Wohnen auf dem Wasser

15. Juli 2021 Mehr

Stadt, Land, Meer – für das Floating Home wagte sich das Architekturbüro i29 aufs Wasser. Das Wohnhaus entstand als Teil Europas nachhaltigster, schwimmender Nachbarschaft Schoonschip im Kanal von Amsterdam. Als in sich geschlossenes Ökosystem fügen sich die insgesamt 46 Haushalte auf 30 Grundstücken in die niederländische Metropole ein und zeigen, wie energieeffizientes Wohnen in Zukunft aussehen könnte.

 

Für das Floating Home wagte sich das Architekturbüro i29 aufs Wasser

 

Im Zuge eines urbanen Masterplans von Space&Matter verwandelt sich der Johan van Hasselt Kanal, ein stillgelegter Nebenkanal im Norden von Amsterdam, bereits seit 2008 in eine schwimmende Siedlung mit zirkulärem Ansatz. Als Teil eines dynamischen Stadtteils mit industrieller Vergangenheit entwickelte sich das Projekt über Jahre hinweg zu einem gemischten, sich selbst versorgenden Wohngebiet. Schoonschip setzt sich aus 30 Parzellen auf dem Wasser zusammen, die von über 100 Personen in 46 Einheiten nachhaltig bewohnt werden. Die einzelnen Häuser docken rund um vier, vom Kai ins Wasser ragende, T-förmige Stege an. Sie verbinden sich parallel zum Ufer in Form einer langen Brückenstruktur und fungieren als kommunikativer Außenraum und Treffpunkt der schwimmenden Kommune. Anstatt Vorgärten und Autoabstellplätzen parken rund um die Häuser die Boote der Bewohner.

 

Für das Floating Home wagte sich das Architekturbüro i29 aufs Wasser

 

Die energieautarke Wohnsiedlung funktioniert als in sich geschlossenes Ökosystem inmitten seiner Umgebung. Nach dem Vorbild einer Kreislaufwirtschaft liegt das eigentliche Kraftwerk von Schoonschip unter den Stegen verborgen. Dort befinden sich sämtliche Leitungen und Installationen. Mittels Wärmepumpen wird das Wasser des Kanals zum Heizen genutzt. Die Stromversorgung des nachhaltigen Viertels garantieren Solarpaneele. Überschüssige Energie tauschen die einzelnen Häuser untereinander aus oder geben sie ans städtische Versorgungssystem weiter. Zudem achtet man auf eine Minimierung der Abfälle und schafft Platz für natürliche Artenvielfalt.

 

 

Frei nach dem Motto: „Jedem das Seine“, sorgen individuelle Entwürfe von unterschiedlichen Architekten für Abwechslung im Kanal. Für die einzelnen schwimmenden Häuser beauftragten die Bewohner verschiedene Planer. Diese erhielten für die Bebauung der Wasserparzelle ähnliche Vorgaben, um die Kompatibilität mit dem schwimmenden Fundament zu sichern, konnten sich aber in der Gestaltung frei entfalten. Passend zum umweltfreundlichen Konzept fiel die Materialwahl bei den meisten Projekten auf Holz. Das Ergebnis ist ein lebendiger Mix an Wohnbooten, die sich zu einer dynamischen Siedlung zusammenfügen. Sie folgen derselben Grundidee, heben sich mit individuellen Designs aber klar voneinander ab.

 

Für das Floating Home wagte sich das Architekturbüro i29 aufs Wasser

 

Eines der Wohnhäuser ist das Floating Home. Das niederländische Büro i29 nutzte auf Wunsch der Bauherren die Grundstücksgrenzen voll aus. Es entwickelte für die Bewohner ein Wohnboot mit klarer Kubatur und maximaler Wohnfläche. Mit gezielt positionierten Einschnitten und einer extravaganten Dachform verleihen sie dem schlichten Baukörper seine Raffinesse. Die Öffnungen rücken die unkonventionelle Lage im Kanal in den Vordergrund. Sie bieten Ausblicke aufs Wasser und spannen geschützte Aufenthaltsräume im Freien auf. Von außen erscheint das schwimmende Häuschen ganz in Schwarz. Während die Fassaden komplett in schmale, vertikale Holzlatten gekleidet sind, führen dunkle Solarpaneele die einheitliche Hülle auf den Dachflächen fort und lassen das Hausboot mit seiner Farbgebung optisch mit dem dunklen Wasser des Kanals verschmelzen.

 

 

Die obere Begrenzung des Hauses wirkt auf den ersten Blick wie ein simples Satteldach. Sein besonderer Clou besteht darin, dass es leicht diagonal verschoben auf den Wänden aufliegt. Dadurch optimierten die Planer den Raum im Inneren und verliehen dem Volumen eine charakteristische Form. Im Gegensatz zu den Ansichten zieht sich im Haus helles Weiß durch alle Bereiche. Das Design sorgt für spannende Kontraste und fasst Innen und Außen gleichzeitig zu einem harmonischen Gesamtbild zusammen.

 

Für das Floating Home wagte sich das Architekturbüro i29 aufs Wasser

 

Die Wohnbereiche des Floating Home verteilen sich über drei Geschosse. Ein Split-Level-Grundriss mit einem Atrium und einer offenen Treppe verwebt die einzelnen Bereiche miteinander und ergibt dynamische Blickbeziehungen. Beim Betreten des Hauses gelangt man direkt in das Zwischenniveau. Dieses ist galerieartig ausgeführt und beinhaltet einen zentralen Gemeinschaftsbereich und ein Schlafzimmer mit Bad en suite. Über ein paar Stufen kommt man auf dem Weg nach unten zuerst an einer großen Fensterfront vorbei, die sich zu einer überdachten Loggia hin öffnet und schließlich in das unterste der drei Stockwerke. Dort befinden sich mit direktem Blick auf die Wasseroberfläche ein Bad, zwei Zimmer und ein doppelgeschossiger Wohnraum.

 

 

Den krönenden Abschluss bildet die obere Etage. Sie umfasst die Küche und einen Lounge-Essbereich. Durch großflächige Öffnungen in den Fassaden- und Dachflächen erscheint der Raum in Kombination mit den hellen Materialien und der großen eingebauten Küchenzeile aus Holz hell und freundlich. Außerdem ergeben sich Panoramablicke nach draußen aufs Wasser und die Umgebung. Sowohl an die Unterseite des Dachs als auch die Zwischendecke zum mittleren Level schmiegen sich die weiß gestrichenen Sichtbalken der Konstruktion und zeichnen die Kraftverläufe nach. Ein Ausschnitt an einer Gebäudeecke wird zu einer Dachterrasse, die das Raumprogramm des Familienheims komplettiert und Ausblicke auf den Hafen im Westen bietet.

 

 

Das Studio i29 ist bekannt für seine Entwürfe und die detaillierte Planung bis hin zum Innenausbau. Auch das Floating Home kreierten sie trotz knappen Budgets als smartes Wohnhaus mit selbstbewusstem Design. Es fügt sich stimmig in die Nachbarschaft ein und hebt sich doch klar von ihr ab. Mit Schoonschip macht sich die Architektur auf zu neuen, nachhaltigen Ufern. Das schwimmende Viertel demonstriert als Leuchtturmprojekt eindrucksvoll, wie energieeffizientes Wohnen mit möglichst geringem ökologischen Fußabdruck auf dem Wasser funktioniert. Steigen die Pegel der Weltmeere weiter oder möchte man einfach einen Tapetenwechsel, bleibt einem dann nur noch eines: Leinen los!

 

 

Floating Home
Amsterdam, Niederlande

Bauherr: Privat
Planung: i29
Team: Chris Collaris, Jaspar Jansen, Jeroen Dellensen
Statik: Bartels en Vedder
Interior: Simon Sintenie
Nachhaltigkeit: Metabolic

Grundstücksfläche: 180 m2
Bebaute Fläche: 120 m2
Nutzfläche: 160 m2
Planungsbeginn: 07/2019
Bauzeit: 8 Monate
Fertigstellung: 01/2021

www. i29.nl

 

Text: Edina Obermoser
Fotos: Ewout Huibers

 

Kategorie: Newsletter, Projekte

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