Nachhaltiges Planen und Bauen – ohne Ausbildung?

20. Mai 2009 Mehr

Resümee der Podiumsdiskussion der Bundeskammer der Architekten und Ingenieurkonsulenten

Am 18. Mai traf sich auf Einladung des Ausschusses Nachhaltigkeit der Bundeskammer der Architekten und Ingenieurkonsulenten (bAIK) ein hochkarätiges Podium im ERSTE Bank Event Center, um über die Bedeutung der interdisziplinären Ausbildung von ZiviltechnikerInnen im Rahmen des nachhaltigen Planens und Bauens zu diskutieren.

In seinen Begrüßungsworten erläuterte Peter Maydl, Vorsitzender des bAIK-Ausschusses Nachhaltigkeit, dass es durchaus einzelne Ansätze zum Thema Nachhaltigkeit im Bausektor gäbe – beispielsweise in Krems, Wien und Graz. In der Ausbildung von ArchitektInnen gehe es jedoch bisher vor allem ums Entwerfen; bei konstruktiv orientierten BauingenieurInnnen um Schnittgrößenermittlung und Bemessung. Dringend notwendig sei die interdisziplinäre Planung von Bauprojekten. ArchitektInnen und BauingenieurInnen müssten lernen, wie der jeweils andere Part denkt. Dazu sei eine weitergehende Zusammenarbeit als bisher – z.B. bei Projektarbeiten während des Studiums – an den Universitäten notwendig. Nachhaltigkeit sei kein singuläres Fach, sondern müsse in alle Einzeldisziplinen einfließen.

Christian Kühn, Studiendekan der Studienrichtung Architektur an der TU Wien, wies darauf hin, dass die Wurzeln der Nachhaltigkeitsdiskussion bereits in den 30er Jahren liegen, als Richard Buckminster Fuller seine Maximen formulierte. Heutzutage sei der Referenzrahmen in der Diskussion angenehm weit. Es gehe nicht mehr nur um „ökologische versus andere ArchitektInnen“. Man wisse, so Kühn, dass die Welt nicht durch das Passivhaus gerettet werden könne. Den Auftrag der Universitäten sieht er darin, ganzheitliches Denken transparent zu machen und in den neuen Bachelor- und Masterstudiengängen zu verankern, wie beispielsweise im TU-Studiengang „Bauen in ökologischen Systemen“. Auch die Themen Praxisorientierung und postgraduale Ausbildung seien weitere heiße Eisen.

Ursula Schneider, Geschäftsführerin pos architekten ZT-KG, merkte kritisch an, dass von nachhaltigkeitsorientierter Ausbildung in ihrem Büro letztlich nichts ankomme. PraktikantInnen und BerufseinsteigerInnen brächten zwar durchaus kreatives Entwurfspotential mit, würden jedoch weder andere Klimazonen, noch globale Entwicklungen oder Zeitfaktoren bedenken. Es sei nicht im Bewusstsein verankert, dass Gebäude ein Energiezustand sind, der umfassend in die Umwelt eingebettet werden müsse: „Architektonische Entwürfe müssen Ästhetik und Ökologie verbinden. Wir brauchen ZiviltechnikerInnen mit einer gewissen Haltung, die ihr Handwerk beherrschen und es mit innovativer Technik sowie kreativem Denken verknüpfen.“ Eine gemeinsame Sprache von ArchitektInnen und IngenieurInnen sei unerlässlich. Würde ein umfassender Nachhaltigkeitsbegriff, der neben Wasser und Boden auch Bauen umfasst, schon in der Schule gelehrt, wären auch Bauherren in 20 Jahren andere.

Der Begriff Nachhaltigkeit rufe Aggressivität bei ihm hervor, eröffnete Klaus Daniels, Professor für Entwerfen und Gebäudetechnologie an der TU Darmstadt, weil er zum Modewort verkomme. Studierende sollten angesichts knapper werdender Ressourcen wahrhaft über den Entwurf hinausdenken. Die im Studium vermittelten Inhalte blieben jedoch nicht hängen, weil kaum Zeit sei, sie praxisnah zu vertiefen. Außerdem könnten einige „ältere KollegInnen“ die Ideen der Nachhaltigkeit nicht adäquat vermitteln. Als positives Beispiel nannte Daniels den französischen Mischstudiengang „Architektur und Gebäudetechnik“. Dort würden die TeilnehmerInnen wirklich wissen, worum es beim nachhaltigen Bauen gehe. Daniels forderte Konzepte zur Nachschulung im Bereich Nachhaltigkeit. Und die Beantwortung der Frage, wie ein Studium richtig angelegt sein müsste, um abzudecken, was zukünftige BaumeisterInnen in puncto Nachhaltigkeit können müssen.

Christoph Achammer, Vorstandsvorsitzender und Architekturpartner ATP Architekten und Ingenieure sowie Professor am Lehrstuhl für Industriebau und interdisziplinäre Bauplanung der TU Wien, erklärte, dass es keine einheitliche Baufakultät für alle betroffenen Studiengänge in Österreich gäbe. Vor einer Diskussion der Studieninhalte müsse geklärt werden, ob integrales Denken in der Bauplanung überhaupt gewünscht sei. Es gehe nicht um mehr Wissen, sondern um eine von Grund auf geänderte Haltung der einzelnen Planungsdisziplinen: „Zu Beginn ihrer Ausbildung verstehen sich ArchitektInnen, IngenieurInnen und HaustechnikerInnen noch blendend. Bei deren Abschluss verlassen sie mit professionellem Hass aufeinander die Bildungsstätte. Wir stehen heute erst am Anfang einer Entwicklung hin zu erfolgreichen Bildungsprogrammen.“

Am Podium saßen: 

Univ.-Prof. Arch. DI Christoph M. Achammer
ATP Architekten und Ingenieure, Vorstandsvorsitzender und Architekturpartner, Univ.-Professor am Lehrstuhl für Industriebau und interdisziplinäre Bauplanung, TU Wien

Prof. Dr.-Ing. e.h. Klaus Daniels
Professor für Entwerfen und Gebäudetechnologie, TU Darmstadt

a.o. Univ.-Prof. DI Dr. Christian Kühn
Studiendekan der Studienrichtung Architektur der TU Wien

Arch. DI Ursula Schneider
Geschäftsführung pos architekten ZT-KG

Univ. Prof. DI Dr. Peter Maydl (Organisation und Leitung)
Vorsitzender des Kammerausschusses Nachhaltigkeit

Moderation: Dr. Peter Huemer
Journalist und Historiker

Save the date:
Mittwoch, 28.10.2009: „Nachhaltiges Planen und Bauen – ohne Gebäudezertifikat?“
Diese Veranstaltung findet ebenfalls im Event Center der Erste Bank statt.

Pressekontakt:
Mag. Franziska Gerner
juicy pool. communication
T: +43-1-481 54 54 / 50
F: +43-1-481-54-54 / 11
E: franziska.gerner@juicypool.com

Quelle: Bundeskammer der Architekten und Ingenieurkonsulenten www.arching.at

Kategorie: Tagesaktuelles

architektur PEOPLE - Die Stadt

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen