Nachhaltiges Planen und Bauen – ohne Passivhaus?

27. September 2010 Mehr

Resümee der Podiumsdiskussion der Bundeskammer der Architekten und Ingenieurkonsulenten von Montag, den 20. September 2010

Zum vorläufigen Abschluss seiner Diskussionsreihe „Nachhaltiges Planen und Bauen“  lud der Ausschuss Nachhaltigkeit der Bundeskammer der Architekten und Ingenieurkonsulenten (bAIK) erneut ins ERSTE Bank Event Center in der Wiener Innenstadt. Mit dem Thema „Passivhaus“ begab sich Peter Huemer mit seinen Diskutanten auf ein hoch komplexes und – wie sich im Laufe der Diskussion zeigte – durchaus polarisierendes Gebiet.

Georg W. Reinberg, Mitglied des Ausschusses Nachhaltigkeit, stellte einleitend kurz die Idee des Passivhauses vor: Das von Prof. Wolfgang Feist in den 90er Jahren entwickelte Konzept setzte erstmals Standards für einen energieeffektiven Wohnbau und war Meilenstein für die Entwicklung einer zukunftsfähigen Baukultur. Ein gängiger Kritikpunkt am Passivhaus betreffe jedoch den Fokus auf den Aspekt des Heizenergiebedarfs. Es sei zu überlegen, ob nicht auch zusätzliche Komponenten für zukünftiges Bauen ebensoviel oder sogar mehr Bedeutung hätten. Mit der Frage, ob neuere Konzepte wie „Sonnenhaus“, „Solar-Aktivhaus“, „Nullenergiehaus“, „Plusenergiehaus“, „Minergie-Plushaus-Öko“ u.a. für eine parallele Entwicklung, eine Weiterentwicklung oder einen Rückschritt beim nachhaltigen Bauen stünden, eröffnete er die Diskussion.

Martin Treberspurg, Professor am Institut für Konstruktiven Ingenieurbau der BOKU Wien, betonte, dass nachhaltiges Bauen bei der Stadtplanung beginne. Konkret verwies er auf das Projekt solarCity Linz-Pichling, das Sonnenenergie sehr umfassend nutze. Dadurch habe der Energieverbrauch, über den Stadtteil gemittelt, auf 36 kWh/(m²a) gesenkt werden können. Eine Studie, für die rund 60.000 Daten erfasst und ausgewertet wurden, habe zudem die hohe Zufriedenheit bei den Bewohnern bestätigt. Außerdem zeigte er auf, dass ein Passivhaus im großvolumigen Wohnbau nicht unbedingt teurer sein muss.

Sonja Geier vom AEE – Institut für Nachhaltige Technologien in Gleisdorf beschäftigt sich vor allem mit dem Plusenergiehaus: ein Gebäude auf höchstem Passivhaus-Standard, das rein rechnerisch mehr Energie gewinnt, als es verbraucht. Sie beklagte, dass die Umsetzung  dieser und anderer Standards derzeit noch vom persönlichen Engagement abhinge. Ein weiteres Manko ortete sie in der Konzentration auf den Neubau – der zudem immer eine Belastung darstelle -, während das wahre Problem beim Bestand liege. Dazu stellte sie einen Kriterienkatalog vor, der das Sanierungspotenzial analysiert und dabei auch infrastrukturelle Komponenten abfragt: Wo ist es überhaupt möglich, einen nachhaltigen Lebensstil zu führen?

Georg Dasch, Architekt und Repräsentant des Sonnenhaus-Instituts in Straubing (D), ließ mit folgendem Motto aufhorchen: „Stromverbrauch minimieren, denn Strom ist zu schade zum Verheizen.“ Er stellte das mit thermischer Solarenergie betriebene Sonnenhaus vor, das mit einem Primärenergieverbrauch von
10 kWh/(m²a) auskomme. Dieser Wert sei auch mit Passivhäusern schwer zu erreichen. Gleichzeitig räumte er ein, dass es nicht ausschließlich um immer geringe Werte beim Primärenergieverbrauch gehe. In Hinblick auf die Lebensqualität forderte er ein stärkeres Zusammenwachsen von Theorie und Praxis.

Brian Cody, Professor am Institut für Gebäude und Energie der TU Graz, heizte die Diskussion mit markanten, von den anderen Teilnehmern jedoch bestrittenen Zahlen auf: Die bislang präsentierten Konzepte, ebenso wie die derzeitige Herangehensweise an das Thema im Allgemeinen, seien mehr oder weniger unbedeutend – der Effekt bewege sich im Promillebereich. Er forderte, die Stadt radikal neu zu denken. „Whole system thinking“ sei hierfür unabdingbar: Faktoren wie Herstellungsenergie und räumliche Verdichtungen, vor allem aber die Dimension der Zeit würden derzeit zu wenig beachtet. In Graz etwa würde in fünfzig Jahren weniger als die Hälfte des derzeitigen Bestands noch existieren. Statt punktueller Aktionen seien Masterpläne für Städte gefragt. Jetzt habe man die Chance, das globale Hauptproblem der Energieversorgung zu lösen. Im Sinne von „Form follows Energy“ gelte es, natürliche Kräfte stärker zu nutzen, im Hochhausbau etwa die Windströme an der Fassade. 

Thomas Bednar, Professor am Forschungsbereich für Bauphysik und Schallschutz der TU Wien, widersprach Brian Codys Ausführungen. Die bislang entwickelten Methoden würden durchaus funktionieren. Er verwies insbesondere auf die Bedeutung der integralen Planung und der Qualitätssicherung. Wichtig sei der Zusammenhang zwischen Lebensstil und Energieverbrauch: Für welchen Lebensstil würden Häuser gebaut?

Kategorie: Tagesaktuelles

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