Vom Wolkenkratzer zum Baumhaus

15. Mai 2022 Mehr

404 Bäume, 4.620 Sträucher und fast 2.500 m2 Gras, Blumen und Kletterpflanzen – was wie ein Konzept für Park- oder Grünflächen klingt, ist die begrünte Fassade zweier Wohntürme. Mit dem Easyhome Huanggang Vertical Forest City Complex brachten Stefano Boeri Architetti ein Stück vertikalen Wald nach Huanggang. Die Hochhäuser zeigen, wie man urbanes Grün in neuen Dimensionen denkt und so die Natur in die Stadt bringt.

 

 

Auf dem über 4.5 Hektar großen Areal in der Me­tropole in der Provinz Hubei entstehen mit dem ­Easyhome-Komplex neue Wohn-, Hotel- und Gewerbeflächen. Die fertiggestellten Türme sind die ersten beiden – von insgesamt fünf – und den italienischen Architekten zufolge der erste vertikale Wald Chinas. Mit dieser Typologie beschäftigten sich Stefano Boeri und sein Team bereits beim Bosco Verticale in Mailand und vielen anderen Projekten. Für die Fassade der chinesischen Wohnbauten kombinierten sie offene und geschlossene Balkone, die sich in einem diagonalen Muster und in unterschiedlichen Größen aneinanderfügen. Während die verglasten Loggien die Ansichten der 80 m hohen Türme wie 3D-Pixel überziehen, wachsen in den Freiräumen dazwischen Bäume, Sträucher und andere Pflanzen aus großen Trögen. Sie umspielen die Fenster, ranken sich an den Fassaden entlang in die Höhe oder hängen nach unten und umrahmen die Aussicht der Bewohner. Der Blick in die natürliche Umgebung soll ein naturnahes, urbanes Wohnerlebnis bieten.

 

 

Bei der Bepflanzung setzte die Botanikerin und Landschaftsarchitektin Laura Gatti auf lokale Arten. Neben chinesischem Ginkgo kamen immergrüne Bäume mit duftenden Blüten sowie Ahorn, Bambus und kleinere Weidengewächse zum Einsatz. Dazwischen verdichten Gräser den vertikalen Wald. Die spezifischen Eigenschaften wie Laubfärbung, Wuchshöhe und Ausrichtung der Vegetation wurden in die Gestaltung der Wohntürme miteinbezogen. Die lebendigen Ansichten sorgen aber nicht nur für einen grünen Farbtupfer in der Stadt, der sich mit den Jahreszeiten verändert, sondern haben zudem einen positiven Einfluss auf das Klima: Laut Berechnungen der Planer nimmt die bewachsene Hülle pro Jahr 22 Tonnen CO2 auf und produziert gleichzeitig 11 Tonnen Sauerstoff. Mit diesen klimaaktiven Qualitäten birgt das Projekt insbesondere für asiatische Großstädte mit hoher Luftverschmutzung interessante Chancen und trägt vielleicht dazu bei, dass in Zukunft – Mensch und Planet zuliebe – auch in China mehr urbane Räume überwiegend Grün statt Grau gebaut werden.

 

 

 

Text: Edina Obermoser
Fotos: RAW VISION studio

 

Kategorie: Projekte