Zwischen Schatten und Patina

13. November 2025 Mehr

Das Museum Bezau in Vorarlberg steht exemplarisch für den sensiblen Umgang mit Material, Oberfläche und Licht in der Architektur. Der Umbau und die Erweiterung durch Innauer Matt Architekten demonstrieren, wie Tradition und Moderne, handwerkliche Qualität und sinnliche Erfahrung ein kohärentes Zusammenspiel bilden – bis ins Detail und in jedem Bauteil spürbar.

 

 

Ein Raum voller Geschichte.

Das Museum Bezau ist ein Haus mit vielen Leben. Ursprünglich im 16. Jahrhundert erbaut, diente es im Laufe der Jahrhunderte als Wohnhaus, Sennerei, Feuerwehrhaus und Archiv. In seinen fast schwarz gealterten, dunklen Räumen spiegeln sich kollektive Erinnerungen ebenso wie die Baukultur des Bregenzerwaldes wider. „Der Bestand ist selbst ein Exponat“, betont Sven Matt, Partner bei Innauer Matt Architekten. „Es war uns wichtig, diese Materialgeschichte sichtbar zu halten und zugleich eine zeitgemäße Museumsarchitektur zu entwickeln.“

Mit ihrem Eingriff knüpfen die Architekten an eine historische Leerstelle an: den im 20. Jahrhundert verlorenen Stalltrakt. Durch den Neubau wird die ursprüngliche Typologie des Einhofs mit Vorder- und Hinterhaus wiederhergestellt. So bleibt der Charakter des Ensembles gewahrt und es entstehen gleichzeitig neue Räume für Empfang, Veranstaltungen und Wechselausstellungen.

 

 

Authentizität mit „Twist“

Holz ist das prägende Material und verbindet Alt und Neu auf subtile Weise. Der Erweiterungsbau zeigt sich außen in sägerauem, unbehandeltem Fichtenholz. Durch Sonne, Wind und Regen wird es nachdunkeln, bis es sich der Patina des Bestands angleicht. Innen hingegen eröffnet das weiß gekalkte Täfer einen hellen, beinahe ätherischen Kontrast. Der Kalk verweist auf eine alte bäuerliche Praxis – einst wurden Ställe regelmäßig gekalkt – und transformiert sie zu einer musealen Qualität.

Die Besucher:innen erleben somit ein Wechselspiel aus gedeckten, nachgedunkelten Bestandsstuben und lichten, beinah entrückten Neubauräumen. Der bewusste Kontrast zwischen Licht und Schatten ist zentral für die Atmosphäre. „Dieser Dialog fasziniert uns“, sagt Matt. Böden aus massiver Fichte und Möbel aus naturbelassener Esche ergänzen das Materialgefüge. Im Untergeschoss tritt geschliffener Beton als kühler Kontrast hinzu.

 

 

Die Oberfläche als Teil der Erfahrung

Die Architekten verstehen die Oberfläche aber nicht als bloßes Finish, sondern als Ausdruck der Materialgeschichte. Sichtbare Fugen, Risse, Lüftungsbohrungen oder die feine Fügung der Holzschalung sollen so zu einer sinnlichen Erfahrung werden. Jedes Detail ist Teil der Erzählung – bis hin zu den Ausstellungsmöbeln, die als Hommage an die Ofenstangen alter Stuben entwickelt wurden.

Entscheidend ist auch die Rolle des Lichts: Während das Vorderhaus mit seinen kleinen Butzenfenstern introvertiert bleibt, setzten die Architekten im Neubau auf eine bewusste Choreografie der Lichtführung. Motorisch gesteuerte Dachfenster lassen das Tageslicht von oben einfallen. Holzroste filtern es blendfrei und lenken es an die gekalkten Holzoberflächen, wo es weich reflektiert wird. Dadurch entstehen Räume, die in sanftes, diffuses Licht getaucht sind, in denen Tradition und Moderne atmosphärisch verschmelzen.

 

 

Die Lichtchoreografie: Architektur als Bühne.

Besonders eindrucksvoll ist die Inszenierung des Lichts. Jedes Geschoss folgt dabei einer eigenen Logik: Im Erdgeschoss strömt das Licht seitlich ein, im Obergeschoss fällt es durch Dachöffnungen ein und im Dachgeschoss lenken Giebelfenster den Blick ins Dorf. Diese Abfolge erzeugt eine nahezu musikalische Dramaturgie und macht den Rundgang zu einer Choreografie aus Licht und Schatten.

Damit erfüllt das Museum eine größere architektonische Aussage: Es zeigt, wie sich mit einfachen, regionalen Materialien, dem Wissen um Alterung und der bewussten Führung von Tageslicht eine Architektur schaffen lässt, die nicht auf spektakuläre Gesten angewiesen ist, sondern ihre Kraft in der alltäglichen Schlichtheit entfaltet.

 

 

Handwerk und Atmosphäre

Das Projekt ist – wie so oft im Bregenzerwald – auch ein Manifest regionaler Handwerkskultur. Von der Planung bis zur Umsetzung erfolgte eine enge Zusammenarbeit mit lokalen Betrieben – egal, ob es dabei um die Zimmerei und das Schindelhandwerk oder die Tischler und Schmiede ging. Viele Details wurden direkt auf der Baustelle gemeinsam entwickelt. „Es geht um gegenseitige Wertschätzung der Fähigkeiten“, erklärt Matt. „Ohne die Kooperation der Handwerkenden wäre dieses Projekt in dieser Qualität nicht möglich gewesen.“

So wird das Museum nicht nur zum Speicher lokaler Geschichte, sondern auch zum Ausdruck zeitgenössischer Baukultur im Bregenzerwald. Dauerhaftigkeit und Atmosphäre verbinden sich in einem architektonischen Ensemble, das sowohl sinnlich erfahrbar als auch funktional flexibel bleibt.

 

 

3 Fragen an Sven Matt

Wie nähert man sich einem Umbau, der eine lange Geschichte zwischen Feuerwehrhaus, Sennerei und Archiv trägt?

Wir wollten das Museum nicht neu erfinden, sondern seine Geschichte weiterschreiben. Die bestehende Substanz war für uns kein Hindernis, sondern ein Schatz. Es ging darum, Spuren sichtbar zu lassen und gleichzeitig neue Räume für heutige Nutzungen zu eröffnen.

Welche Rolle spielen Material und Oberfläche für die Atmosphäre?

Holz war für uns gesetzt – als traditionelles, regionales Material, das zugleich viele Spielarten zulässt. Wir haben uns für unbehandeltes Fichtenholz entschieden, das mit der Zeit nachdunkeln wird. Im Inneren kontrastieren wir es mit weiß gekalktem Täfer, wodurch die Räume hell und museal neutral erscheinen. So entstehen verschiedene Schichten von Zeit und Licht.

Was kann das Museum Bezau über den Umgang mit Materialien in der Architektur erzählen?

Es zeigt, dass der Bestand den Takt vorgibt. Wenn man seine Materialität ernst nimmt, ergeben sich Logik und Atmosphäre fast von selbst. Mit regionalen, natürlichen Baustoffen und einer bewussten Oberflächenbehandlung lassen sich zeitgenössische Räume schaffen, die sich in den Kontext fügen und dennoch eine eigene Sprache sprechen.

 

 

Museum Bezau
Bezau, Österreich

Bauherr: Museumsverein Bezau
Planung: Innauer Matt Architekten
Team: Sandra Violand (PL), Tobias Franz
Statik: merz kley partner GmbH
Dachflächenfenster: VELUX

Grundstücksfläche: 561 m²
Bebaute Fläche: 232 m² (Bestand + Neubau)
Nutzfläche: 273 m² (Neubau)
Planungsbeginn: 2018
Bauzeit: September 2022
Fertigstellung: April 2024

www.innauer-matt.com

 

 

Text: Linda Pezzei
Fotos: Dominic Kummer

Kategorie: Projekte