Les Magasins généraux

13. Dezember 2016 Mehr

Wo sich Zeit und Modernismus vermengen.
Les Magasins généraux / Pantin / Jung Architectures

Man sieht in letzter Zeit häufig die Bilder von den Bauten des sogenannten Betonbrutalismus der 30er bis 60er Jahre in den Medien. Dabei wird immer der (oft abenteuerliche) Reiz dieser Architekturen betont und gezeigt. Speziell in der Zeit des Kommunismus und Sozialismus wurden im Osten Europas sehenswerte, schon als Skulpturen zu bezeichnende Betonbauten (Stadien, Monumente, Hotels etc.) geschaffen. Im Westen war dieser Stil eher im sozialen Wohnbau und im Industriebau zu finden. Auch Paris, und hier vor allem die berüchtigten Banlieues, sind nicht arm an Beispielen dieser oft bizarren Architekturen.

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Am Canal de l’Ourcq in Pantin, wo sich das Umland mit der Stadt vermischt, steht ein 20.000 m2 großes, ehemaliges Getreide- und Mehllager – ein Musterbeispiel für Stahlbetonbau. Es ist eine Gegend mit gerade aufkeimenden kulturellen Aktivitäten, ein Bestandteil der Entwicklungszone des sogenannten „Greater Paris“, ein Ansiedlungsgebiet für kreatives Wachstum, Produktion und Innovation. Der verwahrloste Industriebau war in den letzten Jahren eines der Lieblingsziele von Graffitikünstlern und das Gebäude war bereits fast völlig übersprüht. Bis es von BETC, einer der führenden Marketingagenturen Europas gekauft wurde. Als neuer Besitzer dieser Immobilie beauftragten sie die Jung Architectures mit der Neuausrichtung und architektonischen Erneuerung dieses, „Les Magasins généraux“ genannten Komplexes als gemeinschaftsorientierten Treffpunkt für kulturelle Experimente. Frédéric Jung hatte bereits einen gewissen Ruf bei der Transformation historischer Gebäude in funktionelle, schöne Orte mit einem zeitgemäßen kommerziellen Inhalt oder für Wohn- und Kulturnutzungen. Er fokussierte sich nun bei diesem Projekt darauf, die Wünsche der zukünftigen Benutzer und Bewohner mit den ursprünglichen Konstruktionselementen der Architektur in Einklang zu bringen und das Bauwerk als eine Landmark am Canal de l’Ourcq zu erhalten. Heute bietet es Platz für die 900 Mitarbeiter von BETC und noch 5.000 m2 freien Raum für kreative Projekte.

Über 1.800 m2 sind zum Beispiel exklusiv für die Produktion von Film, Musik, Design, Radio und digitalen Inhalten in einem Bereich mit der Bezeichnung „The Garage“ reserviert. Das Café sitzt inmitten der Medienbibliothek der Agentur, hier können die Mitarbeiter essen, arbeiten, plaudern und lesen. Der Chefkoch persönlich serviert Biogerichte, sowohl in der 1.000 m2 großen „La Cantine“ wie auch im Tag-und-Nacht-Café „Kartz“. Die Agentur lädt wöchentlich „Chefköche in Residenz“ ein, um neue Gerichte vorzustellen.

Die theatralischen und robusten, originalen Kennzeichen dieser Industriearchitektur aus den 30er Jahren sind unter anderem die insgesamt 1,4 Kilometer langen Gänge und Passagen, die den Ost- mit dem Westflügel verbinden. Die gewaltigen Betonsäulen und -träger aus Stahlbeton wurden alle erhalten – sie verdeutlichen den Respekt vor der Vergangenheit und beeinflussen heute die kreative Arbeit, die zwischen ihnen stattfindet. Im Inneren des riesigen Komplexes wird die Atmosphäre von Holz und natürlichen Materialien bestimmt. Zwei Innenhöfe, gefüllt mit Farnen, bieten ausreichend natürliche Belichtung. Vieles vom ungewöhnlichen Design der Architektur stammt aus dem Originalzustand: Atypische Räume, welche einen überdachten Hof unter dem Turm des Gebäudes beeinhalten, ein Platz für „Powernapping“ unter den Dachvorsprüngen des obersten Geschosses, der Garten mit der Betonpergola am Dach und die Halbgeschosse im Osten und Westen.

Die Umplanung ermöglichte auch neue Formen der kreativen Zusammenarbeit. Rémi Babinet (Founding Chairman) und BETC Art Director Aurélie Scalabre arbeiteten zusammen mit der in Paris ansässigen Designfirma T&P Work UNit und weiteren zwölf, von der Agentur ausgewählten, Teams von Designern und Architekten an der Planung des Innenraumdesigns und der künstlerischen Ausgestaltung von Les Magasins généraux. Sie definierten die Arbeitsräume und die gewünschte kulturelle Umgebung der Büros. Jedes Detail wurde von vornherein genau überlegt. Alle individuellen Arbeitsräume sind intelligent durchkonzipiert, um den Alltagsbedürfnissen der Nutzer zu genügen, sei es eine Einzelplatzarbeit oder ein Gruppenmeeting mit 20 Personen.

Les Magasins généraux bietet gleichfalls eindrucksvolle Außenräume, Terrassen, von denen der Kanal überblickt werden kann, und üppig bewachsene Dachgärten. Die Natur inspiriert und beeinflusst hier viel von der Infrastruktur – es gibt Möglichkeiten für Fledermäuse, Vögel und Bienenstöcke. Das Erdgeschoss ist vollkommen für das Publikum geöffnet. Es gibt einen Creative-Event-Space namens „La Grande Salle“, ein Biorestaurant und einen Konzert- und Veranstaltungsbereich. Die Nachbarschaft kann hier essen, sich aufhalten, einkaufen, einen Workshop besuchen und Livemusik erleben. Dieses Projekt ist auf die Zukunft gerichtet, gleichzeitig eine echte Alternative zu einem Abriss. Man sieht zum Beispiel an den manchmal etwas ausgebröckelten Betonträgern die Spuren der Zeit, aber sie werden sicherlich noch weitere Dekaden ihren Dienst tun und die graue Energie, die in ihnen gebunden ist, Sinn bringend verwenden.

 

Les Magasins généraux
Pantin, Frankreich
Bauherr:
BETC
Planung: Jung Architectures
Statik: Khephren
Nutzfläche: 18.000 m2
Planungsbeginn: 2008
Bauzeit: 2013 – 2016
Fertigstellung: 2016
Baukosten: 45 Mio. Euro

Fotos: ©Hervé Abbadie, Philippe Garcia, Meffre & Marchand

Text: Peter Reischer

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Kategorie: News, Projekte

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