(Vor)Stadtvilla 2.0

25. Mai 2022 Mehr

Wenn Architekten für sich selber bauen: Barbora und Jiří Weinzettl von Atelier 111 Architekti realisierten ihr “Kozina House” im historischen Teil einer tschechischen Kleinstadt. Auf dem bestehenden Areal haben sie zwei benachbarte Gebäude miteinander verbunden, Altlasten beseitigt und die Bestandsgebäude sauber und rücksichtsvoll zu einem stimmigen Gesamtensemble rekonstruiert. Willkommen in der (Vor)Stadtvilla 2.0!

 

 

Barbora und Jiří Weinzettl sind nicht nur privat, sondern auch beruflich ein eingespieltes Team. Ihr Studio Atelier 111 steht für Architektur, die sich durch einen kontextbezogenen Ansatz sowie konzeptionelles Denken gepaart mit schlichter Nüchternheit auszeichnet. In ihrer Heimatstadt nahe Budweis (České Budějovice) im Süden Tschechiens konnten die beiden Kreativköpfe dieses Konzept mit der Gestaltung des familiären Eigenheims „Kozina House“ auf die Spitze treiben.

 

 

Das Team von Atelier 111 Architekti arbeitet von Prag und Südmähren aus und konzentriert sich auf die Gestaltung von Wohngebäuden und öffentliche Bauten einschließlich der Innenarchitektur sowie der Wiederbelebung von urbanen Räumen. Die Rekonstruktion, Umnutzung und Aufwertung spielt dabei aber auch im ländlichen Raum eine tragende Rolle: Konkret als Alternative zur neugebauten (Vor)Stadtvilla, die nach Meinung der Architekten leider allzu oft und jeglichem Maßstab zum Trotz, als Fremdkörper aus der Landschaft herausragt.

 

 

Das neue Zuhause der Familie Weinzettl soll dem bewusst ein Statement entgegensetzen. Das Grundstück befindet sich im historischen Teil der kleinen südböhmischen Stadt Trhové Sviny. Etwas in die Jahre gekommen, weiß der Ort nichtsdestotrotz mit Atmosphäre und viel schlummerndem Potenzial zu punkten. So verliebten sich die Bauherren schnell in den unverwechselbaren Charakter und die überzeugende Lage des Bestandsareals. Während die engen, verschlafenen Gassen gleich neben den Wiesen des Kozina-Platzes ihre Anwohner vor Lärm und Hektik der angrenzenden Verkehrsadern schützen, lädt das belebte Zentrum nur wenige Schritte weiter mit Geschäften und Büros, Schulen, Kino und Theater sowie dem Bahnhof zum Eintauchen in das wuselige Kleinstadtleben ein.

 

 

Der relativ kleinen verfügbaren Fläche zum Trotz, realisierten die Bauherren ein äußerst umfangreiches Raumprogramm: dazu gehören ein ausreichend großes Wohnzimmer mit angrenzender Terrasse, ein Dachgeschoss mit Kinderzimmern und Spielzimmer, ein Schlafzimmer mit eigenem Bad, ein Garten mit Obstbäumen, zwei Garagenplätze und eine große Werkstatt inklusive Hebebühne. Möglich wurde dies durch die Verbindung zweier benachbarter Häuser mit dazwischenliegender Garten- und Hoffläche. Eines davon wurde um die Jahrtausendwende grundlegend umgebaut, das andere befand sich in einem baufälligen Zustand.

 

 

Im ersten Schritt befreiten die Architekten die Bestandsgebäude von jeglichen, aus ihrer Sicht unpassenden, modernen Elementen – das betraf neben einer großen Gaube mit Balkon auch die Kunststofffenster. So konnten nach und nach nicht nur das ursprüngliche Steinmauerwerk, sondern auch kleine, historische Fragmente freigelegt werden, die die Bewohner als besonders erhaltenswert empfanden. Während der Maßstab, die Oberflächen und die ursprünglichen Volumina beibehalten werden konnten, wurden im Rahmen der inneren Struktur größere Eingriffe vorgenommen, um das Gebäude von zwei Seiten zugänglich zu machen: für Fußgänger vom Platz und für Autos von der gegenüberliegenden Straßenseite aus. Durch das große Fenster im Giebel der Hoffassade eröffnet sich nun ein einzigartiger Blick auf den Kirchturm der Stadt. Bewusst kreierte Blickbezüge zwischen den Innenräumen und Höfen werten den Gesamteindruck der Räumlichkeiten zusätzlich auf. Dabei wurden die neu geschaffenen Öffnungen minimalistisch gehalten, um einen Kontrast zu den ursprünglichen, traditionell geteilten Fenstern zu schaffen.

 

 

Innen wie außen dominieren natürliche Materialien und gedeckte Farben – ein Konzept, das die Bauherren als zeitlose Lösung ansehen. Die schlichten Formen verleihen Kozina House in Kombination mit den ruhigen hellen Fassadenflächen und den traditionellen Dachschindeln ein gleichermaßen zurückhaltendes wie unaufdringliches Erscheinungsbild, das sich zwar ganz klar als modern positioniert, dabei aber die benachbarten Bestandsgebäude und seine tatsächliche Bauzeit nicht verleugnet. Je mehr man sich dem Ensemble annähert, desto mehr Einzelheiten offenbaren sich dem Betrachter: Materialien, Strukturen und kleine Details schälen sich aus dem großen Ganzen heraus und verleihen dem Wohnhaus einen ganz eigenen Charakter. Dafür wurde das Kozina House in der Kategorie „Einfamilienhaus“ mit dem Grand Prix Architektů ausgezeichnet.

 

 

 

Auch die Innenräume leben von den Geschichten, die die Oberflächen zu erzählen wissen, sowie kleinen Details wie einer Nische samt historischer Marienstatue. Ergänzt werden diese durch selbstbewusst vorgenommene räumliche Adaptionen in Form einer großzügigen rahmenlosen Glasfassade, einer tonnenförmigen Holzdecke oder einer gemütlichen Nische mit Holzverkleidung (einer der Lieblingsorte der Bewohner und Gäste). Gepaart mit schlichten Einbaumöbeln und ausgesuchten Design- und Kunst­objekten darf man Kozina House durchaus als bewohnbares Gesamtkunstwerk betrachten. Und als ein Paradebeispiel für die (Vor)Stadtvilla 2.0.

 

 

5 Fragen an Barbora & Jiří Weinzettl

Das eigene Haus planen (dürfen) – Fluch oder Segen?
Segen. Wir haben viel gelernt – vor allem von den verschiedenen Handwerkern und Handwerkerinnen. Wir haben den ganzen Prozess sehr genossen.

Was war Ihnen bei der räumlichen Gestaltung besonders wichtig?
Zum einen der Respekt für die Grundform und den Maßstab der ursprünglichen Volumen. Zum anderen waren für uns die Ausblicke aus dem Inneren in den Garten und die Höfe sehr wichtig. Es gibt mehrere Blickachsen, die den gesamten Raum durchschneiden. Die Ausblicke bereichern die Gesamtwahrnehmung des Raumes.

Worin bestand der Reiz, ein bestehendes Gebäude zu sanieren? Und was waren dabei die größten Herausforderungen?
Hinter der Backsteinverkleidung stießen wir auf das ursprüngliche Steinmauerwerk und kleine historische Fragmente, die für uns einen zu erhaltenden Wert darstellten. Die Herausforderungen? Nichts konnte im Voraus geplant werden. Der Wiederaufbau erforderte improvisierte Lösungen. Wir haben oft während des Baus Entscheidungen getroffen.

Konnten Sie bestimmte Ideen oder Vorstellungen umsetzen, bei denen Sie sonst auf Widerstand stoßen würden?
Vielleicht ein Badezimmer, das Teil des Schlafzimmers ist. Das ist eine Sache, die sich unsere Kunden normalerweise nicht wünschen.

Eine Sache, die schwieriger war als erwartet, und eine Sache, leichter vonstatten ging?
Die Behandlung und Reinigung der alten Steinmauer hat sich als schwieriger als gedacht erwiesen, das hat wirklich wahnsinnig lange gedauert. Dafür war er überraschend einfach, Löcher in eine massive Steinmauer zu schneiden.

 

 

Kozina House
Trhové Sviny, Tschechischen

Bauherr: Barbora & Jiří Weinzettl
Planung: Atelier 111 Architekti
Mitarbeiter: Barbora Weinzettlová & Jiří Weinzettl
Statik: Aleš Procházka

Grundstücksfläche: 500 m2
Bebaute Fläche: 317 m2
Nutzfläche: 340 m2
Planungsbeginn: 2014
Bauzeit: 2014-2020
Fertigstellung: 2021

www.atelier111.cz/en

 

 

Text: Linda Pezzei
Fotos: Alex Shoots Buildings

 

Kategorie: Projekte