Wiener Schmuckstück
Ein Einkaufsbummel durch die Wiener Innenstadt ist für so manche und manchen unabhängig von Tag und Jahr ein echtes Erlebnis. Wenn es draußen aber beginnt zu dämmern, kann das Flanieren (wieder) zum sinnlichen Erlebnis avancieren. Bestes Beispiel: die von smartvoll für das Juwelierunternehmen Von Köck gestaltete Boutique am Graben, einer der wohl geschichtsträchtigsten Einkaufsstraßen Wiens.
Kohlmarkt, Graben und Kärntner Straße bilden das „Goldene U des Wiener Handels“. Auf dem, seit der Römerzeit zentralen, Marktplatz sind die verbliebenen Traditionshäuser aus dem 18. Jahrhundert heute umringt von Fast-Food-Giganten, Kaffeehausketten und den Einkaufshallen großer Luxusmarken. Mittendrin in diesem gesichtslosen Einheitsbrei die warm leuchtende Auslage der Boutique Von Köck. Das feinfühlige Designkonzept zeichnet sich durch ein offenes und einladendes Portal aus, es lockt zum Näherkommen und wirkt im städtebaulichen Kontext wie eine natürliche Erweiterung des Stadtraumes selbst.
Eine zweigeschossige Raumskulptur streckt ihre Äste und Zweige im übertragenen Sinn in jede Ecke und jeden Winkel des Raumvolumens aus – scheint in den Straßenraum hinauszuwachsen und unter ihrem Dach jeden Besucher und jede Vorüberschlendernde freundlich zu begrüßen. „Der Baum ist im Grunde ein Filter, der zum einen die Erschließung als Frequenzbereich und zum anderen die intimen Beratungslogen als Rückzugsorte sanft zoniert“, sagen die Architekten. Weiche Materialien, raumhohe Vorhänge und eine gepolsterte Brüstung schaffen in Kombination mit den warmen Holzoberflächen eine Wohlfühl-Atmosphäre, die trotz Eleganz und Luxus nahbar und authentisch bleibt. Man möchte sich in diesen Raum, das Licht, die Stimmung am liebsten einhüllen lassen wie in einem Kokon.
Zentrales Element ist der Baum, der gleichermaßen als skulptural gestaltete Erschließungsfigur, als anziehendes Präsentationsmedium und als praktischer Verteiler in die fünf angedockten Beratungslogen sowie die Verkaufsfläche dient. Gemütliche Logen dienen gleich kuscheligen Nestern verteilt im Raum als intime Rückzugsorte für die individuelle Beratung. Und selbst im Untergeschoss, sozusagen an der Wurzel, sorgt das wie durch ein Blätterdach gefilterte Licht von oben für einen großzügigen und luftigen Raumeindruck. Gezielt inszenierte Blickachsen eröffnen immer wieder Ausblicke auf die belebte Einkaufsstraße, die gegenüberliegenden historischen Häuserfassaden und die funkelnden Schmuckstücke in der Auslage. Selbst den Uhrmachern darf man bei der Arbeit über die Schulter schauen, während sie in einer eingelassenen Nische kleinere Reparaturen und Änderungen durchführen.
Tradition bewahren und ein Unternehmen im Sinne eines zeitgemäßen Konsumgedankens und Einkaufserlebnisses mutig in die Zukunft zu führen – so lautete das Credo der Auftraggeber und der Auftrag an die Architekten. Dieses Ansinnen spiegelt sich im Ergebnis nicht nur in der Wertigkeit und Präzision der ausgestellten Produkte, sondern auch in der sorgfältigen Handwerkskunst der zentralen Raumfigur wider – und ist als Gesamtkunstwerk eine wahre Bereicherung und ein echtes Schmuckstück in der Wiener Schatulle.
Text: Linda Pezzei
Fotos: Dimitar Gamizov/smartvoll
Kategorie: Projekte, RETAILarchitektur










