Zwischen Stadt und Industrie

16. Januar 2026 Mehr

Am Bahndamm des Berliner S-Bahn-Rings, dort, wo die dichte Blockrandbebauung Neuköllns abrupt endet, öffnet sich ein Raum, der lange brachlag. Zwischen Bahndamm und dem Neuköllner Schifffahrtskanal entstand einst ein industrielles Areal aus Fabriken, Lagerhallen und Umschlagplätzen. Jahrzehntelang war dieser Abschnitt ein Zwischenraum – zu groß für Wohnbebauung, zu unzugänglich für öffentlichen Raum. Heute markiert hier der Campus SHED den Übergang von der gewachsenen Stadt zur offenen Wasserlandschaft.

 

 

Vom Werkhof zum Wissenscampus

Auf dem langgestreckten Grundstück reihen sich Neubauten und umgenutzte Industriebauten entlang des Kanals zu einem linearen Ensemble. Unter dem Titel „SHED“ entstand auf rund 31.000 m2 Nutzfläche ein urbaner Campus mit Hochschulnutzung, Start-ups, Leichtindustrie, Gastronomie und öffentlichen Freiräumen. Das Konzept folgt der Idee einer neutralen, offenen Architektur: kein klassisches Bürohaus, keine Werkhalle, sondern eine räumliche Infrastruktur, die unterschiedlichste Nutzungen aufnehmen kann. So wird aus der Industriebrache ein Ort der „New Work“-Kultur.

 

 

Das Herzstück des Ensembles

Den Mittelpunkt des Areals bildet das Warehouse, ein sechsgeschossiger Baukörper mit markantem Sheddach, das der gesamten Anlage den Namen gab. Der gezackte Dachverlauf – ein Motiv aus der Industriearchitektur des 19. Jahrhunderts – wird hier zur identitätsstiftenden Geste. Wie in alten Werkhallen fangen die nach Norden gerichteten Dachflächen das Tageslicht blendfrei ein und bringen es tief in die Gebäudeflucht. Unter dem Dach entfalten sich großzügige, lichtdurchflutete Geschosse, die nicht für eine bestimmte Nutzung entworfen, sondern als Stapel leerer, flexibel bespielbarer Räume angelegt sind.

Vier identische Kerne erschließen den Bau, drei Höfe gliedern das Volumen zum Wasser hin und führen zusätzlich Licht und Luft in die Tiefe des Grundrisses. Diese räumliche Struktur erlaubt eine hohe Flexibilität. So nutzt die SRH-Hochschule 13.000 m2 im Warehouse für Tonstudios, Ateliers, Ingenieurlabore sowie eine Bühne.

 

 

Industrielles Vokabular in neuer Grammatik

Architektonisch übersetzt das Warehouse industrielle Robustheit in zeitgenössische Eleganz. Die vertikal gegliederte Metall-Glas-Fassade verleiht dem großen Baukörper eine feine Maßstäblichkeit. Von unten nach oben verdichten sich die Lisenen – die Erdgeschosszone bleibt offen und durchlässig, während die oberen Geschosse eine fast textile Geschlossenheit zeigen. So entsteht ein Wechselspiel aus Transparenz und Reflexion, aus Leichtigkeit und Präzision. Die gleichmäßige Rasterung nimmt jede spätere Raumteilung auf, ohne das klare Erscheinungsbild zu stören. Die metallische Haut integriert absturzsichernde Fensterbänder, die eine natürliche Belüftung ermöglichen – ein subtiler Dialog zwischen technischer Rationalität und gestalterischer Disziplin.

 

 

Konstruktion mit System

Die Tragstruktur folgt einem rationalen Raster von 11 Metern in Längs- und 7,20 Metern in Querrichtung. Stahlverbundträger und vorgespannte Hohldielen bilden weit gespannte Decken. Diese Hybridbauweise erlaubt große Spannweiten bei geringem Materialeinsatz und damit eine Balance aus Effizienz und Nachhaltigkeit. Die Sheddächer greifen das Prinzip der Regelgeschosse auf: Schräggelegte Hohldielen, auf Stahlträger aufgelegt, tragen eine metallische Dachhaut mit Photovoltaik-Paneelen auf den südorientierten Flächen. Das Dach wird so zur Energiequelle und vereint Funktion und Form.

 

 

Ein Campus aus vier Solitären

Neben dem Warehouse gehören die Gebäude Workshop, Loft und die umgebaute Community Hall zum Campus. Jedes Bauwerk interpretiert das Thema „industrieller Archetypus“ auf eigene Weise: als Werkstatt, als Loft, als Halle. Zusammen bilden sie ein fein austariertes Ensemble aus unterschiedlichen Volumina, Materialien und Raumhöhen, verbunden durch öffentliche Wege, Höfe und Terrassen bis ans Wasser.

Die Gebäudefassaden folgen dem Leitmotiv einer reduzierten Materialität: Metall, Glas, Beton. Ihre Farbigkeit bleibt neutral, die Oberflächen changieren je nach Licht zwischen matt und reflektierend. Im Inneren setzen rohe Sichtbetonflächen, helle Estriche und offene Installationen den Werkcharakter fort. Diese bewusste Einfachheit verleiht den Räumen Authentizität, Nutzer:innen können hier ihre eigenen Arbeitswelten gestalten.

 

 

Öffnung zum Wasser

Ein besonderes Element bildet die westlich orientierte Loggia im fünften Obergeschoss, , die als ein urbaner Balkon zur Innenstadt fungiert. Von hier aus bietet sich ein weiter Blick über die angrenzenden Stadtviertel. Somit ist die Loggia ein Signal der Öffnung: der Campus als Teil eines größeren Stadtraums. Geplant ist die öffentliche Zugänglichkeit des Ufers, mit Gastronomie und offenen Flächen am Wasser.

 

 

Nachhaltigkeit als Haltung

Alle Gebäude des Campus sind nach LEED-Gold zertifiziert, die Neubauten erfüllen zusätzlich ESG-Kriterien. Neben energieeffizienter Gebäudetechnik und Bauteilaktivierung setzt das Projekt auf Tageslichtnutzung, natürliche Belüftung, außenliegende Sonnenschutzelemente, mechanische Lüftung mit Wärmerückgewinnung und massive Decken zur thermischen Trägheit.

 

 

SHED Büro- und Hochschulcampus
Berlin – Neukölln

Bauherr: Klingsöhr Unternehmensgruppe, Berlin
Planung: Arbeitsgemeinschaft Sonneninsel Müller Reimann | REALACE
Landschaftsplanung: POLA Landschaftsarchitekten GmbH
Statik: Engelsmann Peters
Technische Gebäudeausrüstung: Plan B-Beratende Ingenieure
Brandschutz: IB Knoth
Bauphysik: Ingenieurbüro Axel C. Rahn

Grundstücksfläche: 15.500 m2
Bebaute Fläche: 6.900 m2
Nutzfläche: 30.250 m2
Bruttogeschoßfläche: 41.500 m2
Planungsbeginn: 07/2018 (Lp2-4) | 08/2020 (Lp5-8)
Baubeginn: 03/2021
Fertigstellung: 08/2024

www.mueller-reimann.de

 

Text: Roland Kanfer
Fotos: Stefan Müller

Kategorie: Projekte