Von der Sanierung zur Klimaneutralität
Sanieren statt abreißen – und dabei Standards für nachhaltiges Bauen etablieren: Mit der Revitalisierung des Europäischen Patentamts in Wien zeigt ATP architekten ingenieure, wie sich ein unscheinbarer Zweckbau der 1970er-Jahre in ein klimaneutrales Bürogebäude verwandeln lässt. Der „Vienna Green Hub“ verbindet technische Effizienz mit architektonischer Qualität – und beweist, dass sich Nachhaltigkeit und Funktionalität verbinden lassen.
Die Generalsanierung des Europäischen Patentamts in Wien ist ein repräsentatives Beispiel dafür, wie nachhaltige Transformation im Bestand gelingen kann. Statt das 1972 errichtete Bürogebäude – einen typischen Zweckbau der Nachkriegsmoderne – abzureißen, entschieden sich Bauherr und Planer für die ressourcenschonende Sanierung. Bereits diese Maßnahme sparte rund 50 Prozent der CO2-Emissionen gegenüber einem Neubau.
Das Ergebnis ist der Vienna Green Hub, ein modernes Bürogebäude, das Technik, Nachhaltigkeit und architektonische Haltung vereint. Mit der BREEAM-Zertifizierung „Outstanding“ erreichte es die bislang höchste Bewertung im gesamten DACH-Raum.
Architektur zwischen Bestand und Zukunft
Der Baukörper fügt sich als freistehendes Gebäude in die Parklandschaft zwischen Schloss Belvedere, Salesianerinnenkloster und Botanischen Garten. Die neue Fassade aus vorgefertigten Holzelementen integriert Photovoltaikmodule in regelmäßigem Raster und verbindet Energieeffizienz mit architektonischer Klarheit. Ein großzügiges Atrium mit durchgängiger Treppe bildet die zentrale Erschließung des Gebäudes. Dachterrasse, Cafeteria und multifunktionale Räume erweitern die Arbeitswelten, während offene, flexible Grundrisse verschiedene Nutzungen ermöglichen.
Technik als Systemlösung
Gemeinsam mit den Expert:innen von ATP sustain entwickelte ATP ein integrales Konzept für die Technische Gebäudeausrüstung. Herzstück des Systems ist die Nutzung erneuerbarer Energiequellen: Erdwärmesonden und Wärmepumpen bilden die Basis der Versorgung, ergänzt durch eine umfassende Photovoltaik-Anlage, die sowohl in die Dachflächen als auch in die Fassaden integriert ist und in Kombination mit einem Batteriespeicher eine maximale Eigenversorgung ermöglicht. Für ein optimiertes Raumklima sorgen Akustik-Klimapaneele, die Heizen und Kühlen in einem System vereinen, während eine intelligente Einzelraumregelung den Energieeinsatz bedarfsgerecht steuert. Das Ergebnis ist ein Gebäude, das bilanziell klimaneutral arbeitet. Damit leistet der Vienna Green Hub einen Beitrag zu den Klimazielen des European Green Deal und unterstützt zugleich das geplante Vorhaben des Europäischen Patentamts, bereits bis 2030 vollständig CO2-neutral zu sein.
Integrale Planung und BIM
Wesentlich für den Erfolg war die integrale Planung mit Building Information Modeling (BIM). Alle architektonischen, technischen und organisatorischen Aspekte wurden in einem zentralen digitalen Modell abgebildet. Die cloudbasierte Zusammenarbeit mit der Autodesk Construction Cloud ermöglichte eine koordinierte Zusammenarbeit aller Beteiligten – von der Planung über die Ausführung bis zum Facility Management.
Der so entstandene digitale Zwilling dient heute als digitales Werkzeug für den Betrieb: von Wartung und Instandhaltung bis hin zu künftigen Umbauten. Dafür wurde das Projekt bereits mehrfach ausgezeichnet – unter anderem mit dem Österreichischen Betonpreis, dem Wiener Stadterneuerungspreis sowie dem „gebaut 2024“-Preis.
Nachgefragt bei Thomas Krohn
Associate und Head Architect bei ATP architekten ingenieure
Herr Krohn, der Erhalt der Tragstruktur hat 50 % CO2 eingespart. Welche Rolle spielt die Entscheidung zur Sanierung gegenüber einem Neubau in Ihrer Strategie für ressourcenschonendes Planen?
Das zeigt sehr deutlich, welchen Stellenwert die Sanierung in unserer Strategie hat. Wir sehen im Bestand eine große Chance: Sie spart nicht nur graue Energie, sondern erhält auch kulturelle und städtebauliche Identität. Entscheidend ist die integrale Planung – also die enge Zusammenarbeit aller Disziplinen von Anfang an. Dieser Ansatz lässt sich auch bei Projekten mit kleineren Budgets anwenden, wenn man frühzeitig die Potenziale im Bestand erkennt und gezielt mit digitalen Werkzeugen wie BIM arbeitet. Nachhaltigkeit ist keine Frage des Maßstabs, sondern der Haltung.
Die Kombination aus Erdwärmesonden, Wärmepumpen, PV-Fassade, Batteriespeicher und Einzelraumregelung klingt wie ein energieeffizientes Puzzle. Wie wurde das System im Planungsprozess abgestimmt?
Das Energiesystem wurde iterativ anhand von Simulationen und Variantenvergleichen entwickelt. Wichtige Erkenntnisse betrafen die optimale Dimensionierung der Erdwärmesonden, die Speicherstrategie für den PV-Strom – abgestimmt auf die maximale Belegung der Gebäudehülle mit Modulen – sowie die Feinjustierung der Einzelraumregelung für Heizen, Kühlen und Lüften. So konnten Energieverluste minimiert und der Nutzerkomfort deutlich gesteigert werden.
Die modulare Holzelementfassade gilt als besonders effizient. Welche Vorteile brachte die Vorfertigung?
Durch die industrielle Vorfertigung konnten wir die Montagezeiten deutlich verkürzen und die Logistik exakt takten – das reduziert Emissionen, Lärm und Materialverluste. Gleichzeitig ermöglichte die enge Verzahnung von Planung, Ausführung und Fertigung eine hohe Maßgenauigkeit und Materialeffizienz. Diese Herangehensweise lässt sich gut auf andere Projekte übertragen – besonders dort, wo Nachhaltigkeit, Bauzeit und Qualität gleichermaßen zählen.
Welche konkreten Vorteile brachte die cloudbasierte BIM-Koordination?
Die Arbeit mit der Autodesk Construction Cloud hat unsere Prozesse erheblich effizienter gemacht – insbesondere an komplexen Schnittstellen wie der TGA und im Zusammenspiel mit externen Fachplanern. Automatisierte Kollisionsprüfungen und der ortsunabhängige Zugriff auf zentrale Datenmodelle beschleunigten Abstimmungen und erhöhten die Planungsqualität.
In der Betriebsphase fungiert das Modell als digitaler Zwilling und unterstützt das Facility Management – von Wartungszyklen bis zu Umbauten. Das spart Zeit und Kosten und schafft die Basis für nachhaltiges Gebäudemanagement.
Wie verbindet ATP Technik, Architektur und Organisation zu einem zukunftsfähigen Ganzen?
Integrale Planung bei ATP bedeutet, dass Architekt:innen und Ingenieur:innen von Anfang an gemeinsam denken. Dadurch entstehen Lösungen, die technische Effizienz, Nutzerkomfort und architektonische Klarheit verbinden. Gerade für die Arbeitswelt der Zukunft ist das entscheidend: Wir schaffen Räume, die nicht nur funktionieren, sondern inspirieren. Durch diese Haltung können wir ökologische Verantwortung, Flexibilität und Gestaltung auf hohem Niveau vereinen.
Europäisches Patentamt
Wien, Österreich
Bauherr: Europäische Patentorganisation
Planung: ATP architekten ingenieure
Statik: ATP architekten ingenieure
Grundstücksfläche: 4.300 m²
BGF: 13.323 m²
Planungsbeginn: 2021
Baubeginn: 2022
Fertigstellung: 2024
Text: Linda Pezzei
Fotos: Helmut Pierer
Kategorie: Projekte












