Wohnen im Holzraster

12. Juli 2022 Mehr

85 Appartements auf 10.000 m2 und 8.300 m3 lokales Kiefernholz – das ist der Steckbrief des sozialen Wohnbaus, den Peris+Toral Arquitectes in Cornellà de Llobregat realisierten. Sie vereinten Nachhaltigkeit, Kosten­effizienz und Komfort innerhalb eines flexiblen Holzrasters und machten das Projekt in dem Vorort von Barcelona so zum größten Holz-Wohngebäude in Spanien.

 

Peris+Toral Arquitectes - Wohnbau in Cornellà de Llobregat

 

Wo sich südwestlich der katalanischen Hauptstadt vor einiger Zeit noch das Pisa-Kino befand, wird heute gewohnt. Nach dem Abriss des geschichtsträchtigen Filmtheaters veranstaltete IMPSOL, eine öffentliche Stadtentwicklungseinrichtung der Metro­polregion Barcelona AMB, einen Ideenwettbewerb für ein soziales Wohnbauprojekt. Die ebenfalls in Barcelona ansässigen Architekten Marta Peris und José Toral konnten mit ihrem Entwurf überzeugen: Sie entwickelten einen Neubau, der karreeförmig rund um einen gemeinsamen Innenhof angeordnet ist. Über dem Erdgeschoss in Stahlbeton stapeln sich fünf Stockwerke in Holzrahmenbauweise. Für diese kamen rund 8.300 m3 Holz aus dem Baskenland zum Einsatz. Durch die nachhaltige Materialwahl senkte man nicht nur die CO2-Emissionen auf ein Minimum, sondern auch die Zeit für die Errichtung. Sämtliche Bauteile wurden industriell vorgefertigt und mussten vor Ort nur noch zusammengebaut werden. Die Verwendung des Naturwerkstoffs macht das Gebäude laut Planern zum größten in Holz umgesetzten Wohnbauprojekt Spaniens.

 

 

Die Sockelzone wird öffentlich und gewerblich genutzt. Sie springt an einer Seite in Form eines überdachten Säulengangs weit zurück und schafft eine visuelle Verbindung zwischen dem Stadtraum und dem halböffentlichen Hof, in dem man sich trifft und austauscht. Der Zugang zu den darüberliegenden Wohngeschossen erfolgt über vier separate Stiegenhäuser. Um die Interaktion der Bewohner des Blocks zu fördern, entschieden sich die Architekten bewusst gegen eine außenliegende Erschließung und positionierten die Treppenhauskerne stattdessen an den Innenecken des Patios. Die insgesamt 85 Wohneinheiten sind pro Stockwerk in vier Gruppen eingeteilt. Jeweils vier bis fünf Appartements schließen über Eck an einen vertikalen Nukleus mit Aufzug und in Massivholz ausgeführten Treppen an. Diese Aufteilung ermöglicht die Belichtung jeder Wohnung aus zwei Richtungen sowie die Möglichkeit zur Querlüftung.

 

Entlang des Innenhofs sind dem Wohnblock in den Regelgeschossen Laubengänge vorgelagert, über die man die einzelnen Wohnungen betritt. Für eine optimale Nutzung verzichtete man sowohl in den öffentlichen Bereichen als auch innerhalb der einzelnen Einheiten auf Flure und Erschließungsflächen. Die Grundrisse sind möglichst effizient gestaltet und beruhen auf einem regelmäßigen Raster, das jeweils Räume zu je 13 m2 aufspannt. Abhängig von ihrer Funktion, werden diese einzeln bespielt oder lassen sich dank mittiger Schiebetüren zu größeren Open-Space-Bereichen zusammenfassen. Daraus ergeben sich pro Geschoss 114 und im gesamten Gebäude 543 gleich große Module. Jede Wohnung verfügt – abhängig von der Anzahl der Schlafzimmer – über fünf bis sechs dieser Abschnitte. Die Küche fungiert als zentraler Verteiler. Sie soll zusätzlich mit typischen Geschlechterrollen brechen und die Hausarbeit mitten in der Wohnung für alle sichtbar machen. Während rundherum Bad und Gemeinschaftsbereiche andocken, gibt es an der Außenseite des Baus die flexibel bespielbaren, privateren Räume. Sie öffnen sich zu umlaufenden Balkonen hin, die an den Fassaden den Wohnraum erweitern.

 

 

Die Loggien bringen reichlich Tageslicht nach drinnen und geben zugleich Ausblicke nach draußen frei. Auf ihnen können Mieter die frische Luft genießen, Wäsche trocknen oder im Freien essen. Sowohl vor die zur Straße als auch zum Hof orientierten Terrassenflächen legt sich eine Struktur aus leichten Stahlgeländern und -gittern. Als Drahtgeflecht formen sie abwechselnd niedrige Balustraden oder raumhohe, transluzente Paneele, die als Rankhilfe für Pflanzen dienen. An der Außenseite schützen die Elemente vor ungewollten Einblicken und schirmen die Wohnräume in Kombination mit Holz-Jalousien vor der heißen, spanischen Sonne ab.

 

 

Mit einem Quadratmeterpreis von unter 900 Euro bereichert der mehrgeschossige Sozialwohnungsbau den Großraum Barcelona nicht nur um erschwinglichen, sondern auch äußerst attraktiven Wohnraum. Anstatt in Monotonie zu verfallen, brachten Peris+Toral Arquitectes mit dem rasterförmigen, aber adaptierbaren Grundriss Individualität in das Projekt in Cornellà de Llobregat und bewiesen gleichzeitig, wie material- und kosteneffiziente Architektur ansprechend umgesetzt werden kann. Neben der verkürzten Bauzeit nutzte man die vorhandene Fläche mithilfe des umweltfreundlichen Materials bestmöglich aus und garantierte so die Wirtschaftlichkeit des Gebäudes. Nun bietet die modulare Holzbauweise den Bewohnern der 85 Einheiten ein gewisses Maß an Flexibilität und kombiniert in den Innenräumen ein hochwertiges Finish mit einer wohnlichen Atmosphäre.

 

 

85 Sozialwohnungen in Cornellà
Cornellà de Llobregat, Barcelona

Bauherr: IMPSOL, Metropolregion Barcelona (AMB)
Planung: Peris+Toral Arquitectes (Marta Peris, José Manuel Toral)
Team: Guillem Pascual, Ana Espinosa, Maria Megias, Izaskun González, Miguel Bernat, Cristina Porta
Statik: Bernúz Fernández Arquitectes
TGA: L3J Tècnics Associats
Nachhaltigkeit: Societat Orgànica
Gebäudeakustik: Àurea Acústica
Außenflächen: AB Pasatgistes

Grundstücksfläche: 10.055 m2
Bebaute Fläche: 1.820 m2
Wohnfläche: 8.910 m2 
Planungsbeginn: 05/2017
Baubeginn: 12/2018
Fertigstellung: 12/2020

www.peristoral.com

 

 

Text: Edina Obermoser
Fotos: José Hevia

 

Kategorie: Projekte