Kleine Häuser für große Tage

8. September 2026 Mehr

Mit dem Kinderhaus Graschuh in Stainz hat Hohensinn Architektur eine Betreuungseinrichtung realisiert, die den Maßstab des Kindes ebenso ernst nimmt wie den des Ortes. Sieben Holzhäuser mit Satteldächern fügen sich zu einem kompakten, zugleich fein gegliederten Ensemble. Aus der Distanz erscheint der Neubau wie ein kleines Dorf am Rand der weststeirischen Siedlungsstruktur; im Inneren entfaltet sich daraus eine differenzierte Lern- und Lebenslandschaft für Kindergarten- und Kinderkrippenkinder.

 

 

Das Projekt ging Anfang 2022 aus einem geladenen einstufigen Realisierungswettbewerb der Marktgemeinde Stainz hervor. Ursprünglich war der Neubau für zwei Kindergartengruppen und zwei Kinderkrippengruppen vorgesehen, mit einer späteren Erweiterung um je eine Gruppe. Im Planungsprozess gelang es jedoch, diese zusätzlichen Gruppen bereits im ersten Bauabschnitt zu integrieren. Begünstigt wurde dies durch die modulare Grundstruktur des Entwurfs: Die Gruppenhäuser folgen einem wiederholbaren räumlichen Prinzip und konnten innerhalb der Gesamtfigur ergänzt werden. Damit ließen sich nicht nur spätere Baukosten vermeiden, sondern auch eine nachträgliche Baustelle im laufenden Betrieb.

 

 

Ankommen und Orientieren

Die Lage südwestlich des Hauptorts, in der Nähe von Mehrzweckhalle und Sportplatz, verlangte nach einer klaren Ankunftssituation. Der Eingang liegt geschützt am unteren Ende eines großzügigen Vorplatzes. Eine Schleife um eine Grüninsel organisiert das Bringen und Abholen, sodass Kinder sicher aussteigen und in das Gebäude gelangen können. Die L-förmige Anlage bildet zur Ankunftsseite eine räumliche Kante, öffnet sich aber nach Südwesten zum Garten. So entstehen zwei unterschiedliche Außenraumseiten: eine geordnete, übersichtliche Ankommenszone und ein geschützter, freier Spiel- und Aufenthaltsbereich.

 

 

Räume zwischen Gruppe und Gemeinschaft

Im Inneren setzt sich die klare Gliederung fort. Der L-förmige Erschließungstrakt verbindet die einzelnen Häuser miteinander und bildet das organisatorische Rückgrat der Anlage. Der zentrale Eingang liegt zwischen den beiden Trakten und führt in einen offenen Bereich aus Foyer und Speisezone. Dieser Raum funktioniert nicht nur als Verteiler, sondern auch als gemeinsamer Treffpunkt im Alltag und als Ort für Feste und Veranstaltungen. Von hier aus lassen sich Kindergarten- und Kinderkrippenbereiche gut getrennt, aber dennoch zusammenhängend erschließen. Sechs der sieben Häuser nehmen die Gruppenräume auf, während das siebte Haus Bewegungsraum und Verwaltungsbereiche beherbergt.

 

 

Jede Gruppe verfügt über eine eigene Garderobe mit direktem Gartenzugang. Diese „Schmutzschleusen“ sind funktional, aber auch pädagogisch wirksam: Sie erleichtern den Wechsel zwischen Innen- und Außenraum und stärken den Garten als selbstverständlichen Teil des Tagesablaufs. In Verlängerung der Gruppenräume liegen überdachte Terrassen, die den Aufenthalt im Freien auch bei wechselhaftem Wetter ermöglichen. Im Frühling und Herbst erweitern große Schiebetüren die Gruppenräume bei Bedarf nach außen; die Terrasse wird dann zum zusätzlichen Spiel- und Arbeitsbereich.

 

 

Das Kinderhaus Graschuh arbeitet nach einem teiloffenen System. Jedes Kind gehört einer Stammgruppe an, kann aber darüber hinaus andere Spielbereiche, Aktivitäten und Räume nutzen. Die Architektur unterstützt dieses Prinzip durch eine gut lesbare Grundordnung, kurze Wege und vielfältige Zwischenzonen. Projektleiterin Petra Boden fasst die Aufgabe als präzises Austarieren unterschiedlicher Anforderungen zusammen: Beim Kinderhaus Graschuh sei es darum gegangen, „technische Anforderungen, pädagogische Überlegungen und gestalterische Qualität so zu verbinden, dass am Ende ein Haus entsteht, das Kindern, Team und Familien gleichermaßen gerecht wird.“

 

 

Gerade in einer Einrichtung für kleine Kinder ist die Frage des Maßstabs entscheidend. Hohensinn Architektur löst diese Aufgabe nicht allein über die Gliederung der Baukörper, sondern auch über kleine räumliche Angebote im Inneren. Sitznischen, Fensterbänke, Lese- und Kuschelecken sowie Rückzugsorte unter Stiegen oder in Einbauten ergänzen die größeren Funktionsräume. Sie bieten Kindern heimelige Orte, die zum kreativen Spielen anregen, nicht vollständig exponiert, aber auch nicht abgeschottet sind.

 

 

Innen und Außen als pädagogisches Kontinuum

Der Außenbezug ist im Alltag unmittelbar spürbar. An jeweils einer Stirnseite der Gruppenräume zieht sich die Verglasung über die gesamte Raumhöhe bis in den Dachbereich. Dadurch öffnen sich die Räume nicht nur horizontal zum Garten, sondern auch vertikal bis unter die Dachschrägen. Aus den Krippen- und Kindergartenräumen können Kinder das Geschehen im Garten, am Grundstück und in der Umgebung beobachten. Die Architektur rahmt diese Blicke nicht als beiläufige Aussicht, sondern als Teil eines erweiterten Lern- und Erfahrungsraums.

Die Landschaftsarchitektur von studio boden bildet dazu die bewusst naturnahe Erweiterung. Organisch geführte Wege, Spielhügel und differenzierte Bepflanzungen legen sich um die klare Hausstruktur. Die Außenräume sind nicht als Restflächen behandelt, sondern als pädagogische Landschaft. Sie bieten Bewegungsräume, Rückzugsorte und Naturerfahrung und erweitern die Bildungsarbeit über die Gebäudegrenze hinaus.

 

 

Holzbau als Struktur und Atmosphäre

Holz ist das dominierende Material des Kinderhauses – konstruktiv, atmosphärisch und haptisch. Der Bau ist als reiner Holzbau ausgeführt, mit Holzriegelwänden und aussteifenden Brettsperrholzelementen auf einer massiven Bodenplatte. Die Gruppenhäuser tragen klassische Satteldächer mit Sparren und Pfettendachstuhl. Die modulare Holzbauweise ermöglichte zudem einen straffen Ablauf: Nach dem Spatenstich im Frühjahr 2023 standen bereits wenige Monate später die ersten Holzbauelemente. Im September 2024 nahm das Haus termingerecht den Betrieb auf.

 

 

Im Außenraum prägt sägerau belassene, lasierte Fichte die Erscheinung. Im Innenraum bleibt Fichte gehobelt und naturbelassen sichtbar, ergänzt durch Brettsperrholzwände, Holzlattungen und robuste Trockenbauflächen. Das Material ist nicht nur Oberfläche, sondern Atmosphäre: warm, ruhig, vertraut und robust. Die Materialwahl unterstützt auch die akustische Qualität. Im Kinderhaus Graschuh wurden unter anderem Heradesignplatten zwischen den Rippen der Flachdachbereiche eingesetzt; Holzlattungen mit vergrößerten Abständen schaffen akustisch wirksame Fugen in Dach- und Wandbereichen. Die offenen Holzoberflächen verbinden sich so mit einer Atmosphäre, die nicht nur visuell warm erscheint, sondern auch akustisch gedämpft und angenehm wirkt. Die Leiterin des Hauses beschreibt genau diese Wirkung: Beim Betreten entstehe unmittelbar ein Gefühl des Wohlbefindens, getragen von Holz, Licht und großen Öffnungen zur Natur.

 

 

Passive Strategien statt technischer Überformung

Das Energiekonzept kombiniert Fernwärme mit einer Photovoltaikanlage am Dach. Auf mechanische Klimatisierung wurde verzichtet. Stattdessen setzen die Planer auf passive Strategien: Nachströmöffnungen ermöglichen eine natürliche Belüftung, Vordächer und vertikale Holzlamellen reduzieren direkte Sonneneinstrahlung und schützen die Räume vor sommerlicher Überhitzung. Der flache Verbindungstrakt erhielt ein extensiv begrüntes Biodiversitätsdach mit Totholzhabitaten, Steinhaufen und Sandflächen. Es dient nicht nur dem Regenwasserrückhalt und dem Mikroklima, sondern schafft auch Lebensräume für Insekten und Kleintiere.

 

 

Mit dem Kinderhaus Graschuh ist der Marktgemeinde Stainz und Hohensinn Architektur ein Bildungsbau gelungen, der pädagogische Anforderungen, konstruktive Klarheit und landschaftliche Einbettung überzeugend verbindet. Die Auszeichnung als Gewinner der BIG SEE Architecture Awards 2026 in der Kategorie Educational Buildings unterstreicht die überregionale Relevanz des Projekts. Seine eigentliche Qualität zeigt sich jedoch im Alltag: in der Selbstverständlichkeit, mit der Kinder durch das Haus laufen, sich in Nischen zurückziehen, durch die großen Fenster nach draußen schauen oder die Terrassen als erweiterten Gruppenraum nutzen.

 

 

Kinderhaus Graschuh
Stainz, Steiermark

Bauherrschaft: Marktgemeinde Stainz
Planung: Hohensinn Architektur
Entwurfsteam: Karlheinz Boiger, Annette Strasser, Petra Boden, Branko Savatovic (ehem.)
Landschaftsarchitektur: studio boden
Statik: Kurt Pock KPZT GmbH, Mitterdorfer ZT GmbH
Bauphysik: rosenfelder & höfler
Brandschutz: Norbert Rabl ZT GmbH

Grundstücksfläche: 4.992 m²
Bebaute Fläche: 1.572 m²
Wettbewerb: 11/2021 – 02/2022
Planung: 2022 – 2023
Bauzeit: 04/2023 – 09/2024
Baukosten: ca. 5,7 Mio. Euro

www.hohensinn-architektur.at

 

Text: Andreas Laser
Fotos: pierer.net

Kategorie: Projekte