Zu neuem Leben erweckt

15. Oktober 2025 Mehr

Was tun mit einem schwerfälligen Verwaltungsbau aus den 1970er-Jahren, dessen architektonische Qualitäten diskutierbar sind? In Uppsala stand genau diese Frage im Raum, als die schwedische Lebensmittelbehörde ihre ehemaligen Büros im Hugin-Komplex aufgab. Das Gebäude galt als nicht sanierungsfähig: zu geringe Deckenhöhen, zu kleine Fenster, schlechte Dämmung, kein Bezug zur Straße. Die Empfehlung lautete Abriss. Doch das Projekt Lumi beweist, dass auch vermeintlich unbrauchbare Gebäude das Zeug zur Transformation haben – und zu einem architektonischen Beitrag zur Klimawende werden können.

 

 

Lumi – lateinisch für „lichtdurchflutet“ – ist ein siebengeschossiges Bürogebäude mit hellen, offenen Räumen. Zusätzlich bietet eine Dachterrasse den Beschäftigten Platz. Eine gläserne Eingangshalle, die drei Baukörper verbindet, bringt Licht bis tief ins Gebäude und fungiert zugleich als Verteil- und Begegnungsraum. Das Projekt ist das dritte vom schwedischen Developer Vasakronan als Generalübernehmer entwickelte Gebäude in Södra City, einem früher städtebaulich isolierten Bereich zwischen dem Hauptbahnhof und dem Fluss Fyrisån. Ziel des Immobilienunternehmens ist die Entwicklung eines zukunftsfähigen, grünen Stadtquartiers, das nicht nur funktional und wirtschaftlich ist, sondern auch sozial sowie ökologisch und klimagerecht gebaut. Die Lage ist gut: Das Entwicklungsgebiet grenzt an Parks und ein neues grünes Band Uppsalas an und liegt nahe zur Innenstadt und zu den großen Zufahrtsstraßen.

 

 

Konstruktionsprinzip Re-Use

Der Entwurf der schwedischen Architekturfirma ­White Arkitekter mit dem leitenden Architekten Anders Tväråna ist keine Verhüllung des Bestands, sondern dessen Weiterentwicklung. Statt alles abzutragen, wurden drei bestehende Gebäudekörper weitgehend entkernt, strukturell ertüchtigt und durch einen neu geschaffenen, verglasten Innenhof miteinander verbunden. Dieser zentrale Lichthof bildet heute nicht nur das Herzstück des Gebäudes, sondern übernimmt auch die horizontale und vertikale Erschließung. Die ehemals unübersichtlichen Flure und statischen Strukturen wurden so in eine moderne, flexible und lichtdurchflutete Bürolandschaft überführt.

Das Gebäude wurde um drei Geschosse aufgestockt – ohne neue Fundamente, nur durch die Nutzung der Bestandsstruktur. Damit sind 40 Prozent mehr nutzbare Fläche entstanden, insgesamt rund 21.000 m²
Bruttogeschossfläche, verteilt auf Büro-, Labor-, Gastronomie- und Einzelhandelsflächen. Die vermietbare Nutzfläche beträgt rund 16.500 m². Ein Tiefgaragengeschoss ergänzt das Raumprogramm.

 

 

Die CO2-Bilanz sei durch diese Bauweise im Vergleich zu einem Neubau in Holzrahmenbauweise halbiert worden, sagt das Planungsbüro. Re-Use wurde bei Lumi zum zentralen Konzept. Die Einsparung liegt vor allem an der Wiederverwendung von Fundament und Rahmen, aber auch an der Nutzung verschiedenster aufbereiteter Bauteile, darunter 580 Türen, 12.450 m² Gipskartonplatten, 383 Glaspaneelen, 563 Innentüren und 446 Heizkörper. Gipskartonplatten und deren Metallprofile wurden gelöst, gelagert und wieder aufgebaut. Leichtbetondecken fanden Verwendung für das neue Dachtragwerk, ebenso wie Metallgeländer und Aluminiumdachplatten.
Sogar Strom- und Datenanschlussdosen wurden aus- und in neue Wandkanäle eingebaut. Ergänzt wurden die ressourcenschonenden Maßnahmen durch zahlreiche Maßnahmen wie Solarmodule in Dach und Fassade, Regenwasserspeicher zur Toilettenspülung, den Verzicht auf Schadstoffe im Innenausbau und Einsatz dokumentierter Baustoffe.

 

 

Architektur durch Transformation

Die neuen Fassaden sind mit Schieferplatten verkleidet – ein Naturmaterial mit geringem CO2-Fußabdruck und robuster Alterung. Die Fassadenöffnung wurde komplett neu gedacht: Statt kleiner Fensterflächen bietet Lumi heute große, rhythmisch gegliederte Öffnungen, die Tageslicht tief ins Gebäude bringen. Die Neukonzeption des Erdgeschosses spielte eine Schlüsselrolle in der Transformation. Ursprünglich lag dieses erhöht – ein Relikt des städtebaulichen Denkens der 1970er-Jahre, das das Areal vom öffentlichen Raum abschottete. Durch gezielte Abgrabungen und Umstrukturierungen wurde nun auf Straßenniveau geöffnet: Gastronomie, Einzelhandel und Servicebereiche sorgen für Belebung. An mehreren Ecken des Grundstücks wurden die Böden lokal abgesenkt, um Räume auf Gehsteigniveau mit öffentlicher Nutzung als Beitrag zur sozialen Durchlässigkeit im Quartier zu schaffen. Insgesamt sind mit so rund 22.000 m2 aktivierter Stadtraum entstanden.

 

 

Digitales Gebäudemodell

Lumi wurde mit Hilfe von Building Information Modeling (BIM) geplant. Sämtliche Bauteile des Bestandsgebäudes wurden erfasst, katalogisiert und direkt in ein digitales Modell überführt. Dieses diente nicht nur als zentrale Planungsgrundlage, sondern auch zur Berechnung von CO2-Bilanzen, Logistikplanung sowie zur Organisation von Rückbau- und Wiederaufbauprozessen. Das gesamte Gebäude konnte ohne konventionelle Baupläne errichtet werden – alle relevanten Informationen wurden direkt dem digitalen Modell entnommen. Der digitale BIM-Zwilling ermöglichte darüber hinaus die Erstellung von Echtzeit-Klimabilanzen und die präzise Steuerung der Materiallogistik im Sinne einer Kreislaufwirtschaft. White Arkitekter haben dieses digitale Gebäudemodell inzwischen als internen Standard an ihren 14 weltweit verteilten Standorten etabliert.
Das Projekt zeigt beispielhaft, wie der Bestand eines ursprünglich als abbruchreif eingestuften Gebäudes nicht als Last, sondern als wertvolle Ressource genutzt werden kann – und wie sich Prinzipien der Kreislaufwirtschaft bereits in der Planungsphase wirkungsvoll umsetzen lassen.

 

 

Bürogebäude Lumi
Uppsala, Schweden

Bauherr und Generalübernehmer: Vasakronan
Architektur: White Arkitekter
Leitender Architekt: Anders Tväråna
Projektleiterin: Anna Röjdeby
Landschaftsplanung: Dachterrasse: White Arkitekter, Gelände: Karavan
Tragwerksplanung: Knut Jönson ingenjörsbyrå, Uppsala

BGF: 21.000 m²
Nutzfläche: 16.500 m²
Planungsbeginn: 02/2019
Bauzeit: 10/2022 – 10/2024
Kosten: ca. 720 Millionen SEK (inkl. MwSt)
Zertifizierung: LEED Platin

www.whitearkitekter.com

 

 

Text: Roland Kanfer
Fotos: Måns Berg

Kategorie: Projekte