynamisches Konzept sorgt dafür, dass es sowohl für gemeinschaftliche als auch für individuelle Aktivitäten genug Raum gibt. Lautere, kommunikative Zonen wie Teeküchen und Aufenthaltslounges sind deshalb rund um den Liftschacht angeordnet. Nach außen hin befinden sich privatere Bereiche mit unterschiedlich gestalteten Arbeitsplätzen. Im ersten Stock bringt ein sogenannter „Konzentrationsdschungel“ ein bisschen Farbe in die Innenräume des grauen Betonbaus. Dieses dicht bepflanzte Areal dient als flexible Bürofläche und bietet ein naturnahes Arbeitserlebnis. Als ungestörte Besprechungsräume verteilten die Planer einzelne geschlossene Kabinen in der Halle. Sie wirken wie kleine Zellen in der großen Open-Space-Bürolandschaft und werden zu intimen Ruheorten.

 

HofmanDujardin in Zusammenarbeit mit Schipper Bosch - Gebouw KB – KB Gebäude Industriepark Kleefse Waard, Arnhem

 

Wie HofmanDujardin dem Revitalisierungsprojekt begegnen, hat nicht nur strukturelle, sondern auch praktische Gründe. Anstatt Veränderungen an dem massiven Bestand vorzunehmen, schreiben sie ihn behutsam fort und verhelfen ihm so zu neuem Glanz. Die eingehängte Stahlkonstruktion wirkt leicht und unterstreicht damit den offenen, kathedralenartigen Charakter der ehemaligen Fabrikhalle. Zudem kann sie bei einer zukünftigen Umnutzung angepasst oder sogar ganz rückgebaut werden. So bleibt die Möglichkeit bestehen, den Bürobau flexibel und je nach Anforderung zu transformieren – ein durch und durch nachhaltiger Ansatz, der die generelle Philosophie der Architekten widerspiegelt.

 

 

Gebouw KB – KB Gebäude
Industriepark Kleefse Waard, Arnhem, NL

Bauherr: IPKW / Schipper Bosch        
Planung: HofmanDujardin in Zusammenarbeit mit Schipper Bosch
Technische Beratung: Huisman & van Muijen, JBTECH
Bauleitung: Karbouw
Einbauten: Dokter interieurbouw

Nutzfläche: 3.300 m
Planungsbeginn: 2019
Fertigstellung: 2020

 

Text: Edina Obermoser
Fotos: Matthijs van Roon, Peter Tijhuis

 

 

Kategorie: Projekte

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