Vom Schulabbruch zum sozialen Wohnraum
Mit dem Projekt „Social Housing 2104“ in Palma de Mallorca realisiert das katalanische Architekturbüro HARQUITECTES ein radikal nachhaltiges und zugleich hochfunktionales Wohngebäude für ältere und mobilitätseingeschränkte Menschen. Es ist ein Beispiel dafür, wie aus einem vermeintlich unbedeutenden Abriss ein zukunftsweisendes Bauprojekt entstehen kann – mit lokalem Material, ökologischer Intelligenz und hoher gestalterischer Qualität.
Auf dem Grundstück, auf dem heute das neue Wohnhaus steht, befand sich ursprünglich eine leerstehende, dreigeschossige Schule. Die Substanz – bestehend aus Marès-Sandsteinmauern sowie Decken aus Beton und Keramik – war baufällig und entsprach nicht mehr den städtebaulichen Vorschriften. Der Abriss war unumgänglich. Doch anstatt den Rückbau als bloßen Entsorgungsprozess zu begreifen, machten HARQUITECTES ihn zum Ausgangspunkt ihrer Entwurfsidee – ganz im Sinne des Urban Mining.
Diese Entscheidung war nicht nur ökologisch motiviert, sondern folgte auch der ursprünglichen Wettbewerbsausschreibung, die eine schnelle Bauweise – vorzugsweise in Holz – forderte. HARQUITECTES entschieden sich jedoch bewusst gegen eine Leichtbauweise und entwickelten stattdessen eine massive Struktur mit hoher thermischer Speicherkapazität. In Mallorcas Klima, geprägt von intensiver Sonneneinstrahlung und starken Temperaturschwankungen, verbessert diese Bauweise den Wohnkomfort erheblich.
Recycling als System
Die Geschichte des Ortes wurde nicht entsorgt, sondern in die neuen Wände eingeschrieben. Während des Rückbaus zeigte sich, dass der Marès-Sandstein nicht nur konstruktiv tragfähig, sondern auch ästhetisch reizvoll ist. Aus den 160 m³ geborgenen Steinen wurden große 4 × 4 m Betonplatten gegossen – mit bis zu 40 % Marès-Anteil als Zuschlagstoff. Diese Platten wurden anschließend mit einer übergroßen Kreissäge in rund 3.000 Blöcke geschnitten. An den Schnittflächen traten die eingelagerten Gesteinsbrocken deutlich zutage – und verliehen den Oberflächen eine archaische, narrative Qualität. So entstand eine raue, authentische Materialität, die dem Gebäude Ausdruck und Identität verleiht.
Materialwahl als Balanceakt
Ursprünglich planten die Architekten, alle Blöcke aus reinem Kalkbeton herzustellen – einem gesunden, ökologischen und atmungsaktiven Baustoff. Doch die lange Aushärtungszeit und die anfangs geringe Festigkeit machten dieses Vorhaben wirtschaftlich kaum tragbar. Die Lösung war eine pragmatische Hybridmischung: In den unteren, stärker belasteten Geschossen kam ein Kalk-Zement-Gemisch zum Einsatz, während in der obersten Etage, wo geringere Lasten wirken, reiner Kalkbeton verwendet wurde.
Auch andere Materialien aus dem Abbruch wurden sinnvoll integriert: Etwa 140 m³ Beton- und Keramikbruch aus den alten Decken und Zwischenböden wurden in die Fundamentgräben und die Wände des halbsouterrainartigen Sockelgeschosses eingebracht. Diese „vergrabene Wiederverwendung“ bildet im wörtlichen wie im übertragenen Sinn das Fundament des neuen Gebäudes.
Modularität trifft Effizienz
Auf diesem massiven Sockel wurden die vorgefertigten Blöcke zu tragenden Wänden geschichtet, die senkrecht zur Straßenflucht verlaufen. Die Decken bestehen aus Kreuzlagenholz (CLT) und liegen direkt auf den Blockwänden auf. Um diese Konstruktion zu ermöglichen, reduziert sich die Wandstärke pro Geschoss um jeweils 10 cm – von 64 cm im Erdgeschoss bis zu 34 cm im Dachgeschoss. Höhe (42 cm) und Länge (135 cm) der Blöcke bleiben konstant. Dieses einfache, modulare Prinzip beschleunigt die Vorfertigung und sorgt für eine rationelle Bauweise mit klarer Struktur. Quer zu den Hauptwänden wurden dünnere, 13 cm starke Innenwände aus demselben Material eingebaut. Sie entstanden durch das Zerteilen eines 60 cm breiten Blocks in vier Segmente und bilden gemeinsam mit dem Treppenhaus- und Aufzugskern das aussteifende Rückgrat des Gebäudes.
Raum folgt Struktur
Diese konsequent strukturbedingte Bauweise prägt auch die räumliche Organisation. In der Gebäudeecke befindet sich der Zugangskern mit Treppe und Aufzug. Von dort gelangt man über eine Laubengang-ähnliche Galerie im begrünten Innenhof zu den einzelnen Wohnungen. Die meisten Einheiten erstrecken sich über die gesamte Bautiefe zwischen zwei tragenden Quermauern – also innerhalb einer einzigen Tragachse – und sind durchgesteckt, mit Belichtung und Belüftung auf beiden Seiten. In den Regelgeschossen ergibt sich daraus ein klar gegliedertes Wohnkonzept mit hoher Aufenthaltsqualität. Abweichend davon ist die Bautiefe im Sockel- und im Dachgeschoss reduziert. Um dennoch funktionale Grundrisse zu ermöglichen, erstrecken sich die dortigen Wohnungen nicht in der Tiefe über eine, sondern in der Breite über zwei Tragachsen. Die Dachgeschosswohnungen verfügen zusätzlich über großzügige Terrassen. Alle Wohnungen sind barrierefrei erschlossen, einige speziell auf die Bedürfnisse von Rollstuhlnutzern ausgerichtet. Gemeinschaftsräume wie Waschküchen und Aufenthaltsbereiche auf jeder Etage fördern das soziale Miteinander.
Regulatorische Hürden
Eine der größten Herausforderungen des Projekts war nicht technischer, sondern bürokratischer Natur. Die Mallorquinischen Abfallvorschriften sehen in Abbruchmaterial kein Baumaterial, sondern nach wie vor Müll – was in der Regel eine kostenpflichtige Entsorgung auf Deponien erfordert. Um das Recyclingkonzept vor Ort überhaupt umsetzen zu können, war intensive politische Unterstützung und behördliche Überzeugungsarbeit notwendig. Dass dies letztlich gelang, zeigt, dass zukunftsfähige Architektur nicht nur auf dem Reißbrett, sondern auch auf administrativer Ebene entschieden wird.
Social housing 2104
Palma de Mallorca
Bauherr: IBAVI – Institut Balear de l’Habitatge
Architektur: HARQUITECTES (David Lorente, Josep Ricart, Xavier Ros, Roger Tudó)
Projektmitarbeit: Anna Burgaya, Ángeles Torres, Montse Fornés, Cynthia Rabanal, Victor Jorgensen
Tragwerksplanung: DSM-arquitectes
Haustechnik: M7 Enginyers
Umweltberatung: Societat Orgànica
Akustik: MC Acústica
Spezialberatung Kalkbau: Joan Ramon Rosell
Grundstücksfläche: 1.610 m²
Planungszeit: 2021–2022
Bauzeit: 2022–2024
Text: Andreas Laser
Fotos: Adrià Goula
Kategorie: Projekte













