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35 www.architektur-online.com Architektur und Zeit Imperativ antworten: „Niemand baut für sich alleine“ und wir müssen alle Rücksicht aufeinander und die Umwelt nehmen. Die Diskussion darüber, wie das stattfinden soll, muss aber an anderer Stelle und zu einer anderen Zeit geführt werden. Erst mit dem Entstehen und Aufkommen der industriellen Revolution (also eher in letzter Zeit) wurde ein weiterer Funktionszweig der Architektur entwickelt: die Industriearchitektur. Diese war anfangs (vgl. Bauhaus) noch durchaus liebevoll gestaltet, mit Accessoires versehen, hatte gestaltete, rhythmische Fassaden (Tabakfabrik/Linz von Peter Behrens und Alexander Popp). Erst in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, im Wiederaufbau, legte man großteils jede Rücksicht auf Feinheit ab und produzierte Architektur als industrielles Produkt (Le Corbusier). „Time is money“ beziehungsweise der Gedanke der Gewinnmaximierung verdrängte alle anderen Überlegungen. Nun am Ende eines produktions- und gewinnorientierten Zeitalters, am Beginn des Anthropzän, – die Zeit, in der der Mensch hier bereits als geologischer (nicht nur biologischer) Faktor so aktiv war, dass dies global spürbar war und ist – stehen wir vor der Herausforderung, mit den sogenannten „Altlasten“ etwas anzufangen. Wegreißen ist nicht unbedingt (obwohl in manchen Fällen durchaus legitim) die Lösung par excellence. In Vorarlberg ist ein Hausbesitzer wegen des unbewilligten Abrisses eines denkmalgeschützten Baus aus dem 14. Jahrhundert gerade zu einer saftigen Geldstrafe verurteilt worden. In diesem Fall liegt jedoch das Übel weniger beim Eigentümer als einem Denkmalschutz, der einfach alles unter Schutz stellt, das älter als 100 Jahre ist. So geht es also auch nicht. Findige Architekten haben in dieser Nische längst einen neuen Geschäftszweig entdeckt. Mit der zeit- aber auch geldintensiven Erneuerung, Wiederbelebung und Neunutzung alter Substanz lässt sich gutes Geld machen. Es soll aber hier keineswegs den Bauschaffenden ein reines Profitdenken unterstellt werden – wer viel investiert – sei es Zeit, Leistung, Kreativität – soll auch entsprechend entlohnt werden. Dass solche Projekte kostenintensiv sein können, dafür ist wohl die gerade eröffnete Elbphilharmonie vom Schweizer Büro Herzog & de Meuron das beste Beispiel. Zeitliche Überschreitungen, Fehlplanungen, Misswirtschaft und politische Interventionen waren ebenso die Ursachen dafür, dass der Bau mittlerweile zu den zehn teuersten Hochbauten der Welt gehört. Es gibt eigentlich nur wenige, noch verschwenderische Prozesse, als das Wegreißen alter Bausubstanz und deren Ersetzung durch einen kompletten Neubau. Und obwohl diese Vorgangsweise einer ungeheuerlichen Fehlnutzung von Energie (graue Energie) und Material heute das Übliche ist, hat sich doch eine alternative Richtung des Weiterbenutzens von Abbruchmaterialien entwickelt (und damit ist nicht nur das „Urban Mining“ gemeint). Auf diese Weise errichtete Bauten enthalten oft Zitate und Erinnerungen an vergangene Zeiten, an (vielleicht) „bessere“ Zeiten und natürlich auch eine Verbindung zum Kontext des Ortes. Einige Beispiele dieser adaptiven Neunutzung, der Konversion von alten Gebäuden in etwas, das besser in die zeitgemäßen Anforderungen passt, sollen hier nun gezeigt werden. Und zwar an vergangenen, momentanen und zukünftigen Projekten, welche durch ihren transformativen Anspruch Intelligenz und Vision vermitteln. Benutzte oder abgenutzte Objekte haben oft einen großen Reiz und Charakter, manchmal mehr als die sogenannten „eyecatcher“. © Thies Raetzke


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