Wiedergeburt
Das Projekt Warehouse Apartments von OOIIO Architecture ist ein gelungenes Beispiel dafür, wie sich Städte durch die Umwandlung von ungenutzten Industrieflächen in innovative Wohnlösungen langfristig weiterentwickeln können, ohne dabei ihre Identität einzubüßen oder die Geschichte zu verleugnen. Die Transformation dieses ehemaligen Warenspeichers in Madrid ist damit auch als Teil eines breiteren Trends in postindustriellen Städten zu verstehen.
Der 250.000-Einwohner-Bezirk Carabanchel liegt im Südwesten von Spaniens Hauptstadt; mittendrin das Projekt Warehouse Apartments. Das Architekturbüro OOIIO Architecture hat dort vor Kurzem ein ehemaliges, jahrelang ungenutztes Lagerhaus für Sanitär- und Baumaterialien für eine private Bauherrschaft in einen lebendigen und farbenfrohen Wohnraum umgestaltet. Diese „Wiedergeburt“ eines für den Ort ikonischen Gebäudes spiegelt sinnbildlich auch den Wandel und die Entwicklung des städtischen Umfelds wider.
Das heutige Wohngebäude war einst Teil eines hybriden Industriequartiers, das – geprägt von der Nachkriegsprovisorik und der Nähe zum Franco-Gefängnis – als architektonisches Spiegelbild der sozialen Spannungen fungierte. Wo einst Lastwagen zwischen Schuppen und Werkhallen pendelten, formte die Stadterweiterung ab 1948 ein Mosaik aus Gewerbe und informellen Siedlungen. Mit der Schließung des Gefängniskomplexes 1998 setzte eine städtebauliche Zeitenwende ein: Die einst vernachlässigte Peripherie wandelte sich durch begrünte Verkehrskorridore und Freiflächen zum Experimentierfeld urbaner Erneuerung.
„Die industrielle Vergangenheit des Gebäudes wirkt heute wie eine zusätzliche Ebene, die das Projekt als Ganzes bereichert“, unterstreichen die Architekt:innen die Wichtigkeit, sich an die Vergangenheit von Räumen bewusst zu erinnern. Während viele Betriebe dem Strukturwandel wichen, blieb das Lagerhaus als letzter Zeitzeuge der postindustriellen Ära zurück. Die symbolträchtige Neuerfindung durch OOIIO übersetzt nicht nur Carabanchels karge Industrieästhetik in zeitgenössisches Wohnen, sondern markiert zugleich den Abschluss einer jahrzehntelangen Transformation: Vom Ort der Repression zum Labor städtebaulicher Resilienz. „Durch die Verdichtung von Wohnraum auf engem Raum wird indirekt nachbarschaftliche Interaktion begünstigt, insbesondere in mediterranen Kulturen“, erklären OOIIO ihren in diesem Zusammenhang gewählten Ansatz. Das spezielle Gebäudedesign schaffe zudem ein exklusives Zugehörigkeitsgefühl, das Bewohner:innen zu einer (neuen) Gemeinschaft verbinde.
Bis vor einigen Jahren noch war das Lagerhaus Teil eines halbindustriellen Gebiets neben einer großen Autobahn, in dem kleine Fabriken, Werkstätten und Lagerhäuser mit den Arbeitern dieser und vieler anderer Unternehmen koexistierten. Die Stadt beschloss jedoch, die Autobahn in einen Grünzug umzuwandeln und den Asphalt mit Bäumen, Parks und großen Grünflächen zu bepflanzen. Dadurch wurde das Arbeiterviertel für neue Familien attraktiv. Im Laufe der Zeit zogen die Fabriken und Werkstätten an andere Orte und hinterließen große leere Flächen und ließen das Lagerhaus völlig isoliert dastehen. „Das Projekt bewahrt die Identität des Stadtteils, indem es veraltete Strukturen dynamisch an aktuelle gesellschaftliche Realitäten anpasst – etwa durch Umnutzung von Wohnraum für Singles und Gewerbeflächen für Kreativberufe – und akzeptiert dabei städtischen Wandel als natürlichen Prozess, der neue Bewohnergruppen wie kinderlose Paare oder Grafikdesigner integriert“, so die Architekt:innen.
Von der Industriebrache zum gefragten Wohnraum
Die steigende Nachfrage nach Wohnraum in diesem revitalisierten Viertel am Manzanares-Fluss bot den Architekt:innen Gelegenheit, das als Lagerhaus programmierte Bestandsobjekt neu zu erfinden und in einen modernen Wohnkomplex umzuwandeln. Anstelle eines grauen Industriegebäudes finden sich hier nun acht Wohneinheiten mit jeweils rund 40 Quadratmetern Wohnfläche, wobei jede Wohnung über einen eigenen Abstellraum im Untergeschoss verfügt. Die derzeitigen Bewohner:innen sind hauptsächlich junge Leute, sowohl Paare als auch Singles.
Den Architekt:innen und der Bauherrschaft ging es aber nicht nur um eine physische Umgestaltung, sondern auch um eine Erneuerung der Identität des Ortes. Lebhafte Farben wie Gelb-, Blau-, Grün- und Orangetöne ersetzen die Palette an industriellen Grautönen. Gleichzeitig wurde die Geschichte des Ortes respektiert: „Wir wollten für das Vergangene Interesse wecken. Für die meisten Menschen wäre es das Logischste gewesen, das Vorhandene zu entfernen oder zu verstecken. Glücklicherweise wurde im Zuge des Entwurfsprozesses beschlossen, alle Rohre und Metallelemente, die dem täglichen Betrieb des ehemaligen Lagerhauses dienten, sichtbar zu lassen und farblich zu betonen, um deren Präsenz deutlich zu machen: Unter einer Kaskade von sechs Rohren zu duschen ist um einiges interessanter als eine herkömmliche Dusche unter der typischen schlichten weißen Decke – so etwas regt die Vorstellungskraft der Nutzer:innen an und schafft einen spannenden Kontrast, der dem Raum mehr Komplexität verleiht.“ So wurden die technischen Elemente nicht entfernt, sondern geschickt in das Design integriert und knallgelb gestrichen, um die Bewohnenden daran zu erinnern, dass dieser einst funktionale und triste Raum eine bewegte Geschichte zu erzählen hat. Die Strategie zielt darauf ab, visuelle Attraktivität mit funktionaler Klarheit zu verbinden, indem Farben organisiert eingesetzt wurden, um sowohl die Ästhetik als auch die Orientierung im Raum zu optimieren.
Daneben stehen natürliches Licht und eine effiziente Flächennutzung im Vordergrund der neu gestalteten Räumlichkeiten, die mit allem ausgestattet sind, was zeitgemäßen Wohnkomfort anbelangt. Holz, rötlicher Backstein und glasierte Keramik sorgen für eine einladende und moderne Atmosphäre. Und der Blick aus dem Fenster auf die Bäume und Parks, die das Viertel umgeben, wirkt heute wie ein Luxus – etwas, das vor ein paar Jahren noch kaum vorstellbar war.
Ausnahmeerscheinung oder Auftakt einer Bewegung?
Der Erfolg des Madrider Projekts könnte den urbanen Recycling-Ansatz in „delokalisierten“ Gebieten maßgeblich prägen, indem es demonstriert, wie historisches Erbe und moderne Nutzung symbiotisch verbunden werden können. „Durch die Umwandlung ehemaliger Industrieareale in Wohngebiete mit höherem Einkommen und modernen Betrieben zeigt das Projekt, dass ein Recycling bestehender Strukturen nachhaltiger ist als Abriss und Neubau – und zugleich einzigartige urbane Identitäten schafft“, sind sich die Architekt:innen sicher.
Durch das Bewahren lässt sich ein Auslöschen der Vergangenheit verhindern, indem industrielle Relikte in neue Nutzungskonzepte integriert werden. Recycling spart zudem Ressourcen und führt oft zu qualitativ hochwertigeren Ergebnissen als neu zu bauen. Und wie OOIIO ausführen, könne sich Einzigartigkeit gerade durch Hybridität ergeben: „Wie bei der Moschee-Kathedrale von Córdoba, wo durch eine „Schichtung“ historischer und moderner Elemente ein unverwechselbarer Ort entsteht, der die lokale Identität stärkt.“
Dieser Erfolg könnte andere Städte also durchaus motivieren, ähnliche Strategien anzuwenden – insbesondere in postindustriell geprägten Umgebungen, die vor vergleichbaren Herausforderungen stehen.
Warehouse Apartments
Madrid, Spanien
Bauherr: privat
Planung: OOIIO Architecture
Team: Joaquin MillanVillamuelas, Federica Aridon Mamolir
BGF: 295 m²
Planungsbeginn: 2022
Bauzeit: 2023-24
Fertigstellung: 2024
Text: Linda Pezzei
Fotos: Javier de Paz
Kategorie: Projekte









