Vorhang auf für die Zukunft
Vom Industriebau zum urbanen Treffpunkt – Studioninedots verwandelte in Utrecht eine ehemalige Werkstatthalle der niederländischen Eisenbahngesellschaft in einen lebendigen Ort mit Büros, einem Restaurant und einem Parkhaus. Unter dem Titel Bovenbouwwerkplaats schrieben die Architekten damit ein wichtiges Stück Stadtgeschichte fort. Sie revitalisierten das alte Fabrikgebäude und kombinierten dabei dessen rohen Charme mit zeitgenössischer Eleganz.

Tatsächlich handelt es sich bei dem Projekt nur um ein Puzzlestück einer ganzen Reihe von Veränderungen im Nordosten von Utrecht. Unter dem Titel Wisselspoor verwandelt sich hier seit 2020 ein 12 Hektar großes Areal – einst wichtige Produktionsstätte des Unternehmens Koninklijke Nederlandsche Fabriek voor Werktuigen en Spoormaterieel, kurz Werkspoor – in ein grünes Stadtviertel mit Platz zum Wohnen und Arbeiten. Der urbane Masterplan dafür stammt ebenfalls von Studioninedots. In Zusammenarbeit mit dem Landschaftsarchitekturbüro DELVA entwickelten die Amsterdamer Planer ein dynamisches Cityblock-Konzept, das anstelle von starren Blöcken auf kleinteiliger Vernetzung, Interaktion und flexibler Nutzung beruht. Die Organisation erfolgt anhand von 100 mal 100 Meter großen Grundstücken, den Cityblocks. Während die kompakten Gebäude jeweils an den Rändern angeordnet sind, bleibt im Zentrum Raum für öffentliche Grünflächen. Besonders wichtig war den Architekten zudem, den ursprünglichen Charakter von Wisselspoor zu erhalten, das jahrzehntelang von der Eisenbahnindustrie geprägt wurde.

Nachbarschafts-Treffpunkt in der alten Fabrik
Ein erstes Beispiel für diesen Ansatz lieferte das Studioninedots-Team im ersten Bauabschnitt mit dem Umbau eines alten Werksgebäudes selbst. Die 1905 errichtete Fabrikhalle diente früher der Fertigung schwerer Bauteile wie Dampfkessel, Schienen und Weichen für die Eisenbahngesellschaft. Nach seiner Blütezeit büßte das Gebäude über die Jahre hinweg aufgrund von fehlender Instandhaltung allerdings immer mehr seiner architektonischen Qualitäten ein. Neue Bauten rund um den einstigen Produktionsbetrieb veränderten seinen Stellenwert in der Umgebung und auch der generelle Zustand der Konstruktion verschlechterte sich sukzessive. Im Zuge der Umgestaltung sollte der historische Bestand deshalb mit neuem Leben gefüllt, gleichzeitig aber auch sein industrielles Erbe bewahrt werden.
Das Ergebnis namens Bovenbouwwerkplaats kann sich sehen lassen: Die Planer verpackten kurzerhand verschiedenste Nutzungen – die normalerweise in einer Stadt in anderem Maßstab zu finden sind – in komprimierter Version unter einem Dach und schufen so einen gemeinschaftlichen Anlaufpunkt für das gesamte Viertel.
Achtsam erneuert und erweitert
An der Außenseite wurden die charakteristischen Ziegelfassaden des Ensembles mitsamt den Fensteröffnungen behutsam wiederhergestellt. An manchen Stellen ersetzte man den Klinker durch raumhohe Verglasungen, die fortan für lichtdurchflutete Innenräume sorgen und zudem die Interaktion mit der Nachbarschaft fördern sollen. Auch die Satteldächer wurden erneuert und mit großflächigen Oberlichtern versehen, um eine noch bessere, natürliche Belichtung zu garantieren. Im Inneren des Werksgebäudes rückte man die vorhandene Struktur in den Fokus: Es wurde das Stahltragwerk ertüchtigt und weitgehend auf unnötige Verkleidungen verzichtet. Unter dem Dach erinnern alte Portalkran-Laufschienen an die industrielle Vergangenheit des Hauses. Rohre und Installationen bleiben ebenfalls offen sichtbar und unterstreichen das rohe Design. Selbst Schönheitsfehler wie Farbschichten, oberflächliche Beschädigungen und andere Makel besserte man bewusst nicht aus, sondern nutzte sie als gestalterisches Element.
Neuer Kern mit Überraschungseffekt
Formal setzt sich der Bestand aus zwei Teilen zusammen: der siebenschiffigen Haupthalle und einem westlich angrenzenden, länglichen Anbau. Im kleineren Querflügel ist auf 500 m2 Fläche ein Restaurant untergebracht. In der 1.400 m2 großen Halle entsteht ein kollektiver, multifunktionaler Kreativraum. Die flexiblen Arbeits- und Gemeinschaftsflächen bzw. offenen Co-Working-Bereiche legen sich entlang der Ansichten ringförmig um eine Funktion, die man nicht erwarten würde: ein Parkhaus. Dieses versteckt sich hier im Herzen von Bovenbouwwerkplaats in einem neuen Gebäudekern.
Das rechteckige Volumen ragt über die Dächer der Halle hinaus und ist komplett in konkav gewölbte Streckmetallpaneele gekleidet. Diese umspielen die fensterlose Hülle wie ein zarter, schimmernder Vorhang. Je nach Tages- bzw. Jahreszeit sowie abhängig von der Witterung fangen die Fassaden das Licht mit ihrer wellenförmigen Struktur ein oder reflektieren es und verändern so ihre Wirkung. Die leichten Metalloberflächen nehmen dem Baukörper an Massivität und setzen zugleich einen modernen Kontrapunkt zur historischen Bestandsstruktur. Im Inneren des Parkhauses befinden sich über fünf Geschosse verteilt 175 Stellplätze für PKWs und Fahrräder von Anrainern und Mitarbeitern. Auf diese Weise will Studioninedots die Mobilität in dem weitgehend autofrei geplanten Viertel bündeln und rund um den revitalisierten Industriebau im Nordosten von Utrecht die perfekten Voraussetzungen für ruhige Fußgängerzonen und grüne Freiflächen schaffen. Darüber hinaus soll Bovenbouwwerkplaats den Architekten zufolge in Zukunft zum lebendigen, identitätsstiftenden Gemeinschaftsort werden – und sich positiv auf ganz Wisselspoor auswirken.
Bovenbouwwerkplaats
Wisselspoor, Utrecht
Bauherr: Synchroon
Planung: Studioninedots
Tragwerksplanung: Strackee
Landschaftsplanung: DELVA
TGA-Planung: Visscher Bouwadvies
Bauunternehmen: Gebroeders Blokland, Den Butter & Voogt
Weitere Projektpartner: Skonk, Metadecor, Continental Car Parks, JVZ Ingenieurs, We Drive Solar
Fläche: 7.900 m²
Planungsbeginn: 2017
Fertigstellung: 2022
Kategorie: Projekte








